Die Kinder
von
Ariane Rathsmann
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Die Kinder
Außer Atem komme ich bei dem Gebäude an. Überall ist der Rauch, Erzieher und Kinder stehen davor. Alles ist ziemlich durcheinander. Ich bekomme Panik, weiß dass etwas nicht stimmt und dass ich darein muss. Menschen versuchen mich aufzuhalten, aber ich drücke ihnen mein Baby in den Arm und stürzte hinein, mitten in das Feuer. Ich laufe, mein Instinkt lässt mich in den Gruppenraum der Sternenkinder rennen. Man sieht kaum etwas der Rauch ist so dicht, ich habe Probleme mit der Luft. Doch immer wieder schreie ich „Gio! Lenchen!“ Als ich plötzlich ein erschöpftes, angstvolles „Mama!“ vernehme. Ich laufe in den Waschraum, da ist das Feuer noch nicht so dicht, nur der Qualm. Ich reiße jede Toilettentür auf, als ich bei der letzten angekommen bin sehe ich meine Kinder. Lenchen liegt in Gios Armen und er lehnt an der Wand. „Mama.“ Flüstert er und seine blauen Kinderaugen fallen zu. Ich schnappe meine Kinder und laufe zurück. Im Flur ist kein Durchkommen mehr, überall ist Feuer und Rauch. Es ist so wahnsinnig heiß, ich bekomme keine Luft mehr. Vor mir stürzt ein Teil von der Decke runter. Ich höre Rufe von Feuerwehrleuten. „Hilfe!“ schreie ich mit letzter Kraft, eh alles schwarz wird. Als ich aufwache liege ich draußen auf einer Vakuummatratze. Ich richte mich auf, obwohl alles weh tut und sehe zwei mit grauen Decken bedeckte kleine Gestalten. „NEIN“
„NEIN!“ Ich wache schreiend auf und knipse das Licht an. Ich bin total verschwitzt und ringe nach Luft. Meine Augen brennen, aber ich kann nicht weinen. Ich nehme das Asthmaspray vom Nachttisch und hole erst mal tief Luft. Dann stehe ich auf und ziehe meinen Bademantel an. Ich gehe runter in die Küche und mache mir einen Tee. Damit setze ich mich dann an den Tisch Es ist ein wenig dämmrig, aber ich mag kein Licht anmachen. An der einen Küchenwand hängen viele Bilder, ich erkenne sie auch so. Fotos von mir, von meiner Schwester, von meinen Eltern und meinen Kindern. Als ich mich meine einstige Patentante Ulrike zu sich und ihrem Mann Gregor ins Pfarrhaus geholt hat, wollte sie, die Bilder schnell abnehmen, aber ich habe sie gebeten das nicht zu tun. Das ist jetzt vier Wochen her. Davor war ich nach einem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt fast zwei Monate in einer Rehaklinik. Und sie hat mich auch ganz oft besucht. Sie hat so viel für mich getan, aber ich bin abweisend und ziehe mich immer mehr zurück. Ich spüre das ich eine Mauer um mich baue, die immer höher wird und von niemanden zerbrochen werden kann. Das stimmt mich sehr traurig, aber die Mauer wächst einfach. Der Schmerz ist so tief und die Trauer zerfrisst mich. Diese Sehnsucht nach Gio und Lenchen meinen Kindern. Kurz davor hat mich Ralf, der Vater meiner Kinder verlassen, wegen einer anderen. Er hat mich dann im Krankenhaus besucht, aber ich habe ihn weggeschickt. Und er hat Nora zu sich geholt. Ich hatte keine Kraft mich zu währen als mir auch noch mein drittes Kind genommen wurde. Vielleicht ist es besser so, denn ich komme ja nicht mal mit mir zurecht.
Ulrike kommt in die Küche und macht das Licht an. „Sasha, es ist doch erst vier!“ Ich nicke nur. „Heute ist dein erster Arbeitstag, bist du sicher das du das schaffst?“ Ich nicke noch einmal. Neulich habe ich mich als Pflegeschüler beworben, meine Patentante war entsetzt, hat es dann aber akzeptiert. Ich muss etwas tun, aber ich werde nicht als Assistentsärztin irgendwo anfangen. Zwei Tage später wurde ich bereits zu einem Vorstellungsgespräch gebeten. Der Typ der mich dabei verhörte, schaute die ganze Zeit als wäre ich nicht ganz dicht. Klar er hat sicher noch keinen gesehen, der sich mit so einem Abi als Pflegeschüler bewirbt. Nein das ich Schüler sage ist kein Irrtum, ich gebe mich oft als männlich aus, beziehungsweise die Leute denken es und ich kläre sie nicht auf. Männer, an die stellt man nicht so viele Fragen, kümmert man sich nicht um Hintergründe. Wenn ich mich als männlich ausgebe erleichtert mir das, das Leben erheblich. Von Männern wird oft nicht verlangt das sie Einfühlsam sind und Verständnis für alles haben, das überlässt man den Frauen. Männer sind stark, packen zu und müssen nicht Trost spenden. Jedenfalls haben das die Männer die ich kenne Größtenteils nicht getan. Ja alle halten mich für einen Mann, natürlich die, die mich nicht kennen. Die Haare die nach dem Feuer noch unversehrt waren wurden ganz kurz geschoren, weil es so wenig waren, darüber trage ich nun eine Kappe. Überall am Körper habe ich noch Narben von dem Feuer, besonders am Rücken. „Soll ich dich nachher fahren?“ Unterbricht Ulrike meine Gedanken. „Nein ich glaube ich nehme den Bus, danke. Ich gehe mich jetzt anziehen.“ Sage ich und verschwinde nach oben. Eine Viertelstunde später als ich runter komme sitz Ulrike immer noch am Tisch. „Warum bist du nicht wieder schlafen gegangen?“ Sie blickt mich an „Warum versteckst du dich hinter der Fassade eines Mannes?“ Fragt sie ohne meine Frage zu beantworten. „Ulrike anders überstehe ich das alles nicht. Das habe ich dir doch schon erklärt.“ „Du bist aber kein Mann, sondern eine Mutter die zwei ihrer Kinder verloren hat. Gott hat dich als Frau und Mutter geschaffen und nicht als Mann.“ „Hör auf, bitte. Gott hat mich doch längst verlassen.“ „So darfst du nicht reden Sasha! Gott wird dich immer lieben. Du hast deinen Sohn damals Gideon genannt, weil du wolltest das er mit der Begleitung Gottes groß wird, alle deine drei Kinder sind getauft...“ „Und alle drei Kinder hat mir Gott genommen, wenn es ihn gibt. Er hat mir das liebste genommen, wo ist da der Halt am Glauben, wieso soll ich ihm noch mein Leben anvertrauen?“ „Sasha du musst weiterleben. Zwei deiner Kinder sind gestorben, aber Nora nicht, wenn du soweit bist, dann wirst du dich mit Ralf einigen.“ Ich schweige und denke über die Worte nach. Immer wurde mir gesagt nur wenn man ein Leben mit Gott führt, hat man ein erfülltes Leben. Aber meine Erfüllung waren meine Kinder, ich habe auf Gott vertraut, doch wenn es ihn gibt hat er sie mir genommen. Wenn es Gott nicht gibt kann ich mich alleine als schuldig verurteilen, weil ich zu spät gekommen bin.
Es ist halb sieben als ich mich in den Bus nach Berlin-Schönefeld setze. Der Weg ist ziemlich weit, denn das Pfarrhaus liegt in einem winzigen Nest etwas Außerhalb von Berlin und auf der ganz anderen Seite. Von der Bushaltestelle muss ich noch eine Viertelstunde laufen, bis ich zu der Klinik komme. Aufgeregt bin ich nicht, ich wäre ja eigentlich so weit eine Ärztin im Praktikum wiederzugeben. Pflegeschüler ist vom Niveau her, wirklich ein ganzes Stückchen tiefer. Aber ich will nichts befehlen, bestimmen müssen, keine Anweißungen geben. Ich bin ja nur ein Schatten und kein Mensch mehr, ich werde machen was man mir sagt und auf Fragen notdürftig antworten. Mein Privatleben geht keinen was an, aber ich lebe ja nicht mehr sondern funktioniere nur noch. Als erstes werde ich zu meinem neuen Chef geschickt. Er hat nicht das Bewerbungsgespräch mit mir geführt, da waren es die hohen Tiere der
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Kommentare
Raphael schrieb am 2012-01-10 10:43:15:
Ohne Worte...
Einfach nur Wunderschön
zOe schrieb am 2007-09-21 16:37:57:
einfach wunderbar... du kannst echt toll schreiben! wahnsinnig berührende geschichte und wird auch nicht langweilig zum lesen! wirklich super!
nine schrieb am 2007-09-20 20:40:31:
wunderhübsch
nine schrieb am 2007-09-20 20:40:29:
wunderhübsch
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