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Kategorien > Kurzgeschichte > Historisch - Fantasie

Die Geschichte ist ein Mörder (I)

von Momo

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Die Geschichte ist ein Mörder (I)
-wie alles begann-


Im 18 Jahrhundert erlebte die Welt, die sich hierbei auf das kleine England bezieht, eine vollkommende Veränderung, die, wie so viele Veränderungen, großartige Vorteile und rücksichtslose Nachteile mit sich zog.
Dabei kehren wir gedanklich in das Jahr 1700, wo sich ein einfacher Schmied, namens Thomas Newcomen, gezwungen sah, mit Hilfe der Neuronen und Synapsen in seinem Hirn, zu einer folgeschweren Entscheidung zu kommen, wollte er das verlieren seines Arbeitsplatzes verhindern. Welche Nervenimpulse auch immer diesen revolutionären Gedanken ausgelöst haben, es kam, wie es kommen musste, wenn ein Mensch Angst hat: Thomas Newcomen hatte einen brillanten Einfall.
Die Dampfmaschine, welche zu diesem Zeitpunkt noch eine Idee in seinem verrückten Schädelkasten war, sollte schon bald Wirklichkeit werden. 1712 wurde der Gedanke zur Realität, als die erste Dampfmaschine in einem Kohlebergwerk bei Staffordshire in Arbeit ging.
Und so mit beginnt unsere kleine Horrorgeschichte.
Die meisten werden schon erahnen, welch revolutionäres Thema hier angesprochen wird, doch für alle nicht Historiker unter uns und für die, die damals im Geschichtsunterricht ihre Zeit lieber damit verbracht haben, das langsame Absterben ihrer Gehirnzellen zu beobachten, die zweifelslos Suizid begingen, welcher aufgrund der Langenweile verursacht wurde, sollte man es noch einmal in aller Direktheit sagen: Industriezeitalter.
Zweifelslos werden die Meisten unter Ihnen jetzt die schwarz-weiß Bilder von gewaltigen Fabriken im Kopf haben, mit tausenden von Schlöten, die schwarzen, fetten Qualm in den Himmel des idyllischen Yorkshires spucken. Hungrige, verschmutzte Kindergesichter, deren runden Augen, das Leid der Arbeit widerspiegeln, welche aus einem Hungerlohn, Eintönigkeit und des sicheren Verderb der Seele und des Körpers besteht. Menschen, die zu siebzehn in einem Raum gepfercht sind und dort ihr ganzes Leben vollbringen. In diesem kleinen Zimmer, in dem es kalt im Winter- und stickig im Sommer ist, in dem gekocht, geschlafen, geliebt, gehasst und resigniert wird. Die Unterdrückung der Menschen ist die erste Katstrophe dieses Zeitalters, das sich nicht nur mit der sozialen Frage beschäftigt, sondern auch mit dem warum?
Die zweite Katstrophe, ist jene, das die Technik eine Macht erhielt, die sich im heutigen Zeitalter nicht mehr steuern lässt, ebenso wenig das man sie kontrollieren kann. Das Industriezeitalter ist quasi die „Geburt“ der Technik und noch einige andere Ausgeburten kamen dazu, unter anderem die Missgeburt „Arbeitslosigkeit“.
Nach der betriebsfähigen Dampfmaschine wurde eine ganze Flutwelle von genialen und weniger genialen Erfindungen ausgelöst. Unteranderem die Dampflokomotive von Stephenson 1814, 1837 das Morse Telegraf, der Urvater des heutigen mobilen Telefons, 1897 kam dann endlich Licht ins Dunkle mit der Glühbirne von Edison und nicht von Watt und 1913 das erste Fließband, dessen Arbeit viele Menschen ersetzte.
Jacob Taylor, der 23 Jahre seines Lebens in einer Dosensuppen Fabrik gearbeitet hat, die sogar nach Frankreich und Deutschland lieferte, verlor kurz nach 1916 seinen Arbeitsplatz, da sich die Firma „Pea-Souper“ entschieden hat, Geld in ein elektronisches Fließband zu investieren und einer Maschine, dessen genauen Namen nicht bekannt ist, aber in allgemeinen Suppen-Einfüll- Maschine genannt wurde. Neben Jacob Taylor verloren auch 13 andere Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz und mussten zusehen, wie sie nun über die Runden kamen. Streit mit den Ehefrauen, den Gürtel enger schnallen, Alkoholsucht und das Vertrauen in den Staat verlieren, waren Grundvoraussetzungen dieses neuen Lebens. So kam es, das Taylor nach seinem dritten Bier eine Art philosophischen Zustand erreichte, dessen Thema er dem Vertreib der Menschen durch die Maschinen widmete. Durch seine angesäuselte und nicht immer klar verständliche Aussprache und dem Umstand, dass er sich dabei mit seiner Balkon Sonnenblume Sunny Yellow unterhielt, machte es dem unvermeidlichen Zuhörer nicht leicht, das Gespräch nachzuvollziehen. Im verständlichen Resümee zusammengefasst: Jacob Taylor kam zu den Entschluss, das nicht die Maschinen die Schuld an seiner misslichen Lage trugen, sondern die Menschen, denen die Maschinen gehörten.
Als Jacob Taylor dann am frühen Nachmittag gen 14:27 seinen Rausch ausgeschlafen hatte und mit Sunny Yellow im Arm aufwachte, die er in seinem alkoholisierten Zustand für seine Frau gehalten hatte, entschloss er sich, seinem ehemaligen Chef der Firma „Pea-Soup“ einen Besuch abzustatten.
Es war ein schwüler Sommertag, der all das Treiben in Zeitlupe abspielen ließ und während die Menschen sich in den Schatten der Bäume zurückzogen, arbeiteten die Maschinen unaufhörlich weiter und nicht ein Schweißtropfen bildete sich auf ihrer metallenden Haut. Jacob Taylor betrat mit seiner Sonnenblume Sunny Yellow unter dem Arm das Firmengelände, welches wie ausgestorben wirkte. Es bewegte sich nicht ein Lüftchen in dieser stillstehenden Luft, die alles einhüllte wie warmes Sirup. Der noch nicht nüchterne Jacob fuhr sich mit einer energischen Bewegung über seinen ergrauten Schnauzer und marschierte mit einer angesoffenen Willenskraft los. In der nicht weniger heißen Lagerhalle stand die Luft, es roch nach Motoröl, Metall und abgestandener Kohlsuppe. Als er die schmale Treppe erreichte, die zum Büro des Chefs führte, begann er mit dem schweren Aufstieg. Die Hitze macht ihm zu schaffen und sein niedriger Elektrolyten Haushalt auch. Die hämmernden Schläge in seinem Kopf schlugen mit seinen Vorwärtsbewegungen und den arbeitenden Maschinen in der Lagerhalle im Takt und mit jeder Stufe die er erklomm, hatte der alte Taylor mehr Probleme. Schwitzend und keuchend erreichte er das Podest und grade als Jacob Taylor an der Bürotür klopfen wollte, wurde die Tür mit einer Gewalt aufgeschlagen, das der alte Taylor nach hinten taumelte und über die Brüstung fiel. Der Flug dauerte exakt 1,983 Sekunden. Bedauerlicherweise überlebte Jacob Taylor diesen Sturz nicht, doch Sunny Yellow, die nur einige cm neben ihn aufschlug, kam lebendig davon und verlor nur wenige buttergelbe Blütenblätter, welche sanft auf den toten Taylor herunter sanken.

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