Die Insel der Rollstuhlfahrer
von
Dominic Memmel
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Monsieur Ms Reise zur Insel der Rollstuhlfahrer
Auf einer meiner Reisen kam ein heftiges Gewitter auf, als unsere Brigg über eines der Weltmeere schipperte. Ich sage ganz bewusst nicht 'die sieben Weltmeere', denn es sind mindestens zwei Dutzend. Ja, ich war auf so vielen Meeren unterwegs gewesen, ich glaube fast es geht in den dreistelligen Bereich. Aber das sind nichts als Thesen eines sonnenverbrannten Gehirns, dem meinigen, und sollte von Dir, geneigter Leser, nicht so ernst genommen werden. Einigen wir uns auf fünfzehn Weltmeere. Und ein Glas Saft, das neben mir stand.
Nun kam also dieses Gewitter auf. Ich saß am Bug und blickte in die Ferne, dachte an meine Katze, die ich minder schweren Herzens zu Hause gelassen hatte, und rieb mir die lädierten Unterarme. Alte und nicht ganz so alte Schnittverletzungen, meist drei oder vier nebeneinander zierten meine Haut. Wir waren seit drei Tagen unterwegs und die Katze hatte mich an eben jenem letzten Morgen vor drei Tagen zum Abschied noch mal richtig durchgekratzt. Deshalb rieb ich mir die Arme, als die Wolken kamen.
Eine schwarze Wand, Watte des Todes, durchzuckt von gleißenden Blitzen, wirkte auf mich wie die Mikroskopansicht einer abgrundtief bösen Körperzelle. Sie grummelte vor sich hin, als denke sie gerade an ihr Opfer. Da dachte ich an unsere Brigg, sie schien dem drohenden Gewitter zwar ein kleines, damit aber auch ein sicheres Opfer zu sein. Da sah ich diese schwarze Todeswatte Knäuel für Knäuel über unser zartgliedriges Wassergefährt rumpeln, sah die Brigg kippen, sah mich selbst in einem Jahr als abgelutschtes Skelett irgendwo in der Tiefe, kippte vor Schreck meinen Saft ins Meer...
Es war dann alles nicht so schlimm und wir überstanden das Gewitter gut. Nur der Kompass war uns über Bord gegangen, und der schlotternde alte Mann, den wir am zweiten Tag als Schwarzfahrer von der Galionsfigur gekratzt hatten. Der Sturm hatte uns weit von unsrem Kurs gebracht, ohne Kompass jedoch wäre uns der Alte etwas wert gewesen, denn er hatte in einem lichten Moment behauptet, er könne Norden anhand der Sterne erkennen. Ich halte eine solche Behauptung für Quatsch, aber der Mann war alt, wie gesagt, und wahrscheinlich ein wenig angekalkt. Nun fuhren wir so dahin, in der wagen Hoffnung eine uns bekannte Welle zu entdecken, an der man sich orientieren kann, einen Leuchtturm oder eine stark befahrene Seestrasse, doch wir fanden nichts der gleichen. So ein Mist! Zu allem Überfluss ging nach zehn weiteren Tagen das Süßwasser zur neige. Die ersten Kämpfe um das kostbare Nass entbrannten noch bevor die letzten fünfzig Liter angebrochen waren, und so ging eines Nachts der Küchenjunge über Bord, am Morgen gar der Koch, am Mittag seine Frau, am Abend dann der erste Maat, die Nacht darauf der zweite und der dritte, und so weiter. Erst am vierzehnten Tag auf See machte unsere Brigg wohl etwas weniger Fahrt und das Glück holte uns ein. Wir entdeckten eine Insel! Klein aber, wie wir Übriggebliebenen mutmaßten, unsere Rettung.
Die Segel wurden gesetzt und das Ruder eingestellt, so dass wir endlich, endlich, endlich, nach fünfzehn Tagen, von denen die letzten zwölf doch sehr ermüdend gewesen waren, wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Gut, für die Erbsenzähler, wir hatten Sand unter den Füßen, den festen Boden erreichten wir nach grob geschätzten dreißig Schritt. Felsen und Gebüsch trennte das Landesinnere vom Strand. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf, je acht Mann, denn sechzehn waren von ehemals achtundzwanzig übrig geblieben. Ein Grund, weshalb uns auch die fünfzig Liter Wasser gereicht hatten.
Wie zu erwarten gehörte ich zur Expeditionscrew. Unsere Aufgabe war es, die Insel grob zu erkunden, jede nur auffindbare Zivilisation mit all ihren Lebensmitteln an den Strand zu lotsen und der Schiffscrew, die eben auf die Brigg acht geben sollte, nur mit froher Kunde wieder unter die tief geränderten Augen zu treten. Und wir versuchten unser Glück! Wir stapften wie die Weltmeister durch Dschungel und Gebüsch, kletterten Felsen hinauf und kullerten kleine Hügel hinab, eine gute halbe Stunde lang. Dann erreichten wir eine geteerte Straße.
"Hey!" rief ich vor Glück. "Wir sind gerettet!"
"Straßen kann man nicht essen," kam prompt die Antwort aus dem Mund unseres Quotenpessimisten.
"Ja, ja, ja, ist schon gut." Ich versuchte einen spontanen Anfall an Gewaltbereitschaft einzudämmen, mit Erfolg. "Wir teilen uns auf. Vier gehen in die eine Richtung und vier gehen in die Andere. Du!" Ich fixierte den Pessimisten. "Du gehst aus meiner Sicht in die andere Richtung, kapiert!?"
Hatte er. Als er sich wortlos umdrehte und losmarschierte, da fiel mir doch ein kleiner Stein vom Herzen und kullerte über den Asphalt in den Straßengraben.
Meine Gruppe lief und lief und lief. Erst am frühen Abend erreichten wir eine kleine Siedlung, doch sie schien unbewohnt, die Türen der Häuser standen zum Teil offen und die Scheiben waren kaputt. Steppenhexe rollte über den Boden, was ich für dramaturgisch verständlich aber ziemlich überflüssig hielt. Schließlich waren wir in tropischen Gefilden und die Steppenhexe ist bekanntlich ein sowjetisches Gewächs, von Einwanderern nach Amerika gebracht. Doch hier? Seltsam.
Ich erwähne es schon jetzt, auch wenn es mir zu diesem Zeitpunkt nicht ins Auge gefallen war: Dieser Ort lag auf einer felsigen Anhöhe, eine Pferdedroschke wäre auf diesem Untergrund in tausend Teile zerbrochen, noch ehe sie vom einen Rand des Dorfes kommend, den anderen erreicht hätte. Nur deshalb war der Ort verwaist, aber dazu später mehr. Wir sammelten was wir gebrauchen konnten, Messer, Schalen, Felle und so weiter, und marschierten dem Sonnenuntergang entgegen. Als eben dieser zu Ende gegangen war, da standen wir recht dämlich da, denn keiner hatte daran gedacht, ein Feuerzeug oder Streichhölzer einzupacken, so dass wir, von elektrischem Strom rede ich erst gar nicht, alsbald im Stockdunkel am Straßenrand saßen und Witze erzählten.
"Kennste den: Kommt 'ne Frau beim Arzt."
"Sehr witzig, haha."
"Tut mir Leid, erzähl dir halt deine eigenen Witze, wenn dir meine nicht gefallen."
"Ne, ne, erzähl nur weiter. Ich will schlafen, dafür sind die gut geeignet."
"Pisser!"
"Pass auf, ich hab ein Messer!"
"Komm halt, Pisser!"
"Mach ich gleich!"
Und so weiter, und so fort. Wir hatten uns schon bei den fünfzehn Tagen auf See nicht richtig lieb gewonnen, die Grabenkämpfe wurden hier an Land nahtlos fortgesetzt. Zum Glück bin ich geübt, war in meinem Leben schon mit vielen Reisegruppen unterwegs und weiß, dass man sich am besten raushält. Also rollte ich zur Seite und schlief ein. Alle vier müssen irgendwann eingeschlafen sein, meiner einer und die anderen Drei, und drei erwachten kurz nach Sonnenaufgang durch Gewehrsalven, die einmalig und bedrohlich in der Ferne donnerten. Der Witzeerzähler erwachte nicht, ihm steckte ein Messer im Rücken.
Nun bin ich sehr weit
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Kommentare
leonie schrieb am 2008-08-03 16:27:59:
wie kommst du bloß auf so n story?
bist du selber ein rollstuhlfahrer?
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