Die Flüchtige: Im anderen Land
von
Andre Schuchardt
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andere, die ihr bisher unbekannt waren.
Der Bernhardiner kniete sich nieder, damit sie leichter absteigen konnte.
„Hier muss ich dich nun verlassen. Ich wünsche dir auf deinem Weg noch viel Glück“, sprach er. Und machte sich ohne ein weiteres Wort wieder davon.
Sie sah ihm kurz nach. Als er im Dunkel in der Ferne verschwunden war, drehte sie sich um und sah sich erneut das Tor an. Sie erkannte das Bärchen und den Bernhardiner in den Verzierungen, doch nirgends einen Knauf, ein Schlüsselloch oder einen Klopfer. – Nichts, um das Tor zu öffnen. Sie schickte sich an, mit der Faust anzuklopfen, da öffnete sich das Tor plötzlich wie von alleine.
Eine gähnende, endlose, schwarze Dunkelheit erwartete sie.
„Hallo?“ rief sie hinein, doch niemand antwortete.
Während sie noch überlegte, ob sie nun eintreten solle, huschte ein kleines, zierliches rotbraunes Eichhörnchen an ihr vorbei und verschwand im Dunkel hinter dem Tor.
„Kenn ich dich nicht?“ murmelte sie verwirrt.
„Warte!“ rief sie und eilte dem Tier hinterher.
Konnte sie sich anfangs noch im Dämmerlicht, dass von draußen durch das Tor hereindrang, den Gang entlang bewegen, so ging das nicht mehr, nachdem sich das Tor plötzlich geschlossen hatte. Doch der Gang leuchtete wie von selbst, glühte in einem schimmernden, grünlichem Licht. Die Wände schienen mit leuchtendem Moos bewachsen zu sein. In der Ferne vor sich sah sie das kleine Tier davonhuschen und ohne einen Blick zurück zu werfen, eilte sie ihm nach.
Der Gang knickte recht bald rechtwinklig ab nach Rechts, bald nach Links, so dann wieder Rechts und immer so fort und oftmals spaltete er sich auch in zwei oder drei weitere Gänge auf, doch ließ sie sich nicht beirren und folgte stets weiterhin dem kleinen Tier.
Endlich erreichten sie ein weiteres Tor. Das Eichhörnchen huschte durch ein kleines Loch neben dem Tor, zu eng für das Mädchen.
Doch dieses Tor hatte einen Knauf, ein Schlüsselloch sowie einen Klopfer. Letzteren benutzte sie, um brav anzuklopfen.
„Wenn du meinst es tun zu müssen, trete ruhig ein“, ertönte eine Stimme von der anderen Seite des Tors.
Vorsichtig drehte sie am Knauf und zog am Tor. Leicht schwang es auf. Sie betrat einen runden Raum, der bis auf ein paar große Kissen am Boden vollkommen leer zu sein schien. Ein weiteres Tor befand sich auf der anderen Seite des Raumes.
Behutsam schloss sie das Tor hinter sich wieder.
„Wenn du erschöpft bist, setze dich doch“, sprach es in ihrem Rücken.
Erschrocken drehte sie sich wieder dem Raum zu, wo nun auf den Kissen ein älterer Mann saß. Ein kurzer weißer Vollbart zierte sein Gesicht, seine weißen Haare waren kurz und er war in weite, weiße Gewänder gekleidet. Er lächelte freundlich und deutete auf die Kissen vor sich.
Sie setzte sich ihm gegenüber.
„Wer sind sie?“ fragte sie.
„Was glaubst du, wer ich bin?“
„Sie kommen mir bekannt vor...“, murmelte sie.
„Dann werde ich das wohl auch sein. Woher kennst du mich denn?“
„Ich...ich weiß es nicht. Ich glaube, ich wusste es einmal.“
„Was führt dich zu mir?“
Sie deutete auf die Löcher neben beiden Türen.
„Das kleine Tier – Ich bin ihm hierher gefolgt.“
„Das Eichhörnchen? Warum bist du ihm denn gefolgt?“
„Ein Gefühl...ich musste es tun...“
„Woher kommst du?“
„Ich weiß es nicht mehr“, sprach sie und blickte traurig drein.
„Weißt du denn, wer du bist?“
„Nein, aber ich sollte es wohl.“
„Warum siehst du aus wie ein kleines Mädchen?“
„Ja bin ich denn keins?“ entgegnete sie und runzelte verwirrt die Stirn.
„Du bist, was du glaubst zu sein. Warst du schon immer ein Kind?“
„Ich glaube schon...“
„Ich glaube das nicht. Ich glaube, du fliehst nur vor etwas, vor dir. Gefällt es dir hier?“
„Schon, aber... Ich will zurück...“
„Zurück wohin?“
„Ich weiß es nicht mehr“, sprach sie verzweifelt.
„Warum bist du geflohen?“
Eine schwache Erinnerung kam in ihr auf.
„Ich wollte allein sein...es ist alles zuviel. Ich bin müde.“
„Was ist zuviel?“
„Mein Leben...all die Aufgaben...all die Menschen, die etwas wollen...“
„Und da fliehst du lieber?“
„Hier habe ich keine Aufgaben...“
„Was ist mit den Menschen, die dich lieben? Sie werden sich sorgen. Warum sprichst du nicht mit ihnen, ob sie dir helfen?“
„Ich möchte machen, was ich will...“
„Und sie würden das nicht verstehen? Dir nicht helfen?“
„Vielleicht...“
„Was stört dich?“
„Es ist zuviel, zu anstrengend...“
„Lohnt es sich nicht? Einfacher wirst du es nicht bekommen. Warum arbeitest du nicht mit dem, das du hast?“
„Ich weiß es nicht...“
„Vielleicht weißt du es doch. Gehe durch das Tor hinter mir“, sprach er und deutete auf ebendieses.
Und sie tat wie ihr geheißen.
Der nächste Raum hatte dieselbe Form wie der andere, doch war dieser hier reicher ausgestattet. Anstelle von Kissen gab es Liegen und einen Tisch, bedeckt mit Geschirr und Nahrung. Ein Kamin spendete Wärme. Pflanzen und Blumen bedeckten die Wände. Ein älterer Mann lag auf einer der Liegen, sein langes Haar und sein dichter krauser Vollbart bereits grau, gekleidet in ein graues Gewand. Er lächelte sie an und deute auf die Liege sich gegenüber.
„Setz dich doch“, sprach er.
Und so tat sie.
„Nimm dir etwas zu essen. Fühlst du dich wohl?“
Sie nahm ein paar Trauben, doch schüttelte sie den Kopf.
„Was macht dir zu leiden?“
„Mein Leben...“, seufzte sie.
„Macht es dir keine Freude?“
„Nun, manchmal. Nicht immer. Es sollte einfacher sein.“
„Und manchmal sollte man unangenehme Dinge erdulden, um am Ende mehr Freude daran zu haben. Nimm doch ein paar Trauben“, sprach er und deutete auf diese, doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein danke. - Und es gibt zu viele unangenehme Dinge.“
„Mach dir darüber doch nicht so viele Gedanken. Genieße die guten Dinge. Vergesse die schlechten. Denk immer an die Guten und schütze sie, freue dich an ihnen.“
„Ich bin mir aber nicht sicher.“
„Zweifle doch nicht soviel! Vertrau auf deine Freunde und die Menschen, die dich lieben. Verschließe dich ihnen nicht, sondern spreche mit ihnen, hab Vertrauen.“
„Ich frage mich immer, ob es anders nicht besser wäre, einfacher, schöner.“
„Sehn dich nicht nach anderem! Ist es ähnlich wie das, was du hast, dann ist es nutzlos. Denn einst hast du dich auch nach dem gesehnt was du nun bereits hast. Ehre es also entsprechend! Und vergesse nicht das, was du liebst, sonst wirst du es verlieren. Kümmere dich um sie, dann bringen sie dir mehr Freude.“
„Das versuche ich ja...“
„Versuche es nicht nur, tu es. Erfreu dich eines schönen Lebens, doch schade nicht anderen. Ziel deines Lebens ist die Freude. Doch gib dich nicht Gelüsten hin. Hab Freude am Frieden und deinen Freunden. Leb dein Leben, habe Spaß, und denke nicht so viel an den morgigen Tag.“
Nachdenklich nickte sie.
„Und nun flieh nicht mehr. Gehe heim zu deinen Lieben. Erinnere dich wieder an dich selbst. Und an sie. Gehe zu ihnen.“
Plötzlich bemerkte sie das kleine Eichhörnchen, welches neben dem Ausgang des Raumes hockte. Überrascht stand sie auf.
„Folge ihm!“ sprach der Mann.
Das Tor aus dem Raum öffnete sich
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