Die Mauer fällt
von
Era Gone
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Die Mauer fällt
Sie umgeben uns Tag für Tag. Entweder sehen wir sie an anderen Menschen, oder im selteneren Fall an uns selbst. Es sind die Abwehrmechanismen, die wir anwenden, um besser auszusehen. Mit ihnen verstecken wir unsere Schwächen. Mit ihnen dekorieren wir unsere äußere Fassade, die wir Besuchern zeigen, um das Innenleben in den Hintergrund treten zu lassen. Mit ihrer Hilfe übertragen wir negative Eigenschaften auf Andere, um sie nicht mehr an uns selbst sehen zu müssen. Wer unter einem Abwehrmechanismus lebt, ist ungewollt ein guter Schauspieler, der allerdings vergessen will, wer er in Wirklichkeit ist. Dies kann man allgemein dazu sagen. Da ich kein Experte auf diesem Fachgebiet bin, fordere ich dich dazu auf, die nachfolgende Geschichte mit besonders scharfen Verstand zu lesen, um eventuelle unverständliche Sachinhalte aufzuspüren.
Endlich Wochenende! Dachte sich Ergian, als die Glocke am Ende der letzten Unterrichtsstunde läutete und alle Schüler mit einem erleichterten Seufzen aufsprangen. In dieser Woche hatte es rein nichts gegeben, dass ihm ein solches Glücksgefühl hatte emfindenlassen. Es war einfach zu viel passiert. Erst hatte Ergians bester Freund ihm die Freundschaft gekündigt, weil er ein großes Geheimnis weiter verraten hatte. Dann hatte er noch Ärger bekommen, weil er einen Mitschülerverprügelnmusste, da dieser ihn herablassend angesehen hatte. Und zu guter letzt hatte er in dieser Woche von einigen Bonzenkindern hören müssen, dass sie Ergians uneigener Sprachstil „ankotze“. Was hatten die Anderen nur für ein Problem? Konnten sie denn nichts mehr verkraften? ER war froh, dass er sich nun mit seinen Freunden, die er noch hatte, von diesem Stress erholen konnte. Kaum hatte er dies gedacht, sprach ihn schon Musat, einer seiner besten Freunde an, den er nur zu jenen zählte, weil er einen riesigen Plasmafernseher, so wie einen guten Draht zu Mädels hatte: „Hey! Kommst du auch heute abend zu mir nach Hause? Da geht ne irre Fete ab.“ „Na logo, alder“, antwortete Ergian, „Wenn’s was zum Saufen und geile Weiber zugleich gibt, kannst du immer und jeder Zeit mit mir rechnen.“ Musat lachte, nickte Ergian zu und wandte sich einer Gruppe Mädchen zu. Ergian War zufrieden. Sein erster freier Tag war schon einmal verplant. Er wusste nicht, was er ohne diese Einladungen tun würde. Deswegen hatte er seine Persönlichkeit und sein Auftreten so angepasst, dass er wenigstens wahrgenommen- und zu irgendwelchen Partys eingeladen wurde. Es war doch besser, als die ganze Zeit allein in Zimmer rumzu sitzen, oder einsam durch die Stadt zu laufen.
Am Abend fand sich Ergian bei der Party seines Freundes ein. Alle, die er kannte, waren gekommen. Er konnte sogar einige ausmachen, die ihm noch gar nicht zu Gesicht gekommen waren. Besonders ein Mädchen bannte seinen Blick. Sie fiel nicht nur durch ihre Größe auf. Es passte einfach alles an ihr: ihre kaffeebraune Haut, ihre schwarzen Haare, die sich um ihren schlanken, wohl proportionierten Körper bewegten und ihre feurigen Augen, die ihmzu versprechen schienen, , alle Wunden heilen zu können. Sie ließ Gefühle in Ergian entstehen, die er seit Langem nicht mehr in der selben Intensität gefühlt hatte. Wenn’s später wird, mach ich mich mal an sie ran, dachte sich Ergian. Die Party kam gut in Schwung und Ergian fühlte sich mehr und mehr in seinem Element. Leute sprachen ihn an, tauschten mit im Neuigkeiten aus und vermittelten ihm das Gefühl, dazu zu gehören. Je später es wurde, desto größer wurde die Kraft, die Ergian zu dem Mädchen hinzog. Nach seinem fünften Jägermeister beschloss er, einen Versuch zu wagen. Er fühlte sich, als könnte ernichts falsch machen. Er näherte sich ihr. „Na, du geile Schnitte? Coole Party, oder?“ Ihre Miene verdüsterte sich mit jedem Wort, das Ergians Lippen entwich. “Ja, ganz gut”, antwortete sie in der Hoffnung, dass es beiläufig klang. Zur gleichen Zeit dachte sie sich: Was will dieser Arsch von mir. Der sieht aus, als ob er keine eigene Meinung hätte. „Ey, Püppchen! Wollen wirnicht mal die Tanzfläche aufmischen?“ „Bitte? Nein, ich kann nicht tanzen.“ „Ey komm! Zier dich nicht so. Ich weiß, dass du dich nach jemandem wie mich sehnst.“ Die Worte rutschten aus ihm hinaus, bevor er es verhindern konnte. „Ich kann’s dir besorgen, wie es noch nie jemand getan hat. du geileMaus! ich weiß, dass du danach verlangst.“
Das war zu viel für sie. Bevor er in seinen Schilderungen vfortfahren konnte, schrie sie ihn an: „Du weißt überhaupt nichts. Du weißt aber auch gar nicht im Entferntesten, was ich will. Aber ich weiß, dass du ein versautes Arschloch bist, dass keine eigene Persönlichkeit mehr hat und nur das wiedergibt, was er in irgendwelchen Scheiß Hip Hop Liedern gehört hat. Du hast es wohl noch keinem Mädchen besorgt, oder? Weißt du was? Du bist nichts! ein Nichts, dass sich in eine andere Person flüchtet, um seine Schwächen zu verbergen. Ja, du hast richtig gehört! Du bist schwach! einfach nur schwach!“
Damit wandte sie sich um und lies ihn stehen. Ergians Gehirn wurde auf einmal von einer Flut von Gefühlen überschwemmt. Zum Einen das Verlangen, ihr eine schlagfertige Bemerkung nachzurufen, oder ihr eine reinzuhauen, wie er es schon in einigen Situationen getan hatte. Zum Anderen eine gähnende Leere, die sich in seinem Kopf ausbreitete und alles Andere Verdrängte. Er hörte nichts mehr, außer den Worten des Mädchens, die noch weiterhin auf ihn eindrangen. . Doch statt wie ein Echo abzuklingen, wurden sie immer lauter. Es war, als würde dadurch eine Mauer zum Zerbersten gebracht. Ergian sah nun alles aus der Sicht eines Anderen. Auf einmal breitete sich ein brennender Hass in ihm aus. Ja! Er Hasste sich. Er hasste die Person, die er vorgab, zu sein. Er schämte sich zu tiefst für das, was aus ihm geworden war. Hass und Scharm entfachten einen Schmerz, der Ergians ganzen Körper durchschoss und ihn zusammenpresste, als würde ein mörderischer Druck entstehen. Ergian sehnte sich danach, aus seiner Hülle zu entfliehen, von allem frei zu sein, frei und leicht wie die Luft. Dann fiel ihm auf, dass er keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. Der Wind peitschte durch sein schamgequältes Gesicht. Für einige Sekunden glaubte er, zu schweben. Doch dann spürte er nichts mehr.
© Era Gone
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Kommentare
Gimliy schrieb am 2009-03-16 08:45:38:
Geniale Story! Wirklich ist sehr gut geworden. Diese Mauern umgeben uns eigentlich alle, wenn wir mal ehrlich sind. Deine Geschichte zeigt, dass sie aber nicht unerschütterlich sind. Gut gemacht!
lg: Gimliy
Ps: Er ist gesprungen, oder?
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