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Kategorien > Satire > Schule

Die Lehrprobenbesprechung

von Blauwal

Die Personen: Frau Jeder: hat die Lehrprobe erlitten
Herr Weruta, der Mentor: sitzt ganz vorne (vor)
Herr Beswis: leitet ein Fach, verleidet gelegentlich
Frau Reizend, eine Referendarin
Frau Schnabbel, " "
Herr Rasch, ein Referendar
Frau Schmittt, eine Referendarin
Herr Solidar, der Fachlehrer


Im Leben eines Referendars oder einer Referendarin gibt es in un-bestimmten Abständen, aber doch voraussehbar, die nicht ersehnten, aber für den Lerneffekt doch so eminent wichtigen besonderen Un-terrichtsbesuche, umgangssprachlich auch BUB oder Lehrprobe ge-nannt. Allein schon der schriftliche Entwurf für diese Stunde treibt die Fantasie der betroffenen jungen Lehrer zu Höchstleitun-gen an. Wir wollen hier nicht die originellen schriftlichen Aus-führungen würdigen, sondern einen Eindruck von der unmittelbar auf eine solche Veranstaltung folgenden hochnotpeinlichen Besprechung mitnehmen. Gerade haben alle fertigen und unfertigen Lehrer, die Zeuge dieser ungewöhnlichen Stunde geworden sind, teils betreten diskutierend, teils fragende Blicke austauschend, den Bespre-chungsraum betreten. Man muß sich unter einem Besprechungsraum einen je nach Schule besonders hergerichteten Raum vorstellen. Es darf in solchen Räumen, die sich meist in abseits gelegenen Berei-chen der Schule befinden, nicht besonders frisch riechen, damit solche Besprechungen aus Selbsterhaltungsgründen zeitlich limi-tiert sind. Die Bilder an den Wänden, wenn es welche gibt, unterstreichen den bereits erwähnten Charakter des Raumes.

Die letzten Stühle sind gerückt, alle Anwesenden haben einen Platz gefunden. Der braune Tisch ist abgewischt worden. Kaffee und Kekse von Aldi sug-gerieren Gemütlichkeit. Alle blicken teils freundlich, teils gespannt, als der Vorsitzende dieser Runde, der Mentor der Prot-agonistin, Herr Weruta, sich freundlich an die Referendarin, die gerade die Stunde gehalten hat, wendet.

" Also, nun trinken Sie erst einmal einen Kaffee, Frau Jeder und holen sie tief Luft, das beruhigt."

"Ja, den habe ich mir verdient." Mit einem Seufzer greift Frau Jeder zur Kaffeekanne. Ihre Hand zittert beim Eingießen.
Um die Atmosphäre ein wenig aufzulockern, läßt sich der zuständige Fachleiter, Herr Beswis, hören.

"Es ist ja toll, was sie hier an Keksen aufgetischt haben." Er nimmt sich einen Keks mit Schokoladenüberzug. "Diese üppige Bewir-tung ist wirklich nicht nötig. Hmmm, die schmecken wirklich gut. Könnten noch mehr Kekse mit Schokolade sein, davon kriege ich immer so wenig ab, ha ha. Tee gibt es keinen, oder vielleicht Saft?" Nach einer kurzen Schluck - und Atempause: "Ein früherer Referendar hatte ja anläßlich seiner Prü-fungslehrprobe mehrere Bleche mit Kuchen anfahren lassen. Sehr gut, sehr wohlschmeckend."

Frau Jeder, immer noch blaß von den Erlebnissen im Unterricht und die anderen Referendare lächeln nur müde. Man sieht auch bei ei-nigen einen flehenden Blick zur Decke. Durch diese Bemerkung fühlt sich nun der Mentor aufgerüttelt:

" Also, dazu muß ich mal etwas sagen. Es besteht keinerlei Ver-pflichtung für die Referendare, in der Besprechung irgend etwas an-zubieten und das hat auch keinerlei Bedeutung für den Verlauf der Besprechung. Ich finde es nicht gut, wenn sie den Eindruck mitnäh-men, dass sie hier zu unserer guten Stimmung etwas beitragen müs-sten."

" Wer schreibt das Protokoll?" Mit dieser Frage versucht der Fach-leiter die Versammlung auf ihren eigentlichen Anlaß zurückzubrin-gen.
Diese Phase der Besprechung hat ihren ganz besonderen Reiz. Herr Rasch bemerkt, er habe schon zwei Protokolle in Arbeit.

"Ich muß früher gehen," bemerkt Frau Reizend.

Frau Schnabbel erinnert die Runde:" Ich bin Legasthenikerin."

" Und ich habe einen Verband an der rechten Hand," ergänzt Frau Schmittt, demonstrativ ihren Arm hebend.

Dem Fachleiter kommen Erinnerungen hoch: "Sind sie nicht Linkshän-derin?"

Herr Weruta wird unruhig: "Könnten sie sich jetzt einigen, ich muß leider schon etwas früher gehen. Ich habe nur 30 Minuten für die Besprechung."
Hoffentlich kommt jetzt keine Bemerkung von Herrn Beswis, dass ich zum wiederholten Mal früher weg muß, geht es ihm durch den Kopf. Es ist auch zu dumm, dass diese Lehrproben immer kurz vor dem Mit-tagessen liegen, wenn mein Hunger am größten ist. Und ich werde nun mal von diesen Keksen nicht satt. Ich will ja nicht so gierig erscheinen.
"Es tut mir sehr leid," setzt er fort, "und ich muß mich vielmals entschuldigen, daß ich heute so wenig Zeit habe. Das soll auch so schnell nicht wieder vorkommen."
Habe ich sowas letztes Mal nicht auch schon gesagt? Egal, es muß jetzt weitergehen, denkt er.
Er blickt zu Frau Schnabbel, die rechts von ihm sitzt. " Oh, ich sehe, sie schreiben schon. Darf ich davon ausgehen, daß sie die Protokollantin sind? Das wäre gut, denn das übt ungemein und wir könnten jetzt anfangen. Oder brauchen sie noch eine kleine Ver-schnaufpause, Frau Jeder, bevor sie etwas zu ihrer Stunde sagen möchten?"

"Ich glaube, Frau Schmittt will das Protokoll schreiben," korri-giert Herr Beswis. "Das machen sie doch mit links," wendet er sich an Frau Schmittt. Die zieht nur ein verärgertes Gesicht und greift zur Feder: "Hat jemand von euch ein Blatt Papier?"

Herrn Weruta verläßt seine sonst so übermütige Gelassenheit. Er tippt unmißverständlich auf seine Armbanduhr. "Ist die Protokoll-frage nun endlich geklärt. Wir müssen anfangen!"

Frau Jeder hat ihren Kaffee getrunken und holt noch einmal tief Luft, bevor sie zögernd das Wort ergreift. Es passt nicht zu ihrer Art, so wenig beherzt in eine Besprechung zu gehen. Meist ist sie sich ihrer Sache sicher und gestaltet ihre ersten Bemerkungen zu-versichtlich und mit einer gut ausbalancierten Selbstkritik, die ja immer gut bei den Ausbildern ankommt. So viel hat sie inzwi-schen gelernt. Keine Überheblichkeiten, keine zu groß herausge-stellte Selbstsicherheit, eine angemessene Portion Kritik, mög-lichst konstruktiv, dann kann kaum etwas schief gehen. Die Herren Ausbilder brauchen noch einige Ansatzpunkte für ihre klugen Bemer-kungen, also nicht alles schon vorwegnehmen.

" Dann möchte ich jetzt anfangen. Ich möchte eigentlich noch nichts sagen - oder doch, nur soviel: Die Schüler haben mitge-macht, ich auch. Das Stundenziel ist fast erreicht worden. Es hat sich allerdings etwas verschoben. Solche unerwarteten Wendungen, wie sie in dieser Stunde eingetreten sind, kann ich einfach nicht ignorieren. Da bin ich als Lehrer echt gefordert. Ich meine als Lehrerin." Diese Korrektur gilt ihrem Fachleiter, der es sich zum Hobby gemacht hat, Referendarinnen sprachlich immer wieder an ihre Weiblichkeit zu erinnern. So kann sie seine Bemerkung, die be-stimmt gekommen wäre, abblocken, während er zufrieden regi-striert, wieder einen Lernfortschritt initiiert zu haben. "Ich bin trotzdem zufrieden mit der Stunde."

"Nun seien sie mal nicht so voreilig, liebe Frau Jeder. Wir wollen ja noch herausfinden, ob sie zufrieden sein können. Hören wir erst einmal die Referendarinnen aus dem Zuschauerraum," lässt sich Herr Beswis vernehmen.

Da schaltet sich der Mentor ein:" Ich denke, angesichts der Zeit-knappheit müssen wir etwas straffen. Ich möchte erst einmal meine Beobachtungen loswerden. Ich hoffe sie haben dafür Verständnis. Herr Beswis, sie haben dann noch Zeit, aus fachlicher Sicht die Stunde zu beleuchten. Wäre ihnen das recht?"

"Natürlich nehmen wir Rücksicht auf ihr Zeitproblem. Ich möchte nur nicht den Eindruck aufkommen lassen bei den Referendaren, daß wir keine Zeit für sie hätten und daß sie hier nur als Zuhörer in Erscheinung treten. Meine Damen und Herren, sie sollen sich schon etwas dabei denken und sollten das heute ausnahmsweise ganz kurz andeuten, bevor Herr Weruta das Wort ergreift.
Frau Reizend, sie möchten etwas sagen? Bitte."

"Ich möchte ganz besonders die Fragestellung loben. Du hast das einfach toll gemacht. Ich könnte das nicht, etwas an die Tafel schreiben und gleichzeitig den Schülern eine Aufgabe stellen. Und während alle geschrieben haben, hat doch Thomas, der blonde Junge links vorne, seine Ohren gespitzt und später auch etwas in den Tisch geritzt."

"Nun möchte ich doch gleich eingreifen, wenn sie nichts dagegen haben," schaltet sich der Mentor ein." Das wollte ich zwar erst später von ihnen wissen, da es aber gerade angesprochen wurde, möchte ich jetzt schon von ihnen hören, wie sie ihre Reaktion auf das Einritzen im Nachhinein einschwitzen, äh, einschätzen."

Frau Jeder blickt erst hilfesuchend nach rechts und links, dann, als stünde das, was sie sagen will, in ihren Aufzeichnungen, richtet sie ihre Augen auf den vor ihr liegenden Schreibblock: "Ja, Sie müssen wissen, daß Thomas ein ganz besonderer Fall ist. Ich erwähnte das schon im Entwurf. Es ist wahr, er kann besonders gut die Ohren spitzen und seine Antworten in den Tisch ritzen. Sein Therapeut hat dem Kollegium dringend empfohlen, ihn gewähren zu lassen, weil er Holzschnitzer als Berufsziel angegeben hat und sein Selbstbewußtsein schon stark gelitten hat in der Vergangen-heit wegen der häufigen Ermahnungen, das Schnitzen sein zu lassen. Aus Angst vor einem Tadel kommt er ins Schwitzen und wenn er Knob-lauch gegessen hat, kann man es im Unterricht nicht mehr aushal-ten. Also aus pädagogischen und ästhetischen Gründen lasse ich ihn gewähren." Frau Jeder gewinnt zusehends an Sicherheit." Außerdem werden seine instrumentellen Fähigkeiten dadurch verbessert."

Nun meldet sich Herr Rasch zu Wort: "Ich möchte trotz der knappen Zeit dazu eine Bemerkung machen. Es ist schon beachtlich, wie Frau Jeder diese Ruhe und Gelassenheit aufbringt im Umgang mit diesem Schüler. Sie holt ihn wirklich da ab, wo er steht. Das ist pädago-gisch echt wertvoll. Thomas wirkt so, als wäre er intrinsisch mo-tiviert. Man sollte auch anerkennen, daß dadurch der fächerüber-greifende Charakter des Unterrichts präsent wird. Werken und künstlerisches Wirken verschmelzen hier mit dem Fach zu einer den Geist bildenden Ganzheit."

"Das haben sie sehr schön gesagt, Herr Rasch," greift Herr Weruta wieder ein. "Wenn es ihnen recht ist, möchte ich diesen Thomas jetzt verlassen. Eine Bemerkung zu einem anderen Komplex: Es ist besser, wenn sie die Schüler beim Reden ansehen, denn bei dem Lärm, der in der Klasse war, können dann einige wenigstens von den Lippen ablesen. Es wäre gar nicht gut, wenn sie ihre Stimme über den Geräuschpegel der Klasse erheben. Sie müssen nämlich auch an ihre Kräfte denken. Bei einem 6-Stundentag würden sie das nicht überstehen. Wird ja auch nicht vorkommen dank der Politik unseres Landesherrn."

"Wenn ich dazu eine Ergänzung liefern dürfte, Herr Weruta?" Und zu den Referendaren gewandt, ohne die Einwilligung des Mentors abzu-warten, kommt vom Fachleiter der gut gemeinte Rat: "Um die eigene Stimme zu schonen, sollten sie stets eine Trillerpfeife bei sich haben. Das Signal sagt dann den Schülern, daß sie ihnen etwas sa-gen möchten. Wer es kann, benutzt einfach seine Finger zum Pfei-fen. So macht man das." Er steckt seine beiden Zeigefinger ange-winkelt zwischen die Lippen, spannt sie und stößt einen Pfiff aus, der die neben ihm sitzende Referendarin so zusammenfahren lässt, dass sie sich eine Zerrung im Nacken zuzieht.

Niemand bemerkte ihr Mißgeschick. Frau Reizend ergreift das Wort:
"Würde dann nicht zu oft gepfiffen und die Nachbarklasse gestört?"
Derartig naive und ihre Kollegin in Schwierigkeiten bringende Be-merkungen kann natürlich nur eine Neue machen. Sie ist noch nicht auf die richtige Linie eingestellt worden. Irgend jemand un-ter den Erfahrenen hat hier sträflich seine Pflichten vernach-lässigt. Normalerweise ist die Personalvertretung dafür zuständig, die neuen Referendare einzunorden. Sie handelt sich mißbilligende Blicke ein, versteht aber noch nicht, was das zu bedeuten hatte.

Frau Schnabbel schaltet sich jetzt ein. Das, was sie sagt, kommt einer Überschreitung ihrer Kompetenzen gleich. " Ich will mal et-was Struktur in die Besprechung bringen. Der Einstieg war gut, denn alle haben durch das Verteilen der Bonbons gemerkt, daß die Stunde beginnt. Machst du das immer so? Die Idee gefällt mir. Das Problem lag dann sehr schnell auf dem Tisch, nämlich das Einwic-kelpapier der Bonbons. - Wohin mit dem Abfall?"

Sie wird vom Mentor unterbrochen. " Ich muß da einmal unterbre-chen, wenn sie gestatten, denn ich muß in 10 Minuten weg. Mir fehlte nach dem Einstieg, übrigens vielen Dank für das Bonbon, die Zentrierung auf das Wesentliche, auf die Kernfrage, das zentrale Problem der Stunde. In ihrer didaktischen Analyse haben sie sich dazu auch nicht deutlich geäußert. Ich meine, daß dieses Bonbon-papier zu billig, zu wenig Abfall war. Ich stelle mir vor, da hätte ein Berg von Milchtüten, Teebeuteln, Apfelgripsche und der-gleichen gelegen oder sie hätten den ganzen Unrat unter die Schü-lerbänke gestopft, um auf die Unsitten der Schüler zu verweisen, alles, was sie nicht mehr brauchen, dorthin zu stecken. Das Effek-tivitätspotential dieses Vorgehens wäre ungleich größer gewesen. Das Problem hätte den Schülern dann sehr gestunken." Er lacht über den gelungenen Kalauer.
"Wunderbar," meldet sich begeistert der Fachleiter, "endlich hat eine Besprechung auch einmal positive Rückwirkungen. Vielen Dank für diese Anregung. Die Idee werde ich in meinem Unterricht umsetzen. Ich denke, die Schüler hatten auch mit dem Bobonpapier und den kleinen Hilfen seitens der Lehrerin einen Zugang zu dem Thema, "Die Slums der großen Städte", gefunden."

"Schön, dass sie hier auch noch etwas lernen, Herr Kollege," er-greift der Mentor wieder das Wort. Dann den anderen zugewandt, "Ich möchte den Fachleuten als Laie, der ich nun mal bin, nicht hineinreden. Aber nun sagen sie doch einmal, Frau Jeder, woran hat es denn gelegen, daß sie, gelinde gesagt, so nervös gewesen sind. Wir sind alle keine bösen Menschen, ihnen reißt ja niemand den Kopf ab. Ich muß aber auf einige Schwächen hinweisen. Da sind die vielen Doppelfragen, die wir ihnen schon austreiben werden. Beim nächsten Mal haben sie bitte einen Ersatzprojektor dabei, wenn der erste kaputt geht und auch die Trillerpfeife. Es war ja etwas un-glücklich, daß die Explosion bei der Demonstration des Modells der Müllverbrennungsanlage so viel Rauch entwickelt hat, aber da-mit hätten sie ja auch ihre Flexibilität nachweisen können, die ein Lehrer heute haben muß und sie hätten einfach mit dem Thema Luftverschmutzung weitermachen können. Der Bezug zur Biologie war doch offensichtlich, nur haben sie die Chance nicht genutzt. Fä-cherübergreifendes Unterrichten ist das Gebot der Zeit. Leider ist Medizin kein Schulfach, aber die erste Hilfe, die sie dem Schüler in der ersten Reihe angedeihen ließen, hat wiederum gezeigt, dass sie sich auf solche unerwarteten Situationen doch einstellen kön-nen. In dieser Situation, meine Damen und Herren, haben wir die immer geforderte Flexibilität des Lehrers erlebt. Das war eine ganz starke Phase der Stunde. Allerdings würde ich mir wünschen, wenn in der gebote-nen Kürze die didaktische Legitimation hierzu bereits im Entwurf deutlich gemacht würde."

Frau Jeder hat mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit zunehmender Verwunderung zugehört. " Ich kann mir meine Hektik auch nicht erklären. Sicher, ich war in dieser Phase nervös. Es kam ja alles etwas plötzlich. Die Schüler haben glück-licherweise alle gut mitgemacht beim Heraustragen der Verletzten und im letzten Teil der Stunde wurde ja noch sehr deutlich heraus-gearbeitet, daß in den Slums der Riesenstädte solche Unfälle si-cherlich schlechter ausgehen wegen der fehlenden Infrastruktur. Ich sehe ein, dass ich im nächsten Entwurf derartige Zwischen-fälle antizipieren muß."

Die Protokollantin hebt ihren Kopf: "Kannst du dieses Wort anti ... usw bitte buchstabieren, fürs Protokoll?"
Nachdem Frau Jeder dem Wunsch nachgekommen ist, geht Herr Rasch auf die letzten Redebeiträge ein: "Ich denke, mehr Flexibilität kann man von einem Lehrer nicht erwarten. Ich fand die Reaktionen und Anweisungen von Frau Jeder vollkommen in Ordnung. Sie hat sich aus meiner Sicht auch gut zurückgehalten bei der Problemlösung, die zugegebenermaßen angesichts des Unfalls etwas verschoben war. Aber das ist eben situativer und handlungsorientierter Unterricht. Heute haben die Schüler etwas fürs Leben gelernt. Echt."

In einer kollegialen Unterrichtsbesprechung hat der Fachleiter auch hin und wieder Gelegenheit, etwas zum Gespräch beizutragen. Da gerade sonst niemand aus der Runde Anstalten macht, einen neuen Gesichtspunkt anzusprechen, nimmt Herr Beswis die Gelegen-heit wahr: "Ich kann mich dieser Beurteilung nicht voll anschlie-ßen. Wir haben zwar brauchbare Ansätze bezüglich der Problemlösung beobachten können, aber hier waren die Schüler nicht in ausrei-chendem Maße einbezogen. Eine sachgerechte Herleitung des Problems wurde auch nicht geleistet, es war eher ein Zufallsproblem. Ich erkenne an, dass sie in dieser Situation einen richtigen Lösungs-weg gewählt haben. Auch war diese Phase sehr echt. Aber die Ergeb-nissicherung hat gefehlt. Hausaufgaben haben Sie auch nicht ge-stellt. Haben Sie dafür eine Begründung?"

Frau Jeder, die sich inzwischen nach all den Aufregungen in der Stunde, die eine Unterrichtsbesprechung geradezu als Lappalie er-scheinen lassen, wieder gefangen und beruhigt hat, ist froh, dass dieses Thema angesprochen wird: "Ich möchte darauf gerne eingehen, liegt mir doch gerade die Hausaufgabenstellung sehr am Herzen. Aber angesichts ... Oh, ich bemerke, wie sie immer unruhiger wer-den Herr Weruta."

" Vielen Dank Frau Jeder. Ich will sie nicht unterbrechen. Die Kekse sind übrigens vorzüglich. Ich muß jetzt, wo es spannend wird, leider gehen. Es tut mir wirklich leid, aber dringende Dienstgeschäfte lassen sich einfach nicht verschieben. Noch ein zusammenfassendes Wort zur Stunde: Für den Anfang vielverspre-chend, trotz aller Kritik. Ganz besonders möchte ich das Lehrer-verhalten hervorheben. Ich sage das nicht nur so, denn das Lehrer-verhalten ist genauso wichtig, wie eine gute Planung. Die war nicht schlecht, aber mir fehlten eben die Hinweise auf mögliche Schwierigkeiten in der Stunde. Davon hat es ja nun wirklich einige gegeben, mit denen sie jedoch erstaunlich gut umgehen konnten. Viel mehr will ich jetzt nicht sagen. Es tut mir herzlich leid, jetzt wirklich gehen zu müssen. Bitte haben sie Verständnis dafür. Wie sagten schon die Alten, gut sollst du dich verhalten. Punkt. Und auf Wiedersehen." Er steht auf und verläßt grüßend den Raum.

Herr Beswis, der nun den Vorsitz übernommen hat, will angesichts der fortgeschrittenen Zeit die Besprechung der Stunde zu Ende bringen: Herr Weruta hat ja schon angedeutet, was ihm im Entwurf gefehlt hat. Ich möchte noch einen anderen Punkt ansprechen. Die didaktische Analyse. Sie wissen, wie sehr ich auf diesen Teil des Entwurfs erpicht bin, denn hier zeigen Sie, was wirklich in ihnen steckt. An dieser Stelle wird erkennbar, ob sie den wesentlichen Gehalt des Stoffes im weiteren Sinne erfaßt und auf seine beson-dere Unterrichtsrelevanz hin moduliert haben. Fehlte da nicht noch etwas? Na, Sie gucken so fragend. Denken Sie ruhig darüber nach, ist ja nicht verboten, haha. Ich will es bei dieser Andeu-tung be-lassen und mit ihnen in der nächsten Fachsitzung darüber sprechen. Bitte denken sie alle darüber nach, damit die Fachsitzung nicht zu einem müden Aufguß der Sitzungen zur allgemeinen Pädagogik wird.
Noch ein Wort zur Länge des Entwurfs. Wir sind uns einig, daß nicht mehr als 5, höchstens 6 Seiten geschrieben werden. Sie haben nun das Kunststück fertiggebracht, nur 3 Seiten zu schreiben. Ich bin aber nicht auf ihren Trick hereingefallen. Ich habe die Anzahl der Wörter nachgezählt und festgestellt, daß bei normaler Schrift-größe 7 Seiten zustande gekommen wären."

Hier, gegen Ende der Besprechung schaltete sich der Fachlehrer, Herr Solidar ein: "Nun machen Sie die Stunde nicht schlechter als sie war und auch nicht den Entwurf. Zum Glück haben Sie ja grund-sätzlich nichts an dem Entwurf auszusetzen. Das bestätigt doch, daß meine alten Entwürfe immer noch Gültigkeit haben und mit den didaktischen Vorstellungen des Seminars übereinstimmen. Daß die Schüler so gut mitgemacht haben, liegt daran, daß ich der Kollegin empfohlen habe, die Schüler mit einer Belohnung zu locken. Was ha-ben Sie den Schülern denn nun versprochen, Frau Jeder?"

Frau Jeder zierte sich etwas, konnte aber dieser Frage nicht aus-weichen: "Darüber wollte ich eigentlich nicht sprechen. Muss ich das wirklich hier sagen? Ach, was soll`s. Ich habe ihnen gesagt, in den nächsten 4 Wochen wird kein Unterrichtsbesuch stattfinden."



von Arreni Walkap


Kommentare

susebay@yahoo.de schrieb:
Hallo Blauwal,
zunächst mal wirkt der Anfang der Geschichte durch die aufgeführten Personen "anstrengend". Besser hätte ich es gefunden, wenn Du einen Absatz gemacht hättest zwischen "Die Personen" und den Namen, denn man weiss beim ersten Lesen gar nicht, was da genau los ist. Eine Strukturierung hätte ich mir auch gewünscht a la:
Herr Weruta: der Mentor
Herr Beswis: leitet ein Fach usw.

Dann das Problem mit der Silbentrennung! Ist mir auch passiert, sollte man -glaube ich- grundsätzlich ausschalten, bevor man etwas hier reinstellt.
Nun zum Inhalt: Finde die Story insgesamt gut, bis auf den Anfang der Einleitung, denn zunächst weiss man gar nicht, wie ernst die Angelegenheit ist und möglicherweise springen hier schon Leser ab, bevor der Pfiff in den Text kommt. Du kannst zwar gut den Stil einer solchen Versammlung widergeben, aber dadurch erhält er natürlich eben auch genau die (gefürchtete) trockene Ausdrucksform und manchmal hangelt man sich etwas mühsam zur nächsten Pointe.
Insgesamt gefällt mir die Art Deiner Beschreibung, aber ab und zu läuft man Gefahr den Faden zu verlieren, und dann ist es schwer wieder anzuschliessen. Vielleicht liegts aber auch nur "am Leser". Im drittletzten Absatz hast du bei Herrn Beswis die Anführungsstriche vergessen, da weiss man nicht, ob er (oder wer?) denkt, spricht oder allgemein beschrieben wird.
Fazit: Finde die Story gut, ist allerdings zeitweilig anstrengend zu lesen, etwas kürzen würde sicher helfen (z.B. Thomas-Block). Die Namen (Frau Jeder etc.) gute Idee, gibt gleich vorstellbares Bild.
Schluss der Geschichte finde ich gelungen. Ganz generell würde ich noch einmal Wiederholungen prüfen: "...wird vom Mentor unterbrochen. "Ich muss da mal unterbrechen..." "...wirklich nicht nötig"..., "schmecken wirklich gut".
So, das wars von mir, hoffe es hilft, viele Grüsse, Poersel

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