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Die Flüchtige: Im anderen Land

von Andre Schuchardt

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den Mund, um ihn zu essen.
„Hilfe!“ schrie es da plötzlich und biss ihr zahnlos in den Finger.
Mehr aus Schreck denn aus Schmerz ließ sie es fallen, und zurückfedernd fiel es zu Boden.
„Wag das ja nicht noch einmal!“ zeterte das kleine Wesen zu ihr hoch und machte sich, sie kraftvoll verfluchend, davon.
„Tut mir leid...“, murmelte sie verwirrt, derweil sich alles um sie herum in Bewegung setzte.
Die Schnecken krochen davon, Echsen huschten davon, Frösche hüpften davon. Verwundert sah sie dem Treiben zu, als ihr etwas an den Fuß tippte. Sie sah herab und erkannte eins der Bärchen, etwas größer als die anderen. Es wies sie an, es hochzuheben und so tat sie.
„Du bist nicht von hier, oder?“ fragte es sie und sie musste mit dem Kopf schütteln.
„Wo bin ich hier?“ fragte sie es.
„Na in unserem Land! Und du hättest gerade fast einen der unsrigen gegessen!“
„Das tut mir leid... doch wer seid ihr?“
„Wir sind natürlich die Bewohner dieses unseren Landes!“
Sie sah ein, dass sie so nicht weiterkommen würde.
„Ich bin einem Eichhörnchen gefolgt. Hast du es gesehen?“
„Natürlich! Es ist da lang gelaufen!“ sprach das Bärchen und deutete irgendwohin.
„Kannst du mir einen Weg zeigen?“ fragte sie hoffnungsvoll.
„Sicherlich! Geh mal dorthin!“ sprach es und zeigte woanders hin.
Wie angewiesen ging sie in die besagte Richtung.
„Lebt hier eigentlich alles? Darf ich denn nichts anfassen?“ fragte sie, als sie Hunger verspürte und alles leckere vor ihr davon huschte.
„Doch! Ich zeig es dir gleich – Siehst du? Dort ist der Fluss!“
Tatsächlich näherten sie sich nun einer Art Fluss. Er war nicht sehr breit, doch sonderbar gelblich.
„Folge dem Gelben Fluss bis zu seinem Ziel!“ wies das Bärchen sie an.
„Ich danke dir“, sprach sie.
„Und nun lass mich herab“, wies es sie an und man tat wie geheißen.
Das Bärchen stapfte zu einem Haufen der seltsamen Würfel, umrahmt von ebenso seltsamen Blumen.
„Wenn du Hunger und Durst verspürst, esse dies und trinke aus dem Fluss“, sprach es und verschwand nun endgültig im Getümmel der bunten Gummiwiese.
Als das Bärchen entschwunden war, probierte sie von den Würfeln. Sie waren klebrig und süß, doch gefielen sie ihr. Daraufhin trank sie von dem Fluss und es war Bier.
Nach einer Weile machte sie sich wieder auf den Weg.
Sie folgte stets dem Flusslauf, der sich in leichten Bögen durch die Wiese schlängelte. Bald wich der federnde, bunte Gummiboden einer dunklen, harten Ebene. Statt Gummipflanzen fand sie hier zwar von der Gestalt her gewöhnlich aussehende Pflanzen und sogar vereinzelte Bäume vor, doch waren sie genauso dunkelbraun wie der Boden, nur manchmal aufgehellt von weißen Blüten und Tupfern.
Neugierig fasste sie das Blatt eines Baumes an. Es war hart und kam ihr bekannt vor. Sie brach das Blatt ab und probierte davon ein Stück. Es war Schokolade. Sie nahm sich eine Handvoll der Blätter mit, doch da sonst nichts weiter in dieser Ebene vorhanden war, sich nichts und niemand bewegte, setzte sie ihren Weg bald fort.
Nach einer Weile tauchte vor ihr ein Wald auf. Er sah völlig gewöhnlich aus, bis auf den geringen Umstand, dass er gänzlich in Lila und seltener auch in Schwarz gehalten war. Teilweise hingen erneut die federartigen Pflanzen von den Bäumen, mit denen sie bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, sämtlich in verschiedenen Arten von Lila, doch meist heller als die, welche sie bei ihrer Ankunft gesehen hatte.
Er verströmte eine warme, beruhigende Aura, so betrat sie ihn zuversichtlich. Es gab keine Wege, also folgte sie weiter dem Flusslauf und trank dann und wann einmal einen Schluck von diesem.
Irgendwann begegnete sie der Ratte.
„Guten Tag meine Kleine, was führt dich hierher?“
Kleine? Waren Ratten nicht immer kleiner gewesen als sie? Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Hände anders aussahen. Verwundert betrachtete sie sie. Verändert wirkten sie, doch konnte sie nicht genau bestimmen, warum. Und warum wirkten die Bäume so groß?
„Kinder wie du sollten hier nicht alleine sein. Wo gehst du hin? Lass mich dich begleiten!“ bot ihr die Ratte nett an.
Doch sie achtete nicht auf die Ratte. Sie musste die Wahrheit über sich selbst herausfinden. Wo konnte sie sich hier selbst betrachten und erklären? Ihr fiel der Fluss ein. Ihr Spiegelbild war verschwommen und undeutlich. Geistesabwesend spielte sie mit ihren Zöpfen. Waren die schon immer da gewesen? – Natürlich.
„Hast du vielleicht etwas zu essen bei dir? Ich verhungere“, sprach die Ratte bittend.
Nachdenklich knabberte sie an einem der Schokoladenblätter und achtete nicht auf die Ratte. In der Ferne sah sie Schmetterlinge zum Tanz aufwarten. Begeistert sprang sie auf und lief ihnen nach, jedes Mal freudig lachend, wenn sie ihren Fängen entfleuchten und erneute Kreise in der Luft zu drehen wagten.
„Warte, ich komme mit!“ rief ihr die Ratte hinterher und eilte sich.
Stolpernd kam sie auf die Beine und rannte dem Mädchen nach, doch verfing sie sich alsbald im Gestrüpp und stolperte, nun nicht mehr freikommend.
„Warte! Bitte hilf mir hier raus! Ich werde sterben!“ quiekte die Ratte vor Angst, doch hörte sie bereits niemand mehr.
Die Schmetterlinge leiteten das Mädchen tiefer in den Wald, fern des Flusses, eh sie unerwartet verschwanden und das Mädchen nun allein im Dunkel zurückließen. Verloren stand sie da und sah sich nach allen Seiten um, doch war sie gänzlich allein.
„Hallo?“ rief sie ins Dunkel und fürchtete sich.
Und nichts geschah.
Sie fühlte sich allein und verlassen. Sich auf den Boden setzend, fing sie lautstark an zu weinen.
„Warum weinst du denn?“ fragte eine sanfte, tiefe Stimme bald.
Überrascht hörte sie auf zu weinen und sah auf. Da stand vor ihr ein großer Hund und blickte sie sanft an.
„Wer bist du?“ fragte sie ängstlich.
„Ich bin der Bernhardiner. Und du?“ sprach der Hund und lächelte sie freundlich an.
Doch sie musste den Kopf schütteln.
„Ich weiß es nicht mehr – ich dachte, ich wüsste es“, sprach sie und Tränen rollten ihr über die Wange.
„Weine nicht – ich weiß, wer dir da helfen kann!“ sprach der Bernhardiner.
„Sicher?“ fragte sie, nun ein wenig hoffnungsvoller.
„Steig auf meinen Rücken, ich bringe dich zu ihnen!“ lächelte der Hund.
Sie fasste Vertrauen, strich über den Hunderücken, spürte das weiche Fell und zog sich hoch. Auf seinem Rücken ruckte sie kurz hin und her, bis sie fest und sicher saß.
„Halte dich fest!“ sprach der Hund.
Sie krallte sich in seine Nackenhaare.
„Und los!“ rief er und sprintete davon.
Schnell rannte er durch den Wald, sprang über Steine, Büsche, Bäche und Wurzeln. Selten einmal sahen sie einen anderen Bewohner des Waldes, doch bald kamen sie an ihrem Ziel an.
„Wir sind da“, sprach er.
Sie standen vor einem großen, verzierten Tor. Es war aus dunklem Holz und umstellt von zahlreichen Bäumen, die den Blick darauf verbargen, was hinter dem Tor liegen mochte. Auf ihm selber zeigten sich Bilder der Landschaften, die sie auf ihrem Weg durchquert hatte und Wesen, die sie gesehen hatte, doch auch noch zahlreiche

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