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Kategorien > Horror > Begegnungen

Die Mine

von Christiane

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Chicago im Winter 1954
„Walt? Walter, mach die Tür auf, sofort!“ rief die ältere, etwas dickliche Frau und klopfte weiter energisch an die Schlafzimmertür ihres einzigen Sohnes.
„Walt! Ich sags dir nicht noch einmal! Mach jetzt endlich die Tür auf!“
Doch ihr Sohn hörte sie nicht.
Der 16 jährige Walter, genannt Walt, hörte nichts – außer dem leisen Flüstern seiner Freundin. Verzückt nahm er sie in die Arme und sie schmiegte sich an ihn.
„Deine Mutter hat Angst um dich. Wie entzückend!“ h auchte sie spöttisch in sein Ohr.
„Soll sie doch,“ raunte er zurück, „es kümmert mich nicht.“ Durchs offene Fenster wehte der eisige Dezemberwind dicke Schneeflocken herein, es war bitterkalt. Lärm von der nahe gelegenen Jefferson Street in Chicago dröhnte bis zu ihm hoch. Der Wind spielte mit ihrem langen, goldenen Haar, Schneeflocken verfingen sich in ihm, landeten auf ihrem Körper und blieben liegen. Sie schmolzen nicht.
„Walt!“ Jetzt schlug seine Mutter mit der Faust gegen das Holz.
„Lass mich in Ruhe! Geh weg!“ schrie er unvermittelt.
„Ist dieses Mädchen wieder bei dir? Sie ist nicht gut für dich!“ rief die Mutter verzweifelt von draußen. „Sie soll verschwinden! Ich will sie nicht in meinem Haus haben!“
Das Mädchen lachte und entwand sich geschmeidig Walts Umarmung. Anmutig wandte sie sich dem Fenster zu, sah nachdenklich hinaus, drehte sich dann noch einmal zu Walt um. Ihre strahlenden Augen drangen tief in seine Seele; er stürzte zu ihr und vergrub sich in ihrer wehenden Mähne. Sie küsste seinen Hals, ihr Mund verharrte eine Ewigkeit auf seiner warmen Haut, er erschauerte vor Glück, als er den leisen, ziehenden Schmerz ihres Kusses spürte. Dann löste sie sich von ihm und stieg auf das Fenstersims. Unter ihr, vier Stockwerke weiter, lag der Garten mit dem Rosenbeet seiner Mutter in tiefem Schatten.
„Wann kommst du wieder?“ fragte er zitternd.
„Nie mehr!“ rief sie, lachte auf und sprang. Mit einem Schrei stürzte er vor, starrte nach unten doch sah er nichts. Sie war verschwunden. „Wo bist du? Komm zurück! Ich brauche dich!“ schrie er wild in die Nacht hinaus. Stille. Doch dann hörte er ihre Stimme, vom Wind getragen drang sie an sein Ohr.
„Wenn du mich wiedersehen willst, dann musst du mich finden. Dann habe ich etwas für dich.“ lockte sie.
„Aber wie? Was ist es? Warum tust du das?“
„Lausche deinen Träumen und folge deinem Begehren, es wird dich zu mir führen. Wenn du mich findest, werde ich dir das Kostbarste aller Geschenke machen.“ Der Wind trug ihr spöttisches Lachen zu ihm.
„NEEEEEIIIIIIINNNNNNNNNNNNNNNN!!!!!!! Gib es mir jetzt! Lass mich nicht allein!“ schluchzte er und brach am Fenster zusammen. Kurz darauf flog die Zimmertür mit lautem Bersten auf. Seine Mutter und ein Nachbar stürzten herein. Blind vor Tränen und noch immer benommen von ihrem Kuss bemerkte er kaum, wie seine Mutter auf ihn einschimpfte und ihn aus dem frostigen Zimmer zerrte. Der Nachbar schlug das Fenster zu, das im aufgepeitschten Sturm wild hin und her flog. Aus der Küche drang der Geruch leicht angebranntem Bacons hoch; Walt schüttelte sich vor Ekel. Er konnte den würzigen Duft, den er vorhin noch geliebt hatte, auf einmal nicht mehr ertragen.

*

Es regnete in Strömen. Wie ein dichter grauer Schleier hingen die dicken Regenwolken in den Gipfeln der Tepuis fest und luden eine nicht enden wollende Flut eiskalten Regens auf den wackligen Dächern des kleinen, namenlosen Ortes, einer kleinen Siedlung am Rande des Canaima-Nationalparks in Venezuela ab. Niemand schickte bei diesem Wetter auch nur einen Hund auf die Straße, und so war der 23 jährige Carlos Rodriguez ziemlich überrascht, als es plötzlich an seiner Tür pochte. Selten kam ihn jemand besuchen. Seine Familie wohnte weit entfernt, der Vater tot, der ältere Bruder in Rio. Freunde hatte er hier keine; als er hier ankam, nahmen sie ihn mit offenen Armen auf, hübsch und kräftig wie er war. Doch als sie merkten, dass er ein Säufer war, sich jeden Abend bewusstlos trank und viel zu oft im Rinnstein lag, hatten sie sich nach und nach von ihm abgewandt. Jetzt sprach niemand mehr mit ihm. „Madre mia, wer ist das denn?“ murmelte er mürrisch vor sich hin, wälzte sich mühsam aus dem Bett und ging gähnend zur Tür. „Ich bring Ihnen die Miete später, muss erst...“ murmelte er, als er die Tür öffnete. Übermüdet nach der durchzechten, schlaflosen Nacht öffnete er und betrachtete verblüfft den schmächtigen, kleinen Mann, der dort stand. 1,60 m war er, höchstens, kalkulierte Carlos. Ziemlich mickrig und schon recht alt, den Falten und den weißen Haaren nach zu urteilen. Der Fremde ließ die Musterung geduldig über sich ergehen, auch wenn es in seinen eisblauen Augen spöttisch blitzte.
„Sind Sie fertig? Kann ich reinkommen?“ kam es plötzlich. „Sie sind doch Carlos Rodriguez, der Spanier, oder irre ich mich?“ Der Fremde legte den Kopf schief und sah seinem Gegenüber herablassend in die überschatteten, dunkelbraunen Augen, unter denen sich tiefe schwarze Ringe eingenistet hatten. Sein Blick verweilte kurz auf einem einfachen Silberkreuz, das der Spanier mit einem Lederriemen am Halse trug.
„Ja, sicher. Perdóneme.“ stammelte Carlos verlegen, schüttelte sich, schluckte und versuchte, den schalen Geschmack des billigen Bieres aus seinem Mund zu vertreiben. Er wusste, dass er stank. „Kommen Sie herein.“ Der Fremde trat ein, sah sich ruhig um und schien die ärmliche Einrichtung und die herumliegenden Bierflaschen mit einem zufriedenen Lächeln zur Kenntnis zu nehmen. Bevor Carlos die Tür schloss, warf er noch einen kurzen Blick auf seine geliebten Tafelberge. Kein einziger der hoch über den Regenwald ragenden Tepuis war zu sehen. Es war kalt, ihn fröstelte und er ließ die Tür ins Schloss fallen. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich seinem Besucher zu.
„Nun, Señor, Sie haben mich also gefunden. Was kann ich für Sie tun?“
Der Fremde lächelte.

*

„Carlos, ich darf Sie doch Carlos nennen? Mein Name ist David Baldwin, ich arbeite als Journalist und interessiere mich für das Unglück, das sich in einer der hiesigen Goldminen abgespielt hat. Sie haben doch sicher davon gehört?“ sprach der Fremde jovial und betrachtete interessiert die heruntergekommene Einrichtung von Carlos Haus.
„Sí....ja...natürlich..“ stotterte Carlos verblüfft und schloss die Tür. „Aber ich verstehe nicht, was daran so besonderes sein soll. Das Unglück ist viele Jahre her.“
„Wie auch immer. Ich möchte, dass Sie mich dorthin bringen. Recherchen, ein paar Bilder für die Zeitung, Sie verstehn?“ Davids Lächeln hatte jetzt etwas Maskenhaftes. Mit präzisen Bewegungen kramte er eine Karte hervor und breitete sie auf dem wackligen Esstisch aus.
„Wenn Sie dann so freundlich wären? Carlos?“
Zwei Stunden später brüteten die beiden Männer über der Karte, die eine der verlassenen Goldminen auf halber Höhe zum Gipfel des Kukenam-Tepuis zeigte. Der heilige Berg der Indios; seit 1997 durfte ihn keiner mehr betreten. Carlos kannte sie gut, war doch das Schicksal seiner Familie

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