Die Klingel
von
Allen F. Schaub
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Die Klingel
"Ding - dong, ding dong - - ding dong, dingdongdingdongdingdong!" Dieses Geräusch riss Anton aus dem Schlaf. Es ließ ihn erstarren, sein Magen zog sich zusammen. Steif wie ein Brett lag er da, traute sich kaum zu atmen. Dann war es ruhig, bis auf einen Mopedmotor welcher am Haus vorbeituckerte.
"Vielleicht hab ich es nur geträumt", hoffte er, doch er dachte sofort an seine unbezahlten Rechnungen und seinen Vermieter, welchem er auch noch drei Monatsraten schuldete.
Anton war verkatert. Sein Kopf schmerzte und seine Lungen fühlten sich an, als hätte sie eine Straßenmaschine zu geteert.
09:32 zeigte die Digitalanzeige seines DVD-Players. "Verdammt", dachte er, als ihm einfiel, dass er den Wecker vor zwei Stunden ausgeschaltet hatte.
Anton hatte keinen besonderen Termin wahrzunehmen, er wollte jedoch möglichst früh seine Wohnung verlassen, um nicht seinem Vermieter oder gar dem Gerichtsvollzieher zu begegnen. Er pflegte das schon seit einigen Tagen zu tun.
Als arbeitsloser Musiker (kurz nach dem Studium) hing er den Tag hindurch am Konservatorium herum, hatte von Zeit zu Zeit einen bezahlten Auftritt und besuchte hin und wieder mit Freunden eine Bar, um möglichst spät nach hause zu kommen.
Er war schon so weit, dass er seine Rechnungen und selbst die Briefe, welche ihm sein Vermieter an die Tür heftete, gar nicht mehr öffnete. "Morgen... wenn ich einen Job habe" sagte er sich. Kurzum, er war finanziell total abgeschlagen und es war keine Besserung in Sicht.
Die Sonnenstrahlen, welche durch die geschlossenen Fensterläden auf die Bettdecke fielen und die Stille verbreiteten schon fast eine idyllische Stimmung und brachten Anton zur Überzeugung, dass er die Klingel doch nur im Traum gehört habe. Er entspannte sich etwas und versuchte wieder zu schlafen, was ihm allerdings nicht gelang.
Antons unaufgeräumte Wohnung (und so auch sein Innenleben) standen im krassen Gegensatz zu seiner Erscheinung. Er war groß gewachsen, stets gut Gekleidet und versprühte einen liebenswerten Charme: eine Mischung aus draufgängerischer Arroganz und Schüchternheit, welcher ihm durchaus Sympathien in den verschiedensten Lebenslagen einbrachte. So auch in der letzten Nacht, wie er sich zu erinnern glaubte.
Die Weißweingläser tanzten im warmen Licht der engen Bar. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung am Tisch. Zwei amerikanische Geschäftsmänner im mittleren Alter in Begleitung einer Edelhure und der Wirt (ein beleibter Patron ende fünfzig) erzählten zweideutige Witze; zu Antons rechten saß sie: Eine aufgetakelte Blondine Anfang fünfzig. Sie bestellte eine Flasche Chardonnay um die andere, schwärmte von Freddy Mercury (während der Barpianist die "Bohemian Rapsody" dahinschmetterte) und wurde Anton gegenüber zusehends zudringlicher.
"ZrrrZrrrZrrr - - ZrrrZrrrZrrr!" Ein Rattern auf dem Nachttisch schreckte Anton auf. Sein Handy tanzte ungestüm über die Münzen auf der Ablage. "Unbekannter Teilnehmer" leuchtete auf dem Display. Er hielt das Gerät unter die Bettdecke. Endlich! - Nach dem siebten Signal verstummte es.
Angespannt lauschte er, ob ihn das Geräusch verraten hatte. Doch es herrschte Stille. Es war keine Ruhe mehr, war eine messerscharfe Stille, welche sich mit dem Gewicht der Ängste auf Antons Körper drückte.
"Warum?!" fragte sich Anton, "warum diese Probleme", wohl wissend, dass er alleine Schuld an seiner Misere war.
"Ruhig, ganz ruhig - kein Stress, Lösungen!" Doch die Lösungen erschienen nicht.
Er presste sein Gesicht ins Kopfkissen (wie er das als Kind getan hatte, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte, und bittere Tränen vergoss). Er wollte vergessen, schlafen, erwachen und feststellen, dass die Welt wieder in Ordnung war.
Zwei Autos rauschten vorbei. Anton hielt inne, doch es tat sich nichts. Er schloss die Augen.
"Willst du mich nicht nach hause begleiten?" bettelte die Blondine.
Anton sah die Strasse unter seinen Füssen vorbeistreichen, dann wie die neonbeleuchteten Fliesen des Treppenhauses an ihm vorbeiwanken.
Da packte ihn eine dunkle Vorahnung. "Nein, das kann nicht sein", flehte er, "Gott, wenn es dich gibt, lass das bitte nicht wahr sein!"
"Ding - dong..." da war es wieder. "Scheiße, Scheiße, Scheiße!" "Dingdongdingdong - dingdongdingdongdingdong." Kalter Schweiß durchnässte ihn.
Die folgende Stille war trügerisch, das wusste er, doch was sollte er tun? Er saß in der Falle.
"Strgrumpfstrgrumpfstrgrumpfstrgrumpfstrgrumpfstrgrumpf", hörte er das Stampfen auf der alten Treppe.
"Dingdongdingdong", dann klopfte es an der Tür einmal...zweimal, dreimal, schließlich steigerte es sich zu einem Hämmern. Er wagte kaum zu atmen. Er lag nur da wie ein Stein, regungslos und apathisch. Sein Blick wanderte langsam über den Boden des Zimmers (welcher von Wäschebergen überhäuft war) zum Fernseher, dann der weiß gestrichenen Wand entlang zur Decke, wo seine Augen verharrten.
Nach Momenten die ihm wie Ewigkeiten vorkamen, entfernten sich die Schritte. Doch Anton wagte sich noch immer nicht zu rühren.
Er sah das geliftete Gesicht unter sich, mit den gierigen Augen, welche ihn in Besitz nehmen wollten. Seine Hand umschloss sanft ihren Hals. "Drück zu",
hauchte sie. Getrieben vom Rausch aus Ekel und Geilheit presste er seine Hand zusammen und drang tief in sie ein. Ekstatisch fuhr er fort, fickte sie und drückte ihre Kehle zu, während sie sich röchelnd unter ihm wand. Sie fühlte sich an wie eine Wachsfigur, doch er hörte nicht auf.
Mit zittrigen Fingern strich er sich übers Gesicht und biss sich auf seine Oberlippe. Er war auf einen Schlag hellwach. Er erlaubte sich nicht zu glauben, dass es Tatsache war.
Auf einmal wurde er ganz ruhig. Sein Verstand setzte sich durch, und es wurde ihm klar, dass nur eine Möglichkeit bestand, zur Gewissheit zu kommen: er musste sich der Wahrheit stellen.
Mit mechanischen Bewegungen kleidete er sich an, putzte sich die Zähne und setzte sich anschließend aufrecht auf die Bettkante.
"Ding - dong" diesmal, so schien es ihm, intonierte die Klingel fast versöhnlich. In fatalistischer Andacht schritt er zur Tür, drehte das Schloss und öffnete.
Seine Nachbarin stand ihm gegenüber und reichte ihm ein Tupperware-Gefäß entgegen. "Mit bestem Dank zurück... ich hoffe ich störe nicht."
"Nein... nein", er nahm das Gefäß in Zeitlupentempo an sich.
"Alles in Ordnung? Du siehst bleich aus."
"Ja, nur etwas... angeschlagen."
"Dann gute Besserung", sagte sie und drehte sich zum gehen.
"Danke." Er schloss die Tür, stellte das Gefäß auf den Tisch, schnürte sich die Schuhe und warf sich eine Jacke über, während er das Haus verließ.
Einige Schritte von der Haustür entfernt steckte er sich eine Zigarette an und drehte sich kurz um. Er erblickte zwei uniformierte Polizisten, welche auf seine Haustür zugingen. Er sog an seiner Zigarette, inhalierte den Rauch tief in seine Lungen und schritt von Dannen.
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Kommentare
anna schrieb am 2010-03-11 08:58:31:
ding dong ding ehct super story ! RESPEKT
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