Die Entführung im Wald
von
Andre Schuchardt
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Mahaccar sah dem allen nur fassungslos zu. Auch Lattir schien bald nicht zu wissen, was weiter zu tun sei.
„Komm, lauf!“ rief Attahir ihr zu und schnappte sich Scôvals fallen gelassenes Schwert.
Doch Lattir war wie gelähmt. Erst als Attahir sie am Arm packte und Richtung Wald zurück zog, kam langsam wieder Leben in sie.
Ohne zu Denken rannten sie fort. Ohne Plan liefen sie gen West. Ohne sich umzusehen stolperten sie über Steine, sprangen über Äste und kämpften sich durch das Unterholz. Ihre Seile trugen sie bei sich, um nicht darüber zu stolpern. Allerdings waren sie schwer und unhandlich und so verlor Lattir ihres bald. Es verhakte sich zwischen Baumwurzeln. Sie bemerkte es aber nicht und lief weiter; so geschah, was geschehen musste: Mit einem Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und landete unsanft auf dem feuchten Boden. Würgend rang sie mir dem Seil. Attahir handelte schnell und nutzte Scôvals Schwert, sie zu befreien, tat dasselbe bei sich selber. Doch bis es soweit war, hörte man bereits die nahenden Stimmen der drei Männer.
„So bringt das nichts“, stellte Attahir fest, „lass und getrennt vorgehen! Hier, versteck dich dort hinten in den Büschen; ich lenke sie ab. Besuche mich in Dôrhattz, wenn wir dies hinter uns haben!“
Attahir schickte Lattir in erwähnte Büsche, nahm das Schwert und wartete noch kurz an den Wurzeln. Kaum, dass die Männer kurz außerhalb der Sichtweite waren, sollten sie laut krachende Äste hören und an einem Baum die Seile ihrer Gefangenen sowie deutliche, nach Westen führende Spüren finden. Schnell folgten sie diesen. Die Verfolgungsjagd dauerte noch Ewigkeiten. Abends hatten sie wieder kurz Sicht auf Attahir, doch verloren sie diese auch bald wieder. Bei Sonnenuntergang hörten jegliche Spuren auf. Nichts war mehr zu finden von ihren Gefangenen.
III
Endlich daheim! Endlich zurück bei ihrem geliebten Mann. Sie hoffte, Zuhause wäre alles in Ordnung. Überschwänglich froh näherte sie sich ihrem Haus. Es sah aus wie immer, nichts hatte sich geändert. Die Lichter waren entzündet, da es langsam Dunkel wurde. Im Haus brannte ein Feuer.
Sie fand ihn im Garten vor, über den Holzstapel gebeugt. Auch er hatte sich nicht geändert. Wie froh und überglücklich sie doch war, ihn endlich wieder zu sehen! Aufgeregt und überhastete stürzte sie los, so sehr hatte sie ihn vermisst. Ihm würde es sicher genauso gehen; schreckliche Sorgen muss er sich um sie gemacht haben.
Aber warum beachtete er sie nicht? Hatte er sie nicht gehört? Warum erhob er sich nicht, als er ihre Schritte vernehmen musste? Doch nichts konnte ihre Freude in diesem ihrem Moment aufhalten. Sie stürzte sich förmlich auf ihn, ihn zu begrüßen; warf sich an seine Brust, als er langsam aufstand.
Doch sie lief ins Leere. Ohne sie zu beachten, ging er an ihr vorbei, um die Ecke des Hauses, ins Innere hinein. Sie blieb bloß verwundert zurück. Seinen Namen versuchte sie zu rufen. Da merkte sie, dass sie nicht mehr sprechen konnte. So sehr sie es auch versuchte, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Laut aus ihrem Mund. Was geschah hier? Ihre Freude schlug in Furcht um. Einem Gedanken folgend bückte sie sich, einen Stein aufzuheben. Doch ihre Finger glitten durch ihn hindurch, wie in einem Traum. Träumte sie?
Ihr blieb keine Zeit nachzudenken, was geschehen sein mochte, hörte sie dich nun einige Männerstimmen von vor ihrem Haus herüberklingen. Sie folgte ihnen zu ihrem Ursprung, doch versteckte sie sich hinter einer Hausecke, um lediglich hervor zu gucken.
„Scôval, lass ihn los!“ hörte sie eine Stimme sagen, „Wir sollen ihm doch nur eine Botschaft bringen.“
So beobachtete sie, wie Scôval ihren Mann los ließ und selbst zur Seite trat.
Der größere Mann mit den Narben im Gesicht und den ergrauten Haaren sprach sogleich weiter: „Wenn ihr sie liebend wiedersehen wollt, dann sammelt lieber schnell all eure Schätze zusammen und folgt uns.“
Und zum Beweis seiner Worte warf er eine Kette zu Boden. Ihre Kette, wie sie erkannte.
„Ihr Ungeheuer!“ entfuhr es ihrem Mann und sie zuckte schmerzlich zusammen, als ihn Scôvals Schwert mit der flachen Seite am Rücken traf und er auf die Knie sinken musste.
„Los jetzt!“ fuhr er ihn an.
Mehr gab es nicht zu bereden. Bald hatten sie sämtliche Wertsachen aus dem Haus zusammengesucht. Sie versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen, doch gingen sie einfach durch die hindurch. Schließlich folgte ihr Mann den beiden gen Ost in den Wald. Immer wieder sprach sie auf ihn ein, doch entstanden keine Geräusche und musste sie hilflos folgen.
Zum ersten Mal nun fiel er auf, dass sich die Umgebung irgendwann im grauen Nebel verlor. Doch dieser Schleier kam nie näher, blieb immer auf Abstand, als umlauerte er sie. Keiner der Männer ließ sich davon etwas anmerken, auch sprachen sie kein Wort. Mit jedem Schritt fiel ihr das Gehen schwerer, auch wenn sie nicht au Äste, Steine, Stämme und Unebenheiten achten musste; eine seltsame Schwere und Müdigkeit bemächtigte sich ihrer, ihre Furche wich der Erschöpfung. Aber sie durfte sich jetzt nicht ausruhen.
Endlich kamen die Männer an, wo immer sie ankommen wollten. Wo es genau war, verlor sich nun im Nebel. Am Rande ihrer Erkenntnis nahm sie einen alten Baum wahr, an den eine Gestalt gelehnt war. Es war ein Mann und um den Baumstamm neben ihn war ein Seil gebunden.
„Mahaccar, hier ist ihr Ehemann!“ sprach der Grauhaarige und stellte sich neben den angesprochenen.
„Ah!“machte dieser, „gut gemacht, Rîmirn.“ Und dann zu ihrem Mann: „Ich werde es kurz machen: gebt uns euer Geld und wir geben euch eure Frau.“
„Hier, nehmt, doch lasst sie frei!“ sagte ihr Mann unter Tränen und warf dem Mahaccar sein Gepäck vor die Füße, dass sie wieder Kraft gewann.
Genug zumindest, um zu verfolgen, was nun geschah, denn eingreifen konnte sie trotz aller Verzweiflung nicht. Rîmirn nahm das Geworfene auf und verstaute es in einem Sack. Scôval blieb neben ihm. Der Mahaccar zog sein Schwert, holte aus und hackte einmal auf das Seil neben ihm ein. Ein Frauenkörper stürzte aus dem Baum herab.
„Da hast du deine Frau!“ lachte Scôval dreckig.
„Nein!“rief ihr Geliebter, stürzte auf die Knie und versank bald in Verzweiflung.
„Komm hierher!“ hörte sie dagegen eine schwache Stimme rufen, wie aus weiter Ferne, doch schien es keiner der Männer zu bemerken.
Auch sie achtete kaum darauf. Wer lag da? Unwohlsein und Mitleid drangen durch ihre Teilnahmslosigkeit. Sie ging näher und kniete sich neben ihn. Das Gesicht der Frau – es kam ihn bekannt vor.
„Los, lass ihn nicht weiter trauern, damit wir endlich gehen können“, sprach der Mahaccar zu Scôval.
Dieser zögerte nicht, sondern stieß dem Trauernden sein Schwert in den Rücken. Qualvoll und langsam starb er, doch sie konnte ihm nicht helfen; alles um sie herum wurde schwarz.
Epilog
„Attahir, komm zu mir“, lockte eine Frauenstimme.
Als Attahir sich
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