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Kategorien > Horror > Action

Die Geburt einer Rasse

von René Beilfuß

Prolog
?Die Verbesserung?

Dunkelheit.
Unsterbliche, ewigwährende Dunkelheit.
Ich ertrank in einem Meer aus Schwärze...
Sie umfängt mich. Kälte... Sie bereitet Gänsehaut, kriecht durch meinen Körper, langsam, unaufhaltsam Richtung Herzen. Die Kälte lähmt mich, lässt meinen Körper einen Augenblick in stummer Abwehr erzittern. Doch diese Kälte umfängt mein Herz, zieht hinein, wird durch die letzten, gegen den Tod rebellierenden Schläge durch meine Venen gepumpt. Und dann spüre ich etwas. Nichts Körperliches, Normales. Etwas Böses, Unheiliges greift wie eine dunkle, schwarze Klaue nach meiner Seele, zerrt daran, versengt sie in seiner unfassbaren Bosheit und löscht alles Gute aus. Schmerz. Grauenhafter, schrecklicher Schmerz. Und dann... Angst. Nicht die Angst vor etwas oder jemandem, sondern reine, ungefilterte und unerklärliche Angst. In meiner Seele sowie in meinem Körper. Es bringt das Böse mit sich, dass schon meine Seele verstümmelte. Nun zieht es mit grausamer Präzision durch mein Herz und meinen Körper und spürt jegliches, noch so gut versteckte, verdrängte Gefühl auf und merzt es aus, lässt nur eine schwarze, dumpfe Leere zurück. Nun wollte es meine Seele entgültig aus meinem Körper reißen. Doch ich klammerte mich fest an den letzten Rest Menschlichkeit in mir. Der eine Funke, der noch René war. Ich klammerte so fest ich konnte.
Die Dunkelheit umfing mich und tauchte mein ganzes Sein in eine eisige Kälte. Von irgendwo hörte ich eine leise, melodische Stimme...
Nun... Koste die Unsterblichkeit!!
Und dann... Stille... wunderbare... beruhigende..... Stille.......

1. Kapitel
Über mich und den ?Tag der Sühne?

René Beilfuß.
Mein Name.
Alles, was mir aus meinem Leben blieb.
Mein einzig wirklich wertvoller Besitz.
Ich habe jeglichen Überblick über mein sonstiges Vermögen verloren. Ich bin mit Abstand der reichste Mann in diesem Land. Mein Heim steht nahe Prag, auf einem riesigen Gutsbesitz.
Es wäre egal, wie viel ich jetzt noch verschenke, es fließt immer mehr in meine Kammern. Aber ich ahne langsam, dass uns eine Zeit bevorsteht, in der dies alles unbedeutend wird. Kaum mehr als ein Zittern in meiner Seele. Einem Windzug gleichkommend, der bei einem Orkan den Weg durch eine Bodenspalte findet und mich frösteln lässt. Ich kann nur diesen Windzug spüren, nicht aber den tosenden Orkan sehen, der uns alle aufzehren wird.
Nun zum ?Tag der Sühne?.
Der Tag der Sühne war die Geburt der Dämonen und Vampire auf diesem Planeten. Nur die gläubigsten Menschen spürten ihn nahen. Es waren ?die Wehen der Bosheit? welche sie spürten. So nannten es jedenfalls die Menschen. Die Dämonen sind ja weitgehend als Ausgeburt der Hölle bekannt, genauso wie wir.
Wir Vampire aber sind sozusagen nur die Nachgeburt, ein reines Nebenprodukt. Niedere Kreaturen im Vergleich zu Dämonen wie Anharat, dem Herrscher der Dämonen. Oder gar im Vergleich zu den drei großen Übeln: Baal, Diablo und Mephisto. Selbst für Andariel, eines der kleineren Übel, sind wir Abschaum, kaum mehr als Würmer im Angesicht der ?Hohen Rasse?.
Dies sind die Aufzeichnungen eines Priesters über den Tag der Sühne, die ich fand, als ich in einem Kloster umherstreifte. Wie ich den geweihten Boden betreten konnte? Später.
Erst die Aufzeichnungen:

Tagebuch, 17. März 1808.

Der Tag verlief sehr sonderbar. Ich konnte mich bei meinen Aufgaben nie richtig konzentrieren. Jeder meiner Gedanken lenkte unaufhaltsam immer wieder in die gleiche Richtung. Was war das? Was war das unablässige Zittern in mir und um mich herum? Was bedeuteten die leichten Schauer, die immer wieder über meinen Rücken jagten? Woher stammen diese unglaublichen Angstzustände und die grundlosen Weinkrämpfe, die ohne Vorwarnung über mich kommen? Das Frösteln meiner Seele, die dicke, knisternde Luft, die bleierne Schwere des Todes, die sich wie ein Tuch über uns senkte? Woher kommt das?

Tagebuch, 18. März 1808.

Wir haben es überstanden! Die Nacht ist vorüber, ohne dass ich ein Auge zugetan habe. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens. Die Symptome hatten sich verschlimmert, umso näher sie rückte. Und auf einmal verschwanden die Sterne und der Mond. Es fing an zu regnen. Aber es regnete reines Blut vom Himmel!
Es entstand eine heillose Panik im Kloster. Jeder versuchte, irgendwo Schutz zu suchen. Keiner nahm Rücksicht auf den Anderen. Gottes Gebote und Lehren waren vergessen. Nur um ihr eigenes Leben zu retten, stießen sie sich gegenseitig um, trampelten sich nieder.
Und plötzlich verstand ich.
Ich verstand, warum keiner dieser Leute unter den Vorzeichen wie ich litt. Sie spürten sie einfach nicht. Sie hatten das Böse akzeptiert! Sie konnten es nicht spüren, weil sie selber ihre eigene Bosheit besaßen! Und, was viel schlimmer war, dieser Regen schürte sie auch noch.
Ein Einziger unter Tausenden von Mönchen spürte das Gleiche. Er blieb im Blutregen stehen. Er wollte so nicht weiterleben. Nicht mit der Gewissheit, dass dies alles Heuchler sind, das die Kirche eine einzige große Lüge ist. Er wurde umgestoßen und schlug sich den Kopf an einem scharfkantigen Stein auf. Sein Blut vermischte sich mit dem Blutregen. Sogar die nahestehenden Mönche spürten die Veränderung. Ich versuchte, mich zu bekreuzigen. Ich hob die Hand schwerfällig, setzte sie an die Brust und... Schwärze umfing mich... Meine Augenlider sackten herab.

Tagebuch, 19. März 1808.

Ich liege auf der Krankenstation des Klosters. Mir ging es schon besser und ich fragte nach dem Namen des jungen Mannes, welcher zuvor in der Nacht diese Verletzung davontrug. Man erklärte mir, dass es ihm schon besser geht und er in seiner Zelle liegt. Er sei nur etwas geschwächt. Sein Name war René Beilfuß...

2. Kapitel
Ein Leben nach dem Leben

1.

Ich lag in meiner Zelle. Das Sonnenlicht fiel klar durch die Gitterstäbe am Fenster und malte die unglaublichsten Farben und Formen auf den kalten, staubigen Steinboden.
Wie jeden Morgen.
Doch diesmal war etwas anders.
Die Sonne stach mir mit ungewöhnlicher Intensität in die Augen. Außerdem, als ich auf die Steine sah, den schmucklosen Tisch in der Ecke der Zelle. Sie... bewegten sich... und gleichzeitig nicht. Meine Augen nahmen mit unmenschlicher Genauigkeit jedes Staubkorn, jede Bewegung wahr. Ich sah mit anderen Augen, den Augen der Nacht.
Mein Kopf und meine Augen schmerzten. Ein glühender Schmerz zuckte wie ein Blitz von meinen Augen in mein Gehirn auf. Es war unerträglich. Gerade so, als stünde jedes Nervenende in Flammen.
Ich schloss die Augen und hielt mir die Hände davor, doch es half nichts. Ich schmiss mich auf den Boden und betete, dass der Schmerz enden sollte, doch mit jedem Wort, das ich an Gott richtete lebte der Schmerz auf und etwas starb in mir... Ich quälte mich noch Tage so, aber es wurde weniger schlimm mit jedem vergangenen Tag...

Wochen später hatte ich mich daran gewöhnt. Doch ich war verängstigt über die Veränderungen die mit mir vorgingen. Verängstigt und doch... Wie soll ich sagen... Ein seltsames Gefühl von Stolz... Als wäre ich nun etwas Besseres, ein höher gestelltes Wesen.
Es war absolut absurd! Ich sagte mir, dass wir vor Gottes Angesicht alle gleich sind, doch irgendwie glaube ich nicht, dass ich Gottes Angesicht je gegenübertreten werde...

Diese Nacht hatte ich einen furchtbaren Alptraum: Ich ging bei Nacht durch die langen, kahlen Gänge des Klosters. Ich konnte kaum etwas sehen und tastete mich mit den Fingern an den Wänden voran, bis ich in eine warme, feuchte Masse fasste. Es roch köstlich, allerdings konnte ich den Geruch nicht einordnen, aber es war wie wunderbarer Wein des besten Jahrgangs. Ich konnte beinahe den Winzer sehen, wie er die Trauben presste, sein Herz vor Anstrengung schneller schlagend. Ja... Ich konnte sein Herz hören... Rhythmisch im Takt... Wie es sein Blut durch seine Adern pumpt... Rotes, köstliches Blut... Ich stelle mir vor, wie es ist, dieses Blut zu trinken.
Den Winzer von hinten ergreifen, meine Zähne in seinen Hals bohren.
Das Blut strömt hervor, sprudelt warm meine Kehle hinunter und lässt meinen Körper vor Ekstase erzittern.
Ich schüttelte diesen Gedanken, oder mehr, diese Vision, ab und ging weiter, bis ich beinahe über etwas Massiges gestolpert wäre. Ich wäre hingefallen, hätte meine Hand nicht die eiserne Halterung einer Fackel zu fassen bekommen.
Das beruhigende Gefühl bei der Berührung des kalten Stahls ließ mein Blut abkühlen und langsamer kreisen. Ich löste die Fackel aus der Halterung und tastete mit der Hand nach dem Feuerstein, der ganz in der Nähe sein musste und dachte dabei an die Wärme und das Licht, dass die Flamme ausstrahlte, als die Fackel plötzlich in meiner Hand aufflammte. Die Dunkelheit bäumte sich wutschreiend auf und wollte ihren Platz behaupten, doch das Licht verbreitete sich und warf flackernde Schatten an die Wand. Die Wand... Etwas stimmte nicht mit der Wand...
Jetzt sah ich es!
Die Wand war über und über mit Blut bespritzt! Es hing in dicken Tropfen daran und lief hinunter auf den Boden, wie schwerer roter Wein...
Auf dem Boden bildeten sich riesige Lachen, in denen die Besitzer der kostbaren Flüssigkeit lagen. Ihre Kehlen waren aufgeschlitzt, Hände und Köpfe teilweise abgehackt, die braunen Roben in Blut getränkt.
Wie schwerer, roter Wein...
Ich fing an zu rennen, ich rannte wie nie zuvor, die Fackel fest umklammernd, war sie doch der einzige Lichtschimmer um mich, eine wunderbare Wärme ausstrahlend, eine Wärme, die nie mein Herz erreichen würde. Doch sie hielt die Dunkelheit fern, in der ein Monster lauerte, seelisch, und doch schlimmer als jede fleischliche Bestie es je sein konnte.
Furcht.
Furcht vor etwas, das ich nicht definieren konnte, etwas Schreckliches, ungeheuerlicher als alles andere. Und es hatte etwas mit mir zu tun. Ich wusste nicht, was, nicht einmal warum, ich wusste es einfach...
Ich brauchte nur die Fackel hervorstrecken, meine Augen öffnen, ein Stück mehr der Dunkelheit vertreiben... Doch dadurch hätte ich die Leichen beleuchten müssen, die abscheulichen, entstellten Körper, vor Angst verzerrte Gesichter und aufgerissenen Münder!
Ich hatte nicht die Kraft, ich konnte nur weiterrennen, bis ich selbst zum atmen zu schwach war. Doch dann kam ich zum Ende des Ganges in eine Halle. Sie war hell und übersichtlich, von einem eigenen, fäulnisstinkendem Licht beschienen. An der Wand waren Engelsstatuen aufgestellt, ihre blütenreinen seidenen Kleider umschmeichelten die zarten Körperformen, doch in ihrem Blick lag etwas Trauriges, Wehmütiges. Als betrauerten sie den Verlust einer geliebten Seele. Nur die Mitte war... Anders.
Dort hockte ein Ding, von einer undurchdringlichen, pulsierenden Dunkelheit umgeben, sie zog sich um die Gestalt zusammen, doch berührte sie es nicht, sondern schien diese vielmehr zu umgarnen, liebkoste die schwarzen Roben und verdeckte sie vor allen störenden Einflüssen. Sie trug die Gewänder der Nacht, doch mir gewährte sie Einblick. Die Dunkelheit teilte sich vor mir und ließ mich einen Blick auf die Gestalt werfen. Im selben Moment hob sie ihren Kopf. Ich wollte mich abwenden, hatte Angst vor dem, was ich sah, doch ich konnte nicht, von einem unzerbrechlichen Bann gehalten.
Und ich sah in Augen, aus denen ungeheuerlicher Hass sprach, Hass, auf alles Lebende, Menschliche, alles was ein schlagendes Herz und eine Seele hatte.
Ich sah in meine Augen.

2.

Die Augen hielten mich fest, starrten mich an und zogen mich in die dumpfe Schwärze dahinter, wo früher einmal eine Seele war. Dann lächelte es, ein unglaublich böses, triumphierendes Lächeln, das mich erschauern ließ.
Ich schrie, das Einzige, wozu ich noch fähig war, ich konnte nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, keinen klaren Gedanken fassen. Nur ein einziger Gedanke beherrschte mein tun: Flieh, solange du noch kannst!
Meine Beine bewegten sich von selbst. Ich drehte mich um und schoss davon, in die blutige, Dunkelheit hinter mir. Ich wollte lieber über eine leichengepflasterte Straße laufen, als bei diesem Ungeheuer zu bleiben, vor dem ich doch nicht weglaufen konnte. Nicht vor mir selbst.
An mir huschte nicht mehr als ein Schatten vorbei, der hochaufgerichtet aber das Traumbild des Schreckens meiner Selbst ergab. Ganz in Schwärze gehüllt blitzten nur die elfenbeinweißen Eckzähne und die gefühllosen raubtierähnlichen Augen mir entgegen, als ich dabei war, direkt in den Peiniger meiner Seele hineinzulaufen. Doch dieser wich blitzschnell einen Schritt zur Seite, streckte den Arm aus und umschlang mit einer grausamen Geschicklichkeit meinen Hals, stellte sich hinter mich, trieb seine Zähne in meinen Hals, trank mein Blut und flößte mir gleichzeitig etwas von seinem unreinen Blut ein.
Der Schmerz war unbeschreiblich! Es war eine Qual, als würde Feuer durch meine kochenden Venen getrieben, mein Herz schlug schneller und meine Seele löste sich aus meinem Körper, bereit, diese Welt zu verlassen. Doch eine dunkle, verkrüppelte Hand aus Bosheit ergriff sie und zerrte sie in ihr gepeinigtes Gefäß zurück. Inzwischen hatte mit dem Blut meines Traumbildes auch ein Teil seiner Selbst meine Seele erreicht, und verschmolz mit ihr in kochender Qual.
Dann holte mich die Dunkelheit ein, mein Herz hörte auf zu schlagen und meine Seele lag verkrüppelt in einem Winkel meines Körpers und leckte ihre Wunden.

Ich richtete mich langsam auf, die Taubheit in meinem Körper war schlimmer, als der schrecklichste Schmerz hätte sein können. Es fühlte sich an wie sterben, als wäre ich tot. Doch wie konnte ich dann noch denken, überhaupt Gefühle haben? Ich richtete mich mühsam und taumelnd auf, meine Beine waren wie aus Blei gegossen. Aber ich brachte ein paar Schritte in Richtung Ausgang zustande. Wäre ich in einem anderen Zustand gewesen, hätte ich mich gefragt, warum ich nicht aufwachen konnte; warum ich Gefühle und Schmerzen verspürte in diesem Traum. Leider war dieser zustand zwischen Leben und Tot nicht normal. Ich hatte nur den Wunsch, von hier zu entfliehen, weg von diesem, verdammten Ort wo Qual, Tod und Dunkelheit vorherrschten. Doch ich strauchelte und fiel mit dem Gesicht in eine Pfütze Blut.
Irgendwoher wusste ich, dass ich meine Kraft wiederfinden würde, sobald ich genug Blut trank, doch genauso sagte mir ein vorher nie dagewesener Instinkt, dass ich kein kaltes Blut trinken durfte. Nur warmes, frisches Blut war bekömmlich. Dieses Wissen, woher auch immer, übte eine so große Macht auf mich aus, dass ich in der Lage war, zu widerstehen. Aber gleich darauf erschreckte mich die Erkenntnis, dass ich dieses Blut getrunken hätte, wenn ich könnte. Doch dieser Gedanke wurde von der Macht, die mich schon vorm Tode bewahrt hatte, hinweggefegt.
Plötzlich streckte sich mir eine Hand entgegen. Ich sah auf und blickte in das gutmütige Gesicht eines Engels, der in reinem weißem Licht über mir schwebte. Das Licht tat weh. Es war aber nur einer von vielen Schmerzen in diesem Traum, und der menschliche Teil meiner Seele empfand ihn als köstlichen, wohltuenden Schmerz.
Dann geschah es: Die Bestie, welche meinen Körper als Wirt für ihre unmenschliche Bosheit nutzte, sprang hervor und übernahm meinen Körper. Ich schrie in dieser Qual innerlich, doch der Schrei, gleichzeitig die Rolle einer Warnung übernehmend, drang nicht bis Außerhalb vor. Ein roter Schleier legt sich über meine Augen, meine Vernunft und den letzten Rest Menschlichkeit in mir und ich packte den Arm des Engels, richtete mich mit unglaublicher, katzenartiger Wendigkeit auf und trieb meine langsam hervorkommenden Eckzähne in die, in meinen Augen scharlachrot pulsierende, Aorta des Engels, der seinen Mund in einem stummen Schrei öffnete, den nur die wahrhaft guten Geschöpfe zu hören vermochten. An mir zog er vorüber.
Und die Engel weinten, weinten reines Blut. Es lief in stetigem Strom über ihre Gesichter; ihre blütenreinen Gewänder. Und plötzlich stand mein Traumbild vor mir. Mein seelenloses Ich. Weder öffnete es den Mund, noch tat es etwas anderes, als mich anzusehen. Doch ich hörte seine Stimme so deutlich, wie ich sie nur in Gedanken vernehmen konnte:
?Doch deine Seele ist die reinste, getauft im feurigen Blut, und gebadet in blutigen Tränen von hundert Engeln.?, dann zog es ein langes knöchernes Schwert und ging auf die Engel zu.
?Es bedarf Ihrer nicht mehr, sie haben ihre Notwendigkeit verloren.?
Es war die einzige Stunde, wo die Engel verletzlich wurden, und mein Traumbild nutzte es skrupellos aus. Mit einem einzigen Wort und einer Bewegung seiner Hand schleuderte er all diese Engel an die Decke. Im selben Moment schoss er zu ihnen hoch, stutze mit einem Schwertstreich ihre Flügel und legte sie mit einem Wort in Ketten.
?Sie waren zwar verletzlich, aber nicht sterblich.?, und mit diesen Worten verschwand er. Ich ließ den ausgelaugten Engel fallen. Der Schleier hob sich. Meine Seele war frei. Mit einem letzten Aufgebot an Vernunft und aller Kraft legte ich die schlafende Bestie in Ketten, bevor mich die Ohnmacht umfing und ich auf den harten Steinboden fiel.

3.

Ich erwachte in meiner Zelle auf dem Boden liegend. Langsam erhob ich mich. Meine Glieder und mein Kopf schmerzten. Ich hatte das Gefühl, welches man hat, wenn man aufwacht und nicht weiß, wo man sich befindet. Ich fühlte mich... Verloren.
Im Gegenteil, du hast zu dich gefunden!
Eine Stimme, eisig kalt und schneidend. Ich kannte diese Stimme. Sie schien so gegenwärtig.
Wahrlich, du verdrängst unliebsame Erinnerungen, wie ein Mensch. Du bist jetzt etwas Besseres, warst es schon immer. Löse dich von dem letzten Rest Menschlichkeit in dir! Lass los, lass dich fallen. Sei frei! Alle deine Schmerzen gegen Macht. Vergiss dein Leben und gebe dich dem Tod hin!
Wer...
Dein Schutzgeist, dein Lehrer, dein schlimmster Alptraum, alles, was du willst! Gott hat dich verlassen, als er deine wahre Gestalt sah. Du hast nur noch mich. Ich werde dich lehren, diese Macht zu gebrauchen. Vorerst helfe ich deinen Erinnerungen auf die Sprünge.
Schmerz durchfuhr meinen Kopf. Und dann... wusste ich es wieder. Ich konnte mich erinnern. An alles. Ausnahmslos.
Das war zu viel für mich.

Ich verstehe bis heute nicht, warum mich der Wahn nicht gepackt. Mich, sein willigstes Opfer. Wahn, der du Vergessen mit dir führst! Wieso hast du mich gequält, in dem du mir den Schmerz verweigertest?
Ich rannte wie von Furien gehetzt durch die Gänge Richtung Portal. Ich wunderte mich nicht, dass ich niemandem begegnete. Genau genommen dachte ich an gar nichts. Ich stürmte aus dem Kloster. Es regnete. Doch das nahm ich genauso wenig wahr wie alles andere um mich herum. Das Wasser rann über mein Gesicht und meine Kutte. Es kühlte meine brennende Haut und wusch das Blut von mir.
Fast.
Das Engelsblut an meiner Kutte blieb haften, wie um mich meiner Sünden zu gemahnen. Ich hatte fast das Gefühl, meine Seele noch retten zu können. Doch das ist unmöglich. Sie wiegen zu schwer, als dass ich sie durch Buße aufwiegen könnte.
Denn ich habe einen Engel getötet. Die Sünde, zu der nicht mal Anharat fähig wäre. Denn Engel sind unsterblich. Waren es zumindest...
Bis zu diesem Tag.

Ich rannte. Rannte durch den Regen ohne mich umzusehen, ohne zu atmen. Der Regen hatte bereits aufgehört. Mein Gesicht war übersät mit Kratzern und Abschürfungen, meine Kutte zerrissen. Ich stürzte, blieb einen Augenblick liegen und versuchte dann aufzustehen. Doch ich hatte keine Kraft mehr. Taubheit durchflutet meinen Körper. Wie aus weiter Ferne drangen dumpf Worte zu mir hindurch. Ich muss schon Stunden gelegen haben.
?Atmet er noch??
?Nein. Der muss Schreckliches durchgemacht haben. Seine Kutte ist zerrissen und voller Blut.?
?Na, jetzt hat er?s hinter sich. Bringen wir ihn ins Dorf. Die werden schon wissen, was mit ihm zu tun ist.?
Ich spürte, dass ich hochgehoben wurde. Dann entglitt mir mein Bewusstsein und ich sank in ein Meer eisiger Dunkelheit und Stille.

Irgendwann trieb ich einen kurzen Moment an die Oberfläche der Ruhe und holte Luft. Doch ich atmete Schmerzen, rein und klar. Mich sehnte nach der Stille und ich hatte Hunger. Auf die bittersüße Frucht des Todes. Und es schien als wurde mein Wunsch erfüllt. Ich sank herab.
Kurz vorm endgültigen Auslöschen meiner Existenz wurde ich jedoch gepackt und wieder hineingezerrt in die Welt des Schmerzes und des fleischlichen Seins. Gegenwehr war zwecklos. Ich war ein Gefangener toten, tauben Fleisches. Empfindungen fielen über mich her wie Raubtiere.
Der Tod mäht mit schrecklicher Willkür, doch die Auferstehung mit grausamer Präzision.
Sie nahmen mich ein, verschlangen meine Seele und zerrten an meinem Verstand. Doch es waren tote, kalte Gefühle. Sie fielen über mich her und beanspruchten ihren Platz in meinem toten, kalten Herzen. Schmerz, Neid, Hass, Gier... Und das Schlimmste: Kälte, unglaubliche, maßlose Kälte. Nichts vermochte diesen Hunger zu stillen, diese unglaubliche Gier nach Wärme. Oh. Ich spürte die Hitze des Feuers, das lauwarme Blut, welches durch meine unheiligen Venen strömte. Doch ich sehnte mich nach etwas anderem. Die Wärme des Herzens, die Wärme von Gefühlen wie Mitleid, Freude, Liebe.
Aber da war auch dieses andere Ich in mir. Ein Untier. Ein Wesen, vom Chaos ausgespieen, von der Schöpfung verhöhnt. Es war die Manifestation des Grauens, der Moloch Angst, mein Moloch Angst. Und: Es war ein Teil von mir. Es lag in Ketten, in einer dunklen Ecke meiner Seele. Genährt von Angst, gestärkt durch Schmerzen, angetrieben vom Hass.

Und gerade davon war im Moment reichlich vorhanden.

Es riss sich los, durchflutete meinen Körper, zerschlug meinen Widerstand und zwang mir seinen Willen auf.
Ich wurde zu einer willenlosen Maschine, einem Sklaven des Todes und zum Werkzeug der Hölle. Meine Muskeln spannten sich. Mir wuchsen Reißzähne und meine Hände verformten sich zu langen, sichelartigen Krallen. Mein innerer Dämon beschrie seinen Triumph über meinen Willen und feierte ein grausames Schlachtfest unter den Dorfbewohnern. Dieses Wesen (ich weigere mich, anzuerkennen, dass dies ich war) lief umher, mordete ziellos und kräftigte sich am Grauen dieser Menschen.
Doch irgendwie hatte ich schon damals begriffen, dass dieses Morden von mir ausging. Der Dämon nahm mir die Hemmungen, den Widerwillen und gab mir Kraft. Aber mehr auch nicht. Schließlich trank ich das warme Blut schöner Frauen, riss das zarte, sehnige Fleisch junger Kinder. Im Endeffekt war ich es, der die Schädel der Männer knackte. Im Endeffekt war ich der Mörder hunderter Menschen und Kinder. Im Endeffekt war ich es, und niemand sonst...
Aber dieses Wesen in mir tat auch etwas. Mir war, als wenn bei jedem Tot, jedem Schrei etwas daran zu wachsen begann. Ich spürte, wie es die Seelen dieser armen, frommen Menschen verschlang, wie es sie um ihre ewige Ruhe brachte und sich dabei ausbreitete und wuchs wie ein ekliges, fressendes Krebsgeschwür.
Ich war eine Tötungsmaschine. Ein Ding, das man nutzte und wegschmiss, sobald es seinen Zweck verlor.
Ich ging zu dieser Zeit damals viel auf Jagd. Ich wurde stärker, geschicklicher... Und... Noch irgendwas... Erst viel später habe ich begriffen. Ich wurde stärker, geschicklicher und immer weniger menschlich. Ich wurde immer mehr zu der Bestie, die ich zu bekämpfen versuchte. Ich blicke in einen Abgrund. Und der Abgrund blickte in mich. Wir hatten uns gegenseitig nichts zu verbergen.

Kommentare

gut schrieb:
Ich finde die Geschichte gut geschrieben, wenn man sie liest kommt man sich vor als währe man selbst dieses Wesen. Doch ich begreife die Geschichte irgend wie nicht und ich dachte es währe in diesem Traum zu einem Wesen geworden. Warum war es denn am Schluss doch Real oder nicht?
leider@geheim schrieb:
Sehr eindrucksvoll! Tolle Wortwahl, tolle Atmosphäre! Bitte mehr davon!
niciwi90@bluewin.ch schrieb:
Das war ja total cool. Ich konnte mir die Szenen so richtig vor meinem Geistigen Auge vorstellen. Wirklich ein unglaubliches erlebnis. Mach weiter so. Werde bestimmt weiterhin deine Geschichten lesen.

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