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Kategorien > Urlaubserlebnis > Abenteuer

Die Kreuzfahrt

von Matthias Augustin

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Sein Leben war schön. Er liebte sein Leben, das Leben, das jetzt rasend schnell an ihm vorbeizog. Sein erster Schultag, seine erste Freundin, sein erster Kuss, alle waren sie vereint an diesem wunderschönen Tag. Er spürte die Sonne, wie sie schwach zu ihm durchdrang. Wahrscheinlich war es der schönste Tag, den man sich zum Sterben aussuchen konnte. Trotzdem wollte er nicht.
Aber er hatte keine Wahl mehr, und als er fiel dachte er über all das nach, was er unbedingt hatte machen wollen, jedoch nie getan hatte. Ein Boot kaufen. Einmal für ein Jahr nach Australien fliegen.
Er hatte vorgehabt, diese Dinge in ein paar Jahren zusammen mit seiner Frau Sarah zu machen, wenn sie es richtig genießen konnten. In letzter Zeit hatte er zu viel um die Ohren gehabt, um sich in irgendetwas richtig vertiefen zu können. Und jetzt blieb ihm keine Zeit mehr.
Er fiel weiter. Das hieß, eigentlich fiel er nicht. Es fühlte sich aber danach an, weil der Betonklotz an seinen Füßen ihn so schnell dem Meeresgrund entgegen zog.
Er versuchte noch einmal, die Fesseln um seine Handgelenke zu lösen, wie er es schon mehrmals getan hatte, seit er ins Wasser geworfen worden war. Es rührte sich immer noch nichts, und er sah ein, dass da nichts zu machen war. Sie waren so fest zugeschnürt, dass mit Sicherheit seine Hände abstürben, wenn nicht dafür gesorgt worden wäre, dass er vorher ertrank.
Eigentlich war es zum Lachen. Der Mann, der sich nichts sehnlicher gewünscht hatte als ein Boot zu kaufen, sank jetzt langsam aber sicher dem Meeresgrund entgegen, während seine wunderschöne Frau, mit der er zusammen um die Welt hatte segeln wollen, über der Wasseroberfläche auf einem Schiff festgehalten wurde.
Was sie da oben wohl mit ihr machten? Er mochte es sich nicht ausmalen. Er dachte daran, dass er nie wieder Sarahs Küsse auf seinem Körper fühlen würde, nie wieder spüren würde, wie ihre weiche Haut die seine berührte. Er dachte an die blauen Augen, die er nie wieder sehen würde.
Und alles nur, weil sie einmal hatten ausspannen wollen.
Sarah und er waren auf einer Kreuzfahrt in der Karibik gewesen – nicht ganz Australien, aber auch nicht zu verachten. Drei Tage hatten sie sich köstlich amüsiert, hatten in der Sonne gelegen, im Pool gebadet, hatten sich auf Landgängen zweimal verlaufen und mussten einmal vom Kapitän des Schiffes aus irgendeinem kleinen Kaff befreit werden, in dem sie vergeblich versuchten, den Bewohnern irgendein verständliches Wort über den Weg zurück zum Schiff zu entlocken.
Dann wurde das Schiff von irgendwelchen Kleinganoven auf hoher See gekapert und der Kapitän gezwungen, Anker zu werfen. Den Passagieren wurden alle in irgendeiner Weise wertvollen Dinge abgenommen und die Männer nacheinander mit Beton an den Füßen ins Meer geworfen.
Die Frauen hatten sie oben behalten, um wer weiß was mit ihnen anzustellen. Vergewaltigung war da wohl das Wahrscheinlichste.
Er hatte wirklich alles versucht, um sie zu befreien, hatte sich sogar mit den Typen angelegt. Zum Dank war er dann als Nächster ins Meer geworfen worden. Kurz bevor er im Wasser landete, konnte er noch hören, wie Sarah schrie, dann war alles ruhig. Er hatte seine stille Reise in den Tod angetreten.
Jetzt merkte er, wie ihm langsam die Luft ausging, aber er durfte nicht ausatmen. Er zwang sich, die Luft noch ein wenig in den Lungen zu behalten. Das Wasser um ihn herum begann zu verschwimmen. Er spürte, wie er ohnmächtig wurde, aber das war genauso gefährlich, denn dann würde er ausatmen. Und er durfte nicht ausatmen. Dann wäre endg ...
Die Betonplatte an seinen Füßen traf auf Grund. Er erschrak sich so sehr, dass er wieder beinahe ausgeatmet hätte. Er konnte es gerade noch zurückhalten.
Er sah sich um. Im dunklen Blau des Wassers erblickte er die Männer, die ihm voran im Fünf-Minuten-Takt ins Meer geschmissen worden waren und nun um ihn herum auf dem Meeresgrund standen, vom Beton aufrecht gehalten. Sie starrten blicklos vor sich her, mit weit aufgerissenen Augen und verkrampften Gesichtern.
Matrosen, Kellner, Urlauber. Es war kein Unterschied gemacht worden. Das einzige, was sie verband, waren die Betonklötze an ihren Füßen.
Wo zum Teufel hatten die überhaupt den vielen Beton her?
Erschrocken wandte er den Blick ab und schaute auf den Meeresgrund. So wollte er nicht sterben. Er konnte sich keinen grausameren Tod vorstellen.
Plötzlich berührte ihn etwas hinten an der Schulter. Er drehte sich um und sah einen der Kellner, der einer der ersten gewesen war, der das kühle Nass hatte einatmen müssen. Doch er hatte es geschafft, die Fesseln zu lösen. Seine Hände waren befreit und hatten frei im Wasser schwebend seine Schulter gestreift. Genutzt hatte ihm das aber nichts, denn sein Gesicht war wie die der anderen zu einer Maske des Grauens verzerrt, nur dass es aus der Nähe schlimmer war, viel schlimmer.
Verzweifelt zerrte er am Seil, aber es rührte sich nichts. Er gab auf. Es gab sowieso nichts, was er hätte tun können, wenn es ihm gelänge seine Hände zu befreien.
Es tut mir leid, Sarah.
Die Welt um ihn herum wurde dunkel, aber er riss sich zusammen. Er durfte nicht wegsacken.
Das Dunkelblau des Wassers um ihn herum war wunderschön anzusehen. Ab und zu schwammen ein paar Fische vorbei, Korallen bedeckten den Grund, einige von den fallenden Betonplatten zerstört.
Plötzlich verdeckte über ihm etwas die schwach durchscheinende Sonne. Er schaute nach oben und sah, dass ein neuer Passagier seine letzte Reise angetreten hatte. Er sank langsam aus dem Schwarm Luftblasen herab, den sein Sturz ins Wasser verursacht hatte, und zerrte an seinen Fesseln in dem Versuch, sich zu befreien.
Brauchst dich gar nicht zu bemühen, Kumpel. Du wirst ebenso hier unten sterben, wie wir alle.
Das Bild wurde immer verschwommener. Schwarze Punkte tanzten in seinem Gesichtsfeld. Sein Kopf sackte weg. Er konnte nicht mehr klar denken. Nie wieder würde er Sarahs Stimme hören, nie wieder ihr Lachen. Es war vorbei.
Er atmete aus. Tausende großer und kleiner Luftblasen schwebten an seinem Gesicht und dem sinkenden Mann vorbei der Oberfläche entgegen. Er würde alles dafür geben, eine von ihnen zu sein. Wenn er oben ankäme, würde er Luft holen, bis seine Lungen platzten.
Er wollte nicht einatmen, aber es dauerte nicht lange, dann zwang ihn sein Körper dazu. Der Schmerz traf ihn plötzlich und hart, als seine Lungen sich mit dem kalten Wasser füllten. Er riss seine Augen auf und schrie seinen Schmerz heraus, doch der Schrei versank in den unendlich blauen Fluten.
Das Letzte, was er sah, war der verzweifelte Blick des Mannes, der eben neben ihm gelandet war. Dann war er nur noch ein Toter von vielen, die regungslos im Wasser trieben, nur von einem Betonblock aufrecht gehalten.

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