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Kategorien > Historisches > Alltag

Die Neunerwalze

von DeSiRe

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Fünf Tage nach den Sommerferien bekamen wir ein neues Mädchen in unsere Klasse. Unsere Klassenlehrerin hatte uns eingebläut nett zu ihr zu sein, da sie einen Unfall gehabt hatte und seitdem nicht mehr sprach. Als sie also endlich kam, wurde sie von unserer Lehrerin vorgestellt und dann angewiesen sich neben mich zu setzen. Sonst nichts - kein Kopfnicken, keine Andeutung, dass sie uns wahrnahm, nur ihre Augen, die sahen wie Sterne auf mich herab und gaben mir ein Gefühl von Unterlegenheit. Sie meldete sich nie, aber das brauchte sie nicht, bei ihr zählten nur die schriftlichen Noten bis sie wieder sprechen würde. Sie war ein Genie, sie hatte die beste Schrift in der Klasse und ihr Wissen ging ihren Notizen nach über das unsere weit hinaus. Wir waren die ersten drei Wochen nett zu ihr, wieso auch nicht sie war in unserem Alter und wir übten uns in fast mütterlicher Fürsorge. Doch dann stieg in einigen Neid auf ihr Genie auf. Andere mochten sie nicht, weil sie uns nicht beachtete. Also grenzten wir sie immer mehr aus, zuerst nur in den Pausen, dann auch im Unterricht. Sie war anders und wurde einsam.



Nun, damit ihr das, was als nächstes passierte, versteht muss ich noch kurz erklären, dass ich in einem Schulzentrum aufs Gymnasium gehe. An dem Schulzentrum gibt es leider nur Gymnasiallehrer und die brauchen kaum Pädagogik zu studieren, im Klartext heißt das Leistung, Leistung und nochmals Leistung. Die Lehrer fühlten sich nicht für den sozialen Teil verantwortlich. Das war den Eltern überlassen, was aber deutlich in die Hose ging. Auf unserer Schule wurde geraucht, gespritzt und die schwächeren wurden abgezogen.



Janina, so hieß die Stumme, und ich hatten ungefähr den gleichen Schulweg und so kam es, dass sie mich einmal überholte was ja nicht ungewöhnlich war, aber sie lief mit schnelleren Schritten als sonst an mir vorbei und hastete auf den Schulhof zu. Ich schaute über die Schulter und sah die Neunerwalze nur gut hundert Meter hinter mir.



Dazu muss gesagt werden, dass die Neunerwalze aus lauter breitschultriger Rubyspielern aus der neunten Klasse des Hauptschulteils meines Schulzentrums bestand. Wenn diese Jungs auftauchten war es das einfachste, und das hieß ganz schlicht und ergreifend .....

"RENNT" schrie ich über den Schulhof, sofort sprangen alle auf und stoben auseinander, als das Wort Neunerwalze fiel. Ich sprang wie die meisten und Janina geistesgegenwärtig in den Garten des Hausmeisters. Dieser ist von einem hohen Zaun umgeben und meistens ist auch der Hausmeister da, ein ehemaliger Boxer, nicht so heute, er hatte gekündigt. Na toll, zu zwanzig standen wir hinter dem Drahtzaun und sahen die Neunerwalze auf uns zukommen. Und noch etwas schlimmes fiel uns zu spät auf: in den Garten zu kommen war eine Sache ohne den Hausmeister wieder rauszukommen war eine andere.



Plötzlich wimmerte ein Junge neben mir: Bitte helft mir, sie haben es auf mich abgesehen, ich konnte ihnen seit den Sommerferien keine Abgaben mehr zahlen! Wir schwiegen. Die Sommerferien waren sieben Wochen her und wir alle wussten was mit jemanden passierte, der seit 7 Wochen nicht mehr dafür gezahlt hatte, dass er nicht verprügelt wurde. Der letzte liegt immer noch im Koma... keiner antwortete. Damals hatte niemand etwas gesagt, die anderen waren stärker als wir und gefährlicher als Skinheads.



Plötzlich legt Janina ihre Hand auf seine Schulter und starrte ihn kurz in die Augen. Dann war es soweit, die Neunerwalze kam über den Zaun gerollt und trampelte ihn nieder. Sie stellten sich im Halbkreis um uns auf und fingen an Ketten, Messer und Schlagringe aus ihren Taschen zu holen. Die Lage Spitzte sich zu und dann holte Big Bang der Anführer der Meute auch noch einen alten aber echten Revolver unter seiner Jacke hervor. Ich schluckte und schaute mich um, einen von uns würden sie wahrscheinlich brutal zusammenschlagen.

Töten- das würden selbst diese Raudys nicht können. Dann zeigte Big Bang auf den Jungen der seine Raten nicht bezahlt hatte.

Dieser heulte auf und ging in die Knie und flehte, um seinen Arsch zu retten, doch die Neunerwalze lachte nur. Einer der Jungs kam auf ihn zu und holte mit der Kette aus. Doch Janina stand plötzlich vor dem Jungen. Jetzt ging alles rasend schnell- viel zu schnell. Janina versetze dem Typen einen Karatetritt der sich gewaschen hatte. Der Typ taumelte zurück und traf mit der Kette den Revolver von Big Bang. Ein Schuss löste sich aus der Waffe. Janina sackte in sich zusammen. Ich rannte zu ihr und legte ihren Kopf in meinem Schoß. Holt einen Krankenwagen! SCHNELL! schrie ich. Alle schwiegen betreten. Ein Lehrer kam vorbei, sah die Szene und rannte ins Schulgebäude. Keiner wagte sich zu rühren, während ich mich über Janina beugte. "Worte verletzen" sagte sie leise. "Was?" flüsterte ich zurück, ich begriff ihre Worte nicht. "Worte verletzen, mein Vater starb, weil ich ihn verletzte! Ich habe mir- geschworen zu schweigen!" ihr schmerzverzerrtes Gesicht war weiß und ihre Hände krampften sich um die Schusswunde in ihrem Bauch. Aber plötzlich wurde sie ruhig, und sie lächelte, dann sagte sie: "Ich danke dir, dass du mich magst... . Vater ich- komme!" Stille. Ihre Augen schlossen sich. Bevor ich die ganze Tragweite ihrer Worte begriff, hörte man die Sirenen in der Ferne. Es fing an zu Regnen. Zu spät kam der Rettungswagen.



Einen Monat später erfuhr ich, dass Janina und ihr Vater einen Streit im Auto gehabt haben, das Auto war daraufhin in einen Baum gekracht. Ich war die erste und letzte die Janina gehört hatte.



Die Neunerwalze befand das Gericht im Bezug auf Körperverletzung und Verletzung des Waffengesetzes für schuldig. Die Bande wurde aufgelöst und auf verschiedene Jugendstrafanstalten verteilt.



Töten- nein- das wollte sie nicht.

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