Die Damen von Bradshaw Kapitel 6
von
Lilli
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6.
Mrs. Harrison war eine große hagere Frau mit reichlich grauem Haar und einer schmalen Nase. Sie trug immer eine kleine, rosa Brille über deren Gläser sie immer hinweg schaute.
Außerdem wirkte sie immer genervt. Sie versuchte uns verzweifelt das Singen beizubringen schüttelte aber bei jedem immer hoffnungslos mit dem Kopf, außer bei Elly und Jane. Beide hatten eine bezaubernde und liebliche Stimme. Wenn man die beiden mit uns verglich, dann klangen wir wie Raben.
„So muss es sich anhören“ rief Mrs. Harrison begeistert.
Elly lächelte schüchtern und Jane machte höflich einen Knicks.
„Oh, sieh an!“ meldete sich plötzlich Julia zu Wort. „Unsere kleine Molli-Elly kann doch noch etwas“ Sie selber, Sara und Nicole fingen an kichern. Jessica unterdrückte ihr Lachen indem sie so tat, als würde sie husten.
„Meine Dame“ sagte Mrs. Harrison streng. „Es gibt nichts einzuwenden gegen eine schöne Stimme“
„Wäre Elly sonst doch nur auch so schön“ kicherte Sara weiter. Elly wurde rot und starrte zu Boden, während Jane sie kurz an der Schulter berührte.
„Ja…wie dem auch sei“ warf Mrs. Harrison schnell ein. „Singen wir noch einmal Amazing Grace“
Der Zeichenunterricht bei Miss Longburry war anders, als der andere Unterricht. Vielleicht lag es auch daran, dass Miss Longburry anders war, als der Rest der Lehrerinnen. Ich saß mit meiner Staffelei neben Elly, welche misstrauisch ihren Pinsel musterte. Ich schaute zu ihr: „Deine Stimme ist schön“ sagte ich kühl, dennoch höflich.
Sie schaute erschrocken auf, dann lächelte sie: „Danke, Lilli“ Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie fort: „Die Stimme habe ich von meiner Mutter. Sie war Opernsängerin“
Ich nickte anerkennend und tupfte die Spitze meines Pinsels in Farbe und begann mit dem Zeichnen der griechischen Göttin, die vor uns stand.
„Und vergesst nicht, Mädchen“ rief Miss Longburry mit ihrer tiefen Stimme in den Raum. „Ich möchte nicht, dass es einfach nur abgezeichnet ist. Es soll auch etwas von ihnen mit hinein fließen. Es muss etwas Persönliches haben“
„Ich möchte auch gar viel“ meinte Jessica seufzend. Dann schaute sie zu Miss Longburry: „Glauben Sie an die große Liebe?“
„Ich weiß nicht wieso Sie mich das fragen, Miss Kinnley“ fragte sie und schaute fragend zu Jessica.
„Na ja, ich frage Sie das deshalb, weil Sie, wie wir alle noch eine Miss sind“ meinte Jessica und zuckte mit den Schultern.
Miss Longburry schwieg lange dann nickte sie: „Ja, ich glaube an die große Liebe und will auch nur aus Liebe heiraten. Ein Mann muss auch akzeptieren, dass ich eine eigene Persönlichkeit habe“
Endlich mal jemand, der normal war.
Jessica seufzte: „Ja, aus Liebe heiraten ist etwas Schönes. Aber wie meinen Sie das mit der Persönlichkeit“
Bevor Miss Longburry antworten konnte, sagte ich ruhig, ohne aufzuschauen: „Dass du nicht dazu da bist, um deinen Gatten den Arsch abzuputzen“
Rose, Elly und Nicole brachen in schallendes Gelächter aus. Jane presste die Hand gegen den Mund und unterdrückte ihr Lachen.
Jessica schaute mich geschockt an, und Sara und Julia warfen mir missbilligende Blicke zu.
„Diese Ausdrucksweise will ich nicht noch einmal hören“ mahnte mich Miss Longburry.
„Aber es ist nun mal unsere Aufgabe, unseren Männern das Leben zu vereinfachen. Dafür verdienen sie ja das Geld“ warf Sara ein und schaute fragend zu Miss Longburry.
„Dazu will ich mich nicht äußern“ Dann klopfte sie auf die Staue. „Ich denke jede von euch hat eine Aufgabe“
Ich schaute zu der griechischen Göttin und begann zu zeichnen.
„Mit dieser Einstellung wirst du nicht lange hier bleiben können“ raunte Elly mir immer noch kichernd zu.
Ich zuckte mit den Schultern: „Hier wird man eh’ nur dazu verdonnert einen Kerl zu heiraten, den man nicht liebt“
„Nicht jeder hat den Luxus aus Liebe zu heiraten und dazu kommt auch noch der Druck der Schule und der Eltern“ murmelte Elly leise und schaute starr zu Boden. Ich schaute sie an und wusste, was sie meinte. Sie war nicht schön, nein, ihr Haar hing strähnig ins Gesicht, ihre Wangen waren aufgequollen und ihre hellblauen Augen wässrig. Es fehlte die Ausstrahlung. Natürlich konnte nicht jeder eine Schönheit, wie Julia oder Jane sein aber Elly hatte noch nicht einmal ein einziges äußerliches Markenzeichen, das sie hübsch machte.
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, also schwieg ich und widmete mich meinem Bild.
„Die Bilder schauen wir uns morgen an“ sagte Miss Longburry am Ende der Stunde. Sie ging schon durch die Reihen und schaute sich verschiedene Bilder an. Ich blickte noch einmal auf den Kunstraum und ging dann hinter Elly her.
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