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Kategorien > Humor > Anderes

Die Gelassenen

von Prototyp

Kennst Du die Typen, die total gelassen durch´s Leben gehen?
Ich meine nicht das Duzend von wirklich coolen Genossen, die ihre Gelassenheit einer Laune der Natur verdanken. Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass es auf der ganzen Welt höchstens zwölf von denen gab. Man müsste mal überprüfen, ob es ein Gen gibt, was dafür verantwortlich ist, dass manche Menschen gelassener sind als andere. Gäbe es das, ich würde es das Coolgen nennen! Nicht zu verwechseln mit dem Cholergen, was wiederum für cholerische Anfälle bei den meisten Primaten verantwortlich ist. Aber dazu später mehr.
Nein, ich meine, die Sorte von Menschen, die ihre ganze Kraft dafür verschwenden, gelassen zu wirken - um jeden Preis. Typen, die das Telefon erst dreimal klingeln lassen, bevor sie drangehen, die das Lenkrad noch nie mit der rechten Hand berührt haben, die immer in der Gegend rumgucken, während sie mit einem sprechen und so weiter. Die Liste ließe sich ewig fortsetzen, wovon ich hier mal absehe sonst werde ich nie fertig. Du kennst bestimmt welche, denk´ mal nach! Siehst Du? Sagte ich´s doch.
Nun, wie komme ich dazu mir darüber Gedanken zu machen? Ganz einfach, sie werden zu einer Plage! Mir schein, sie vermehren sich in letzter Zeit sehr rasant, und man kann sich kaum noch vor ihnen retten, kann ihnen nicht entfliehen. Sie sind einfach überall!
Neulich beim Einkaufen, suchte ich mir ein Hemd aus und ging damit an die Kasse. Dort wartete ich dann eine Zeit lang, und es passierte nichts. Nun, dachte ich mir, nicht ganz ohne Wut im Bauch, wenn sie nicht wollen, geh´ ich. Als ich mich dann Richtung Tür wandte, kam mir der Verkäufer, ein Gelassener entgegen. Nichts sagend ging er an mir vorbei und stellte sich demonstrativ an die Kasse. Das Spiel mache ich mit, sagte ich mir, und ging auch zur Kasse, ganz langsam, schlendernd. Um ehrlich zu sein, ich ahmte ihn nach, was mir nicht ganz gelang, denn es war ziemlich ansträngend. Aber ich fühlte mich gut, gehörte ich in seinen Augen auch zu den Coolen. Dort angekommen, stellte ich mich genauso lässig hin wie er. Und dann passierte etwas, das alles bestätigte, was ich über ihn dachte, er sagte (ohne mich dabei anzugucken!): "Hemd". Wahnsinn! Er sagte nicht etwa: "Das da?" oder "Dieses Hemd?" oder vielleicht "Hemd?", nein er sagte "Hemd", einfach so. Als ob es sich vielleicht um was anderes handeln könnte, Mann! Da war es mit meiner Gelassenheit fast vorbei, doch ich blieb cool und nickte nur ganz schwach. Wie konnte ich denn anders seine Lässigkeit überbieten? Und das war genau das Richtige. Plötzlich gab er, von meinem Verhalten überrascht, für einen kurzen Augenblick seine Tarnung auf. Voller Respekt schaute er mir ganz kurz in die Augen, ungefähr so, wie ein Karateschüler seinen Meister anschaut, wenn dieser ihm vorführt, wie man mit dem Kopf einen Backstein zerstört. Im nächsten Moment war auch schon wieder alles vorbei, doch ich erkannte, dass es sich um keinen wirklichen Gelassenen handelt (das bestätigte nur meine Duzend - Theorie).
Doch das war noch nicht alles. Kurz nachdem unser Kandidat den Sicherungsclip entfernt hat, ihn mit der Lässigkeit eines John Travolta im Film Pulp Fiction, in die Kiste unter der Kasse schweben lies, holte er die Laserpistole aus der Halterung und erschoss mein Hemd. Ja, Du hast richtig gelesen, er knallte mein Hemd regelrecht ab! Ich dachte, gleich spritzt es Blut und Gehirnmasse. So eine vollendete Preiseinscannbewegung hab´ ich noch nie gesehen. Hollywood, Mann! Und da trat mich der goldene Schuh der Erkenntnis, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Da war die Antwort auf meine Frage, woher diese Gelassenheit kommt. Aus der neuen Welt natürlich, aus den USA, yeah!
Ich ging im Kopf alle Pros und Kontras meiner neuen Theorie durch, und die Pros überwogen. Meine Theorie:
Ganz klar, ich bin zwar kein Anhänger der früher - war - alles - besser - Meinung, aber die Gelassenheit, in dem Maße wie sie heute auftritt, gab es früher nicht. Damals kannte man es bloß aus England, wo gutgestellte Aristokraten und Kapitalisten sich hinter einem Mantel von Gleichgültigkeit versteckten, weil es eben schick war. Das waren die Gentlemen.
Was passierte dann? Ein paar von denen gingen in die USA und wollten ihre Gelassenheit weiter betreiben, doch waren schon damals die amerikanischen Gesellschaftsnormen ziemlich liberal und man fühlte sich den Zwängen der alten Welt nicht mehr verbunden. So Entwickelte eine Gruppe um den berühmten Philosophen und englischen Kaufmannssohn James Raymond Cool eine neue, auf die amerikanischen Bedürfnisse zugeschnittene Gelassenheit, die Coolness. Neben ihm waren in dieser Gruppe, die aus noch weiteren elf Jungkapitalisten, Jungaristokraten und Snobs, also Yuppies bestand, solche bedeutenden Coolisten wie William Yeah, der die Gruppe nach außen vertrat, der Russe und einzige Nichtengländer Sergijej Sergijejowitsch Mattschachow, der ein neues Spiel für dir Gruppe erfand, das heutige Schach oder Arthur Nomoof Jr., der seine Gelassenheit zur Perfektion entwickelte und zum Schluss zwangsernährt werden musste, weil er sich nicht mehr bewegte. Alles Männer, die ihre Coolness lebten und sie dem amerikanischen Volk zu vermitteln wussten. Ich behaupte, weil sie das Coolgen hatten.
Doch diese gleichgültige Gelassenheit und perfekte Coolness, die diese Männer so liebten wurde ihnen allen zum Verhängnis. So starb Sir John Llowalk, bei dem Versuch, nach einem Autounfall, die Fahrbahn zu überqueren. Er wurde von einem voll geladenen Eselkarren erfasst und überrollt. Er starb aber nicht an den Folgen des Zusammenstosses, sondern Wochen später an den Spätfolgen der Schläge, die ihm der Eselkarrenfuhrmann wegen, wie er sagte, " .seiner grenzenlosen Dummheit" erteilt hatte. Nicht viel besser erging es Charles II. Late bei seinem ersten Fallschirmsprung. In der Luft gab es keine Probleme, umso katastrophaler war es dann am Boden, denn Mr. Late sprang aus dem Flugzeug als die Maschine schon zum Landen ansetzte. Er fiel aus einer Höhe von Zehn Metern aus dem 300 Km/h schnellen Flugzeug. Jede Hilfe kam da zu spät.
Allen zwölf Coolisten war eins gemeinsam, sie waren so gelassen, dass sie nie eine Frau ansprachen, dadurch konnten sie nie Familien gründen und Kinder zeugen. So starben wohl die einzigen von Gott gegebenen Gelassenen der Menschheit mit diesem Duzend aus. Sicher, das amerikanische Volk versuchte und versucht immer noch in die Fußstapfen ihrer Nationalhelden zu treten, doch es bleibt ein kläglicher Versuch. Wie viele US-Amerikaner gibt es, die den ganzen Tag krampfhaft versuchen gelassen zu wirken, wie viel Ärger und bittere Tränen deswegen, es sieht ja doch nur lächerlich aus, bemitleidenswert. Das einzige Resultat ihrer Bemühungen, sind Hämorrhoiden und völlig kaputte Nerven. Deswegen haben Proktologen und Psychiater in den USA Hochkonjunktur.
Aber zurück zu meinem Verkäufer. Er hatte neben seiner tollen Einscannbewegung noch andere coole Moves drauf. Er legte mein Hemd nicht einfach zusammen, wie es wohl jeder andere Verkäufer getan hätte, nein, er "rollte und stopfte" , er führte sozusagen eine "roll and fill" - Aktion an meinem Hemd aus. So wickelte er sich das Hemd zweimal um die Hand und stopfte es dann in die Tüte, natürlich ganz Lässig. Man hatte das Gefühl, seine Gliedmaßen gehören gar nicht zu ihm, es geschah alles irgendwie von alleine, als ob er damit nichts zu tun hätte. Alles war ihm so gleichgültig. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas von Silvester Stallone im Film Rambo - erfahren, überlegen, einfach cool. Als ich ihn so beobachtete, überlegte ich, wie der Typ zu soviel Gelassenheit kam. Gab´s die irgendwo zu kaufen, wurde sie einfach verschenkt, was erklären würde, warum so viele Menschen sie haben, oder bekam man sie neuerdings beim Blutspenden anstatt von Geld?
Um das zu beantworten, muss ich eine kleine Exkursion in die Geschichte der Menschheit machen.
Steinzeit, die Menschen hatten es mit riesigen Tieren zu tun, mit schnellen und starken Tieren. Menschen und Tiere fraßen einander. Entweder man war schnell oder man war ein Essen, was anderes zählte nicht. Das Cholergen begann seinen Siegeszug in unserem Genpool. War man nämlich sofort auf hundertachtzig, war die Chance wesentlich größer einem Säbelzahntiger zu entkommen. Alle gelassenen Menschen wurden daher schon in der ersten Woche der Steinzeit gefressen.
An dem Prinzip änderte sich im Verlauf der Geschichte nichts. Immer ging es darum von jetzt auf gleich auf Zack zu sein. Wer das nicht war, verlor. So geschah es an den Iden des März 44 v. Chr., dass mehrere Senatoren Julius Caesar hinterrücks erdolchten als er das Senatsgebäude betrat. Die Quellen sprechen vom Tyrannenmord, ich sage, er war den Senatoren zu gelassen. Oder Friedrich I. Barbarossa, der ertrank am 10 Juni 1190 beim Baden im Fluss Saleph in der heutigen Türkei, nachdem er in seinem Kreuzzug, zwei große Siege über die Muslime errungen hat. Er war ein guter Schwimmer und keiner konnte sich seinen Tod erklären, ich sage, er war zu gelassen. Napoleon bei Waterloo, zu gelassen. Der Russische Zar 1917, zu gelassen. Gegen seine Gelassenheit erhob sich sogar das gesamte russische Volk.
Wie man sieht, hatten die Gelassenen nie gute Karten in der Geschichte, was passierte also, dass wir jetzt so viele Coolios unter uns haben?
Alles fing am 17. September 1787 mit der Verabschiedung der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika an. Mit dieser Verfassung waren die USA der erste demokratische Staat der Welt, mal vom antiken Athen abgesehen. Demokratie ist nämlich die Vorraussetzung für die Existenzberechtigung von Gelassenen und Coolios.
Klar, es gab auch in Monarchien Gelassene, wie zum Beispiel in Großbritannien, aber das waren alles höhergestellte Aristokraten, die mit der Wirklichkeit nicht in Berührung kamen. Ihre Zahl war jedoch so gering, dass man sie hier ruhig vernachlässigen kann (außer dem Duzend natürlich!). Und auch die Britten bekamen auf der Ganzen Welt den Arsch voll für ihre Gelassenheit. Sie lernten dazu, ruderten zurück und sind heute alles andere als gelassen.
Die Demokratie berechtigt jedoch nicht nur die Oberschicht, sondern jeden, der geringfügig mehr Gehirnmasse besitzt, als eine Stubenfliege, so gelassen zu tun, als wäre er John Wayne. Aber war John Wayne gelassen? Nein, er spielte nur einen Gelassenen, er war nämlich Schauspieler!
Also noch mal für ganz langsame, bevor ich mit der Demokratie weitermache: John Wayne war Schauspieler, genauso wie John Travolta und Silvester Stallone Schauspieler sind. Zu den Aufgaben ihres Berufes gehört es auch Coolness oder Gelassenheit zu spielen. Sie lernen es, studieren es ein, üben wochenlang. Üben Mimik, Gestik, Rhetorik vor dem Spiegel, mit anderen Schauspielern und mit dem Regisseur, und müssen doch, eine coole Bewegung oder einen gelassenen Gang mehrmals wiederholen bis sie cool oder gelassen genug wirken. Man sieht sie dann in Filmen, findet sie super, denkt, sie machen ihren Job gut, schaut sich dann gerne ihre Filme an, und das war´s!
Das war´s, Junge! Film ist Film und Realität ist Realität, die haben nichts miteinander zu tun! Man versucht nicht das Hemd eines Kunden zu erschießen! Wir sind doch nicht im wilden Western, wo man das Hemd eines jeden erschießen kann, wir sind hier in einem demokratischen Land in "Old Europe". Hier darf nicht jeder eine Waffe an seiner Hüfte spazieren tragen, unser Recht verbietet es.
Ja, wir sind an das Recht gebunden. Wir haben Rechte und Pflichten. Unsere Demokratie ist auf mehreren Pfeilern Aufgebaut, einer davon beinhaltet das Recht zu sagen und zu tun was man will, solange man damit keinem anderen einen Schaden zufügt. Dieses Recht wird geschützt, das heißt, sollte man jemanden daran hindern dieses Recht auszuüben, muss man mit Strafen rechnen. Und das ist der Punkt. Das ist die Berechtigung für die Existenz von Coolios. Es darf keiner einen anderen daran hindern cool zu sein, ohne mit Folgen rechnen zu müssen. Und das ist gut so! Demokratie ist was Feines, wird sie richtig ausgelegt und nicht missbraucht.
Wobei wir beim Kapitalismus wären. Der Kapitalismus an sich ist keine schlechte Sache. Man hat etwas, ein anderer, der auch etwas hat, will es haben, man tauscht. Wunderbar. Sollte der andere etwas haben, was man nicht will, muss er einem etwas geben, was genauso viel Wert hat, wie das, was er von einem haben will. Ein Zahlungsmittel. Prima. In Ozeanien waren es Steine, in Afrika Nüsse oder Muscheln, in Japan rechnete man in Reis um und in Europa gab es als Zahlungsmittel Metall, vorzugsweise Kupfer, Silber und Gold. Bis dahin ist alles supi. Alle tauschen munter untereinander und haben sich lieb, oder? Nein? Warum nicht? Was stört? Richtig! Die Gier der Menschen! Eine Eigenschaft, neben der Tatsache, dass wir einen funktionsfähigen Daumen besitzen, die uns von allen anderen Tieren unterscheidet. Unser Bedürfnis immer mehr zu bekommen, als wir brauchen, um mehr zu besitzen als andere, macht jeden ehrlichen Kapitalismus unmöglich.
Aber was hat der Kapitalismus mit den Gelassenen zu tun? Alles! Schafft die Demokratie eine Daseinsberechtigung für Coolios, so ist der Kapitalismus die Hauptursache für ihre Existenz und Verbreitung.
Um diesen Zusammenhang zu erklären, muss ich einen neuen Begriff verwenden, das Image. Der Begriff kommt natürlich, wie die meisten neuen Wörter der deutschen Sprache, aus dem Englischen und bedeutet soviel wie Bild oder hier treffender Erscheinungsbild. Genau genommen ist es die Gesamtheit der Vorstellungen, die eine Person von sich selbst oder von anderen Personen hat. Eigentlich kommt das Wort aus dem Latein aber englisch ausgesprochen hört es sich professioneller an.
Die Geschichte des Image:
Ein genialer aber bis dahin erfolgloser Händler, heute würde man sagen Geschäftsmann, der 239-169 v. Chr. im antiken Rom lebte, erkannte das erste Mal den Nutzen des Image für den Handel. Nachdem er nämlich sein ganzes Geld für weißen Baumwollstoff (234 Stoffballen) ausgegeben hat, heute würde man sagen, investiert hat, hatte er keine einzige Monete übrig, um den Stoff zu Kleidungsstücken weiterzuverarbeiten. Er wurde den Stoff nicht los und stand kurz vor einen Ruin. Da kam ihm die rettende Idee. Er schnitt von dem weißen Stoff einen vier Meter langen Streifen ab und wickelte ihn sich um den Körper. Um die Taille band er sich eine Kordel, um den Stoff zusammenzuhalten. Bis dahin war sein Aufzug noch nichts Außergewöhnliches, sah er doch aus wie ein normaler Bettler. Erst durch das Image, das Genius Imagenus zu diesem Stofffetzen schaffte, wurde es zum erfolgreichsten Kleidungsstück in der Antike. Die neue Kreation führte er seinen Verwandten und Freunden vor. Diese lachten ihn zuerst aus, doch als er ihnen sein Konzept vorstellte, waren sie fest davon überzeugt so ein Kleidungsstück auch besitzen zu müssen. Er sagte ihnen nämlich, er sei es leid immer zum Schneider gehen zu müssen, er habe einfach keine Zeit dafür, er sei zu sehr in seine Termine eingespannt und könne es sich nicht leisten auch nur eine stunde zu erübrigen. Alle seine Freunde und Verwandten, die übrigens auch Händler waren, stimmten ihm zu, und versuchten sich damit zu überbieten, wie wenig Zeit sie doch hätten, und wie gut das Geschäft so laufe. Einer sagte, er sei so beschäftigt, dass er nur vier stunden am Tag schlafe, worauf sich ein anderer vor ihn stellte und behauptete, er schlafe nur einmal im Monat, so viel habe er zu tun. Ein Dritter versicherte allen, er habe noch nie in seinem ganzen Leben geschlafen, musste er schon kurz nach seiner Geburt im Geschäft seines Vaters arbeiten, da fing ein Vierter an zu lachen und erklärte mit geschwellter Brust, in seiner Familie werde deswegen seit Generationen nicht mehr geschlafen, so! Diese Diskussion wäre wohl noch die ganze Nacht so weitergegangen, hätte Imagenus sie nicht unterbrochen um mit seiner Vorführung weiterzumachen. Er nannte seine neue Kleidung Tunika und erklärte, sie sei zukunftsweisend und überhaupt, für erfolgreiche Händler unentbehrlich, sei sie doch bequem, einfach in der Handhabung und Kosten sparend. Dann fügte er noch hinzu, die Lässigkeit einer Tunika erzeuge ein Bild von Gelassenheit, und darauf komme es doch an.
Es dauerte nicht lange und Genius Imagenus ist zum reichsten Mann im Römischen Reich geworden. Nachdem sich die Tunika nämlich dank seines Genies unter vermeintlich erfolgreichen Händlern verbreitet hat, wollten alle eine Tunika haben. Man kaufte sich eine Tunika aber nicht wegen der Bequemlichkeit oder wegen der Qualität des einfach zugeschnittenen Stoffes, sondern wegen dessen, wofür eine Tunika stand, wegen ihres Image.
Bald hatte jeder eine Tunika und der Markt für Tunika war gesättigt. Imagenus musste nach anderen Images suchen um den Menschen Dinge zu verkaufen, die sie nicht brauchten. Neben dem Image des erfolgreichen Händlers schaffte Genius Imagenus noch das Image des sauberen Bürgers, des kühnen Soldaten und sogar das Image eines imperialen Staates. Am letzten bereicherte sich Imagenus´ Familie noch Jahrhunderte nach seinem Tode.
Bis zum heutigen Tage hat sich an dem Prinzip des Image nichts geändert. Im Laufe der Jahrtausende, von Imagenus bis heute, gab es unzählige Images. Und immer waren es reine Fantasieprodukte. So das Image der enthaltsamen Priester, die im Zölibat lebten, das dazu diente die Güter dieser Priester nach ihrem Tod wieder der Kirche, und nicht möglichen Nachkommen zukommen zu lassen. Oder das Image der frommen Ritter, die auszogen um, im Zeichen des Kreuzes das gelobte Land von ungläubigen zu befreien, das dazu diente sich ganz einfach zu bereichern und die Konkurrierenden Religionen zu schwächen. Das letzte Beispiel erinnert mich sehr stark an das Image, das die USA seit 14 Jahren Pflegen, zwar geht es dabei offiziell um die Demokratisierung der Welt, die Gründe sind jedoch dieselben. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr und ausführlicher.
Zusammengefasst, ist das Image etwas erfundenes, hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun und dient dazu, daraus gesellschaftlichen, sozialen oder finanziellen Profit zu schlagen.
Das Image des coolen, über allem stehenden Gelassenen wird uns schon lange, spätestens aber seit es Western gibt, vorgespielt. Ein Westernheld ist jeder Situation gewachsen, ist lässig, zeigt keinerlei Gefühle, und hat beim Sterben noch einen coolen Spruch parat. Doch ist das die Wirklichkeit? Empfinden wir so? Sind wir denn gelassen?
Ich sage nein, wir spielen es nur, wir wollen um jeden Preis gelassen sein. Wäre die Mephistoära noch nicht vorbei, würden viele ihre Seele verkaufen, einfach nur um gelassen zu wirken. Doch da Mephisto schon längst keine Seelen mehr einkauft, bleiben uns wohl nicht erspart, dass es Typen gibt, die stümperhaft einen Gelassenen markieren.
Leuchtet das auch anderen ein, oder bin ich der Einzige, der so denkt? Bin ich einsam mit meiner Meinung, dass das gelassene Gehabe dieser Typen das Gegenteil bewirkt von dem was es soll? Sie machen sich dadurch lächerlich! Gespielte Gelassenheit ist Lächerlich! Verkäufer, die nicht in zusammenhängenden Sätzen sprechen, machen sich lächerlich! Ein Hemd erschießen zu wollen, das keiner trägt, ist nicht nur lächerlich sondern auch peinlich! Diese falsche Gelassenheit hilft doch nur den Menschen, die etwas haben was wir nicht brauchen, um uns dieses unnütze Zeug zu völlig überzogenen Preisen zu verkaufen. So wollte ich mir dieses Hemd nicht kaufen, weil mir kalt war und ich nichts mehr zum anziehen hatte, nein, ich wollte es haben weil es cool aussah, weil ich dachte, es sehe cool aus, weil ich dachte, ich sehe in diesem Hemd cool aus, uhää, wie widerlich! Ich bin ja selbst einer von denen, ein falscher Gelassenen, ein Schauspieler, ein Tunikaträger, ein Handybesitzer, ein totaler Trottel! Ich wollte, nein, ich kaufte ein Hemd, weil ich dachte es wäre cool, für 60 Euro, dessen Wert vielleicht fünf Euro beträgt, weil es von indonesischen Kindern genäht wurde. Ich kann ja sehr stolz auf mich sein.
Aber wie kann ich mich auch dagegen wehren? Was soll ich nur tun, um nicht im Strom der Gelassenen unterzugehen und einer von ihnen zu werden? Ich befürchte, da gibt es leider kein Geheimrezept. Für mich persönlich, ist die Tatsache, dass ich diese Trottel erkenne, auch im Spiegel, ein großer Schritt in die richtige Richtung. Ein Schritt auf dem weg zum wahren Menschen. Einem Menschen, der Gefühle hat und sie zeigt, der Über sich selbst lachen kann, der offen aber zugleich kritisch allem gegenüber steht und vor allem, einem Menschen, der nicht von einem voll geladenen Eselkarren erfasst und überrollt wird.


vom Prototyp




Kommentare

Said W.Maher schrieb am 2008-10-06 11:07:44:
Jan, du bist einfach klasse! weiter so!
Ger-Mann schrieb am 2007-04-17 09:42:14:
Ganz hervorragend!
cj@dienst.de schrieb am 2006-02-21 16:38:02:
Sehr geehrter Prototyp,
ich möchte ihnen zu diesem gelungenem literarischen Werk gratulieren. Sie leisten damit nicht nur einen wertvollen ästhetischen Beitrag sondern auch einen ideologischen. Wir von der ACF werden sie bei der Ergreifung der Weltherrschaft natürlich in positiver Erinnerung behaleten und ihnen die entsprechenden Vergünstigungnen beim Eintritt in das "Coolisten-Jagdparadies" gewähren - ein Spass für jung und alt. Dort werden sie und ihre Verwandten nach Herzenslust Coolisten jagen und ausweiden können. Bei der zukünftig traditionellen Coolihatz mit Schäferhunden haben sie sich mit diesem Text ebenfalls Exklusivrechte gesichert. Glück auf und ein schallendes Tod den Coolisten wünschen CJ und ACF
Nadine.Schorr@gmx.de schrieb:
Abgesehen von kleinen Fehlern und Ungenauigkeiten fand ich deine Geschichte beachtlich. Wirklich eine richtig gute Satire und ich konnte ein paar Mal herzlich lachen. Danke.
toxin2004@web.de schrieb:
Ich fand die Geschichte ebenfalls ziemlich amüsant, diesen Möchtegern-Gelassenen könnte ich auch des Öfteren eine in die Fresse geben ;-)
Tine schrieb:
Die Geschichte entlockt mir nur ein lässiges Schulterzucken.
www.anticoolisten@freenet.de schrieb:
Schönen guten Tag hier schreibt ein Mitglied der ACF-
ANTI COOLISTEN FRAKTIN wir finden den Text einfach richtig gut. Die ACF
ist mit ihnen einer Meinung
bei der ACF beenden wir ein Gespräch bzw. einen Tex immer mit
TOD DEN COOLISTEN

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