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Kategorien > Depression > Brief

Die Drei Tage Der Depression

von Dr.Soltberg

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Am ersten Frühlingstag

Lieber Wilhelm,

Ich will hiermit zum Ausdruck bringen, dass ich mein Versprechen nicht vergaß, dir täglich Bericht über mein Befinden zu erstatten.
So komme ich dazu dir diese Zeilen zu schreiben, während die letzten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach, welches mich umgibt, fliehen.

Ein Gedanke bricht hervor und wird vom Wind hinfort getragen. Wie ein Herbstblatt tanzt er in der Höhe und streift sacht die Baumwipfel. Es ist schon seltsam, wie die Welt plötzlich anmutet, wenn all die Sinne schwinden.
Wenn blinde Augen Feuer sehen, taube Ohren Quellen rauschen hören.
Es war eine gute Idee in diese Wildnis zu fliehen und mich einige Zeit in dieser ruhigen Hütte vor der Menschheit zu verbergen. Der bewegungslose See, die Wälder in der Ferne und das schneeweiße Gebirge unter dem Horizont lassen mein Herze vor Schönheit erzittern.
Könntest du dies nur Alles sehen, du würdest verstehen, wieso ich unter dem Sternenhimmel welcher abendlich über der Welt thront zusammenbreche.
Mir wird ganz bang, wenn Aurora abendlich im Äther badet, wenn diamantenes Feuer den Himmel vernarbt und kristalline Tiefen das Zwielicht zeichnen, wenn sich Wellen aus Bernstein von der Sonne aus über mich ergießen, dann erinnere ich mich an die letzten Tage am Meer.
Des Nachts neigen sich die Ähren unter dem Firmament, wenn der Lebensatem über die Welt streicht.
Es ist so still hier, alter Freund, dass ich erschrecke, wenn ein einsamer Elch sein verwobenes Geweih erhebt und seinen schwermütigen Ruf minutenlang gegen die Felsenwände des Gebirges wirft. Ich merke langsam, dass ich nicht länger Fremdkörper in dieser Umgebung bin und es erfüllt mich mit Freude, wenn ich erkenne, dass ich die unangenehme Bürde des Sprechens ablegen konnte.
Ich gebe zu, ich führe ein Wolfsleben ohne Rudel, doch selbst zu dieser Zeit fühlt sich mein Winterherz hier wohl.
Ich habe zurück zu alten Tugenden gefunden. Melancholie und Romantik füllen dieses Panorama. Und wenn der Mond sich über diese zeitlose Welt erhebt, dann stimmt Natura einen Lobgesang auf den Untergang der Menschheit an.
Manchmal sitze ich stundenlang unter den Weiden am Rande des Seeufers und bewundere die Tiefen.
Oh lieber Freund, ich kann einfach nicht vergessen, wie sie in jenen Wassern ertrank.
Meine Glieder fühlen sich schwer, wenn ich bemerke, dass es keine Tränen sind, die meinen Nacken benetzen, kein Flüstern ist, was ich vernehme, sondern Regenfall.
Und dann wird mir klar, dass sie Nichts war, als ein Geist in meinen Armen.
Dies hier ist der rechte Ort asketischen Genusses. Hier finde ich die lang verlornen Tiefen meiner Seele wieder. Hier fühle ich die totgesagten Emotionen. Hier kann ich endlich wieder Dichter werden.
Doch nun muss ich schließen, da der Sonnenuntergang mich fort von der Feder reißt.
Ich will noch hinaus, mich an den See setzen, des blassen Mondes Triumph bewundern und eine ebenso blasse Folklore auf die Schönheit dieser Welt anstimmen.
Erst hier verstehe ich, dass ich Feuer über und Eis unter dem Herzen trage, dass es nicht meine Worte sind, die mich auszeichnen, mich werden lassen, der ich bin, sondern, dass es meine Gefühle und mein stummes Sehnen sind.

Adieu, lieber Wilhelm, ich will mich unter dem unendlichen Sternenhimmel begraben und beten, dass der Morgen niemals kommen mag.


Am zweiten Frühlingstag

Oh Freund,

Als ich heute erwachte, da fühlte ich mich wie in Ketten gelegt und mir war klar, dass es mir nicht gut ergehen würde. Ich erhob mich mit gesenktem Haupt, suchte mein Gesicht zu verbergen.
Zwar stand heute eine strahlende Sommersonne am Himmel, doch war sie so kalt, so unnütz. Auch, wenn der Sommer sich bald erhebt, so bin ich nicht willig zu folgen.
Alles ist eitel.
Das Blut in meinen Adern, wie der sinnleere Tag.
Es war ein schrecklicher, farbloser Morgen und ich machte meinen morgendlichen Weg um den See um einen klaren Kopf zu bekommen. Alle Schönheit schien gewichen und jeder Schritt quälte mich.
Keine Regung erfüllte mein Herz, nichts als kaltes Feuer füllte meine Augen.
So ließ ich mit endlich ruhelos auf einem großen Stein am Seeufer nieder und blickte in die Ferne, während ich auf die Nacht wartete.
Ich wollte Dunkelheit und Ruhe.
Ich ersehnte so sehr meinen Namen endlos flammend in die ewige Nacht zu brennen.
Denn blind sind meine Augen und so einsam ist das Warten auf Nichts.
Kannst du denn nicht sehen, was aus mir geworden ist? Die neue Nacht pulsiert so intensiv in meinen Adern, wie das verhasste Blut träge in meinen Venen rauscht. Wann ist es Zeit die schwarzen Flügel auszubreiten um vom Rande dieser Welt zu springen?
Ich muss Stunden am Rand des Sees verbracht haben. Rastete in der Leere meiner Träume.
Atmete den Dunst ein, füllten meine Lungen und sehnte mich danach die Flügel auszubreiten, während die schweigsamen Blutvögel von scharlachroter Schönheit über mir kreisten.
Da fühlte ich mich für eine Sekunde wieder jung, obwohl mein Herz so sehr gealtert war.
Die Welt war schwarz und weiß.
Die Zeiten der farbenfrohen Welt sind gewichen. Der Poet ist tot.
Und in der Fremde stechen die weißen Berge in den Himmel auf welchen ich sterben werde.
So beobachtete ich in meiner Emotionslosigkeit teilnahmslos den Lauf des Wassers in den diamantenen Bächen.
Ich sah, wie das unnahbare Wasser sanft einen halb im See verborgenen Stein umarmte und fortriss.
So wünsche ich in ihren blassen Armen zu sterben, eine Ode an die Stille zu werden, während die Seele eines Bergadlers hinabfallen möge.
Guter Freund, in naher Zukunft will ich mich aufmachen die schneeweißen Berge zu besteigen und nach jener Hütte aus Adlerholz zu suchen, die mein letztes Ziel sein mag.
Ich will mich bald niederknien und die Arme ausbreiten um all die Blutvögel meinen Wunden entweichen zu lassen.
Der Schnee ist lang schon gefallen und hat diese weißen Berge erhoben, auf welchen ich in Stille vergehen muss.
Es scheint mir so seltsam, dass der Winter vorüber sein soll, wo doch der heutige Tag, wie ein toter Wintertag anmutete.
So mag es sein. Sie fiel im Herbst, ich falle im Frühling.

Wenn auch dieser sinnleere Tag so schmerzhaft klingen mag, gibt es bei all der Leere, die mich füllt noch einen Gedanken, der mir Hoffnung gibt. Ich durchstreife diese Landschaft, welche längst ihre Schönheit abgeworfen hat und ersehne eine noch weitere Ferne. Ich erinnere mich dann daran, wie sie Feuer über das Firmament gezeichnet hat und wünsche mir noch einmal die Tage zurück, an welchen Gold und Bernstein den Himmel einkleideten. Die Tage, an welchen ich in Hallen aus verzaubertem Ebenholz stand und mich ganz meinem Schicksal ergab, während draußen der Niedergang seinen Lauf nehmen mochte.
Diese Zeiten waren so weiß, wie der gefallene Schnee.
So schwarz wie unsere gen Himmel brennenden Zitadellen.
Mein engster Freund, was, wenn ich die hölzernen Tore mit dem Blut an meinen

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