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Kategorien > Fantasy > Romantisches

Die Nacht der Wölfe

von Ascarion

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Eines von vielen Fragmenten des "Narrenschiffs"

"Warum schläfst du nicht?“
Der Engel richtete sich auf und sah mich verwundert an. Seine Augen hatten jetzt die Farbe dunklen Bernsteins und das flackernde Licht des Feuers spiegelte sich in seinen Pupillen. Winzige gelbe Punkte: verirrte Glühwürmchen, die einen schwarzen Schacht umtanzten.
Ich schnippte meine Zigarette in die Flammen und lächelte. “Ich bin nicht müde“, entgegnete ich leise. Meine Rechte strich durch sein wirres verschwitztes Haar, berührte zärtlich den gelockten Flaum seines Nackens und verharrte auf der sanft geschwungenen Linie seines Rückgrads. Seine Haut war kühl und samtig, sein Schaudern drang in meine Fingerspitzen und für Sekunden schloss ich die Augen um nicht laut aufzustöhnen.
Ich war müde, unendlich müde sogar, doch so lange mein Gefährte von Nachtmahren gequält wurde, seltsame Visionen in seine Träume drangen und ihn schreien und wimmern ließen, konnte und wollte ich nicht mehr schlafen. Es würden andere Stunden kommen, andere Tage, andere Nächte, wo ich die versäumte Ruhe ohne Bedenken nachholen konnte.
“Schlaf weiter“, flüsterte ich über das Knistern der Scheite hinweg und ich versuchte, meiner Stimme einen sicheren Klang zu verleihen.
Es waren Wölfe da draußen, das wusste ich, riesige hungrige Bestien, grau wie der Nebel, mit glühenden Augen und tödlich scharfen Fängen, doch ich wollte meine Angst nicht übermächtig werden lassen. Wenn sie zu groß war, würde sie zu stinken beginnen: nach Schweiß und Fäulnis, süßlich wie verdorbenes Fleisch oder welkende Rosen, und das würde diese Untiere schneller herbeilocken als uns jemals lieb wäre. Ich hatte keine Waffen bei mir, nur meine Stimme und meine Worte, rauchig und dunkel und voll von überschwänglicher Poesie, die nicht geschaffen worden war, einen wirklichen Sieg über die Realität zu erringen.
“Sag mir, warum du mich liebst.“ Der Engel, dessen Name in der Sprache der Alten “Der Göttliche“ bedeutet, richtete sich ein wenig auf. Die Decke verrutschte und mit einem leisen Seufzer sog ich die Luft durch die Zähne. Mit all den Jahren, mit jeder endlosen flüchtigen Stunde, die wir gemeinsam – sehnsuchtsvoll panisch ineinander verkrochen - verbracht hatten, schien sich der Reiz, den sein nackter Körper auf mich ausübte, noch ins Unerträgliche zu steigern.
Ich hatte Gedichte geschrieben, gottvoll sinnlose Reime über Geilheit, Gier und Wahnsinn für ihn ersonnen, jedes Härchen seines Leibes mit den blumigsten Worten bedacht, die ich finden konnte, doch all diese Verse waren meinen tatsächlichen Gefühlen, meiner schamlosen Geilheit, meiner rücksichtslosen Gier, meinem ruhelosen Wahnsinn, meiner berauschten Liebe nie wirklich nahe gekommen. Es gab Empfindungen, für die jedes Wort unzulänglich war, doch der Engel genoss es mich zu reizen, den Dichter in mir über die Grenzen der Sprachlosigkeit hinaus in non verbale Gefilde zu jagen, die einem waghalsigen Drogenrausch gleichkamen.
“Sag mir, warum du mich liebst“, der Duft von Alkohol wehte zu mir herüber, schwer und verführerisch, und seine Stimme war jetzt so weich und sinnlich, dass mir für kurze Zeit der Atem stockte. Behutsam ergriff er meine Rechte, zog sie an seine Lippen, küsste meine Fingerspitzen und umkreiste sie mit heißer rauer Zunge. Sein Blick blieb dabei so rein und unschuldig, dass ich ihn schlagen hätte können. Ein wohlig warmer Schauer durchpulste meine Lenden. (Das waren die gesegneten Momente, in denen ich wusste, weshalb er gefallen war ...)
“Warum ich dich liebe?“ wiederholte ich bedächtig, betonte dabei jedes Wort und versuchte gleichzeitig ruhig zu bleiben. Mein Gegenüber streckte sich genussvoll, bot mir einen Anblick, der mich nicht sprechen sondern handeln lassen wollte. Ich starrte auf die schimmernde Linie seines Beckens, betrachtete mit schmerzlicher Sehnsucht die dunklen drahtigen Locken, die die weiße Schlange seiner Männlichkeit umrahmten. Die Pause, die jetzt entstand, war greifbar, knisterte wie das Feuer, das langsam zu Asche niederbrannte.
“Weil du wunderschön bist“, entgegnete ich schließlich, und mir war, als wären Stunden vergangen. “Weil ich dich gerne ansehe und noch viel lieber berühre. Weil du es genießt, wenn ich dich streichle. Weil ich es genieße, dich zu streicheln. Weil ich den Duft deiner Haut mag und den Geschmack deines Atems. Den Klang deiner Stimme und das Farbenspiel deiner Augen. Weil du Wachs sein kannst in meinen Händen. Weil ich dein Leben unter meinen Fingerkuppen spüre, weil ich dein Fleisch verformen kann zu Lust und Schaudern. Weil du unter meiner Zunge zu Milch und Honig wirst. Weil du nach Salz schmeckst wie meine Tränen. Weil ich mich krank und leer fühle wenn du nicht bei mir bist. Weil du ein Teil von mir bist. Weil ich jeden Zentimeter deines Körpers auswendig kenne und dennoch niemals müde werde ihn tagtäglich neu zu entdecken.
Weil du ich bist, und ich du, manchmal. Weil du mein Freund bist. Weil du schwach und stark bist, und weil du mich schwach und stark machst. Weil ich dich erschaffen habe. Irgendwann, in meinen geilsten Träumen aus meiner bittersten Sehnsucht und meinen dunkelsten Wünschen. Weil du ein Tier bist, ein Mensch, ein Kind und ein Engel. Weil du die Droge bist, der ich hoffnungslos verfallen bin. Weil du mich brauchst und weil ich dich brauche. Weil ich ohne dich nicht hier wäre. Weil ich ohne dich den Sinn des Wortes Sünde vielleicht nie begriffen hätte. Weil du gut bist und böse, liebevoll und ungerecht. Weil du mir weh tust, aber auf die verführerischste Art meine Wunden zu lecken verstehst, die ich erdenken könnte. Weil ich in dir war und du in mir. Weil es Millionen Gründe gibt und kein einziges Wort, das wirklich passend wäre.
Weil es ...“, ich wischte mir heimlich ein paar Tränen fort, “ ...weil es Zeit ist für dich zu schlafen. Und weil ich über dich wachen möchte. Jetzt. Hier und heute. Und morgen. Und in hundert Jahren. Und vielleicht noch ein wenig länger ...“
Der Engel, dessen Name in der alten Sprache “Der Göttliche“ bedeutet, schloss die Augen. Das Feuer verlosch, goss einen letzten glutroten Lichtschimmer über sein Haar und seine seidig langen Wimpern. Ich seufzte, entzündete eine neue Zigarette und blickte gedankenverloren in die Asche. Die Wölfe kamen näher, aber ich war zu müde, zu verwirrt und zu verliebt um noch wirkliche Angst zu empfinden.
Eines der Tiere, seine Augen waren groß und rund wie der Mond, der nun wie eine blank geputzte Goldmünze im Zenit stand, übertrat den Schutzkreis, den ich rasch aus einer Mischung aus Blut und Kreide gefertigt hatte, schlich leise knurrend an mich heran, hockte sich vor mich hin und legte mir die mächtigen Vorderpfoten auf die Schultern. Sein Atem roch nach frischem Fleisch und feuchtem Laub und seine Zunge kitzelte meine Wangen. Ich tätschelte sein zottiges Fell und nickte. Beinahe hätte ich laut aufgelacht.
Ich hatte mich getäuscht. Nicht die Wölfe waren das Böse. Nicht sie hatten gelauert. Nicht sie wollten meinen Engel .

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Kommentare

Jadefeder schrieb am 2009-11-24 15:10:19:
Wirklich gut. Schade das es nur ein Fragment ist.
Chibinicki@hotmail.com schrieb am 2007-04-22 19:29:47:
Wow! Ich habe von einem Hobbyschreiber schon lange nicht mehr eine so gut geschriebene Geschichte gelesen. Ein richtig cooler Erzählstil!
Würde mich freuen wenn du mir mehr Geschichten von dir schicken könntest!
Nicki (23J)

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