Die Geschichte von der Windharfe
von
Iustitia
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kein Schiff. Doch kein Schiff auf den Meeren dieser Welt befehligt den Wind. Der Wind jedoch kann ein Schiff dorthin tragen, wenn es ihm befohlen wird. Ich will dir geben was du brauchst um den Wind zu befehligen, doch will ich dafür auch etwas von dir.“ Der Mann brauchte eine Weile um den Sinn ihrer Worte zu erfassen, doch dann nickte er als Zeichen, sie solle ihm sagen, was sie von ihm wolle. „Ich will, was dir am teuersten ist.“, sagte die Schöne nur. „Aber ich habe nichts!“, antwortete der Mann verzweifelt. Wieder lächelte die Schöne wissend. „Aber du wirst haben. Schwöre, dass du es mir geben wirst, und ich will dir geben was du brauchst.“ Und so schwor der Mann ihr zu geben was ihm am teuersten ist, wenn er es hat, nicht ahnend welche Macht in diesem Schwur lag. In fließenden Bewegungen, die den Mann an einen Bach erinnerten, erhob die Schöne sich und deutete auf die Harfe. „Dies ist die Windharfe. Ihre Töne kontrollieren den Wind. Spielst du das eine Lied, so wird der Wind dein Schiff schneller davon tragen, als der Tod fliegen kann. Spielst du ein anderes Lied, so wird der Wind das Meer aufwühlen und dir Reichtümer in den Schoß spülen. Spielst du jedoch ein ganz anderes Lied, so wird der Wind dein Schiff dorthin tragen, wohin du zugelangen suchst.“ Und der Mann nahm die Harfe und verließ die Schöne wieder.
Aus dem was er in der Höhle und drum herum fand, baute der Mann sich dann ein Boot mit einem Mast, gerade groß genug für zwei Menschen. Als er fertig war, ließ er das Boot zu Wasser und segelte zunächst einige Tage nur mit dem Wind, ohne die Harfe anzurühren. Eines Tages jedoch nahm er das wundersame Instrument zur Hand und spielte vorsichtig einen Ton. Eine sachte Brise wehte ihm eine Haarsträhne ins Gesicht. Zaghaft spielte der Mann einen weiteren Ton und noch einen und noch einen und es wurde ein Lied aus den Tönen. Wind kam auf, stärker als der Mann ihn in den Jahren auf See je erlebt hatte, und zerrte das kleine Boot mit sich. Die Sterne hoch am Himmel schienen zu verschwimmen so schnell schoss das Boot dahin. Ängstlich ließ der Mann die Harfe los und mit dem letzten Ton verklang auch der Wind, als wäre er nie da gewesen.
Die Tage verstrichen, immer wieder versuchte der Mann die Harfe zu spielen, doch jedes Mal überkam ihn die Angst, so dass er wieder von ihr abließ. Eines Nachts hatte der Mann einen Traum. Er war wieder ein kleiner Junge und erlebte erneut jene Vollmondnacht, in der er seine Schwester das letzte Mal gesehen hatte. Den Schock, als sie fiel, den Schmerz, als ihm bewusst wurde, dass sie weg ist. Das Lied, das seine Mutter ihm an jenem Abend gesungen hatte um ihn zu beruhigen. In Schweiß gebadet wachte der Mann auf. Noch immer klang das Lied seiner Mutter in seinen Ohren nach und ohne weiter zu überlegen griff er nach der Harfe und spielte das Lied. Wie jedes Mal, wenn die Harfe erklang, kam Wind auf. Doch diesmal war es anders. Stimmen wehten im Wind und schienen zu dem Lied zu singen. Und obwohl er die Bedeutung der Worte nicht erfassen konnte, so stimmte der Mann schließlich in das Lied mit ein. Und das Boot schoss dahin unter dem Wind und dem Lied und als der Mann schließlich aufhörte zu spielen, weil das Lied aus war, so war alles um ihn herum verändert: die Sterne schimmerten in allen Farben des Regenbogens und wo vorher ein Vollmond am Himmel gestanden hatte, war nun nichts zu sehen. Eine Insel kam in Sichtweite und an ihrer Küste konnte der Mann viele kleine Erhebungen erkennen wie jene, auf der seine Schwester vor so vielen Jahren verschwunden war. Als er näher kam, tauchten die eigenartigen Erhebungen unter und so wurde er nicht behindert, als er schließlich an Land ging. Zitternd vor Aufregung rief er nach seiner Schwester. Eine Weile passierte nichts, doch dann raschelten ein paar Büsche und eine Frau trat zwischen den Zweigen hervor. Schüchtern schaute sie den Mann an, doch dann erkannten sie einander und fielen sich in die Arme. „Oh Bruder! Sag, wie hast du mich hier gefunden?“ Und mit einer Geste zur Küste fügte sie an, „Sie sagten mir, kein Weg führt hier her.“ Und so erzählte der Mann seiner wieder gefundenen Schwester von seiner Begegnung mit der Schönen und der Windharfe.
„Aber Bruder“, fragte die Frau als sie mit dem Mann ins Boot stieg, „was willst du der schönen Frau nun geben?“ Der Mann fing an ein Lied zu spielen, das sie wieder fort brachte, während er antwortete „Oh das ist leicht. Ich werde uns Reichtümer beschaffen und uns damit ein Heim bauen, das uns lieb und teuer sein wird. Und dann werde ich zu der Schönen gehen und ihr unser Heim geben.“ Freudig nickte die Frau und als sie wieder in heimischen Gewässern waren, so stimmte der Mann ein neues Lied mit der Harfe an. Wieder bäumte sich Wind auf, doch diesmal fuhr er nicht in die Segel des kleinen Bootes sondern direkt ins Meer. Hoch und höher schlugen die Wellen und schließlich fielen neben Wassertropfen auch Gold und Edelsteine in das Boot.
Aus diesem Schatze baute er auf einer kleinen Insel ein prächtiges Haus für sich und seine Schwester und sie lebten eine Weile dort. Obstbäume spendeten ihnen Schatten und ein üppiger Gemüsegarten versorgte sie mit allem, was sie brauchten. Und als der Mann spürte, dass ihm dies Haus eine wahre Heimat geworden war, verabschiedete er sich von seiner Schwester und fuhr mit seinem kleinen Boot zu der Schönen zurück um den Schwur, den er ihr einst gegebenen hatte, zu erfüllen.
Die Schöne saß summend in der Höhle, in der die Harfe gestanden hatte. Sie lächelte, als der Mann eintrat. „Bist du gekommen, um endlich deinen Schwur zu erfüllen?“, fragte sie. Der Mann nickte und öffnete den Mund um ihr zu sagen, sie könne sein liebes Heim nehmen, doch die Schöne erhob sich und schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Und du weißt, Sterblicher, das es niemals leicht ist das zu verlieren, was einem am teuersten ist?“ Wieder nickte der Mann. „Gut dann soll was dir am teuersten ist nun mir gehören.“, flüsterte die Schöne und hauchte dem Mann einen Kuss auf die Stirn „Gehe nun, Sterblicher.“
Also stieg der Mann wieder in sein Boot und segelte zurück. An seiner Insel angekommen, hatte er das Gefühl, dass etwas fehlte, doch er konnte nicht sagen was es war und so ging er durch das gesamte Haus, überprüfte jeden Gegenstand, jeden Baum und jede Pflanze im Garten, doch es schien alles dort zu sein. Er versuchte das Gefühl zu verdrängen, doch nagte es ständig an ihm. Irgendetwas fehlte, etwas wichtiges, doch er konnte sich nicht erinnern. Getrieben von innerer Unruhe stieg er schließlich in sein Boot und segelte umher. Als er älter wurde und sein Ende dann näher rückte, spielte er das Lied, mit dem er dem Tod entkommen konnte und segelte weiter über die Meere, auf der Suche nach dem, was er vergessen hatte.
Und während all der Jahre seiner Suche saß eine Frau in einem Höhleneingang und sah auf das Meer. Stumm vergoss sie Tränen für den Bruder, der sie zweimal verloren hatte.
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Kommentare
the_first_kiss1@gmx.de schrieb am 2008-12-15 23:23:10:
Heftig, diese Geschichte, so voller Gefühl und trotzdem sachlich. man hofft und hofft und weis es doch.....insgesamt liest sie sich ziemlich gut nur der Anfang ist etwas holprig....und man möchte iwie auch mehr über diese Wesen wissen....aber nicht schlecht!
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