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Kategorien > Humor > Glosse

Die Rettung

von Traumbaum

Ein herzerfrischender Sommertag - ein vierspuriger, äußerst holpriger Autobahnabschnitt zwischen Lübeck und Hamburg - ein Reisebus - 44 Personen (1 Busfahrer, 1 weibl. Lehrkraft, 1 männl. Lehrkraft, 40 Schülerinnen, 1 Schüler) -noch gute Laune - Schulausflug - Rückfahrt.

Gerade die Tür der Pubertät zugeschlagen - 40 Mitschülerinnen - selbst Schüler - letzte Bank - was sonst.

"Mist - ich muß mal!" warf ich ehr für mich, ehr unbedacht, in die Runde.

Ja - das brennenende Steichholz auf´s Schwarzpulver werfen - so wird es sein!

"Heinz muß mal" brülllte es, einer Laola-Welle gleich, durch den Bus.

Selbst Mitschülerinnen, denen unter Bezahlung die Tür zum Kirchenchor verschlossen geblieben wäre, stimmten mehr als lauthals ein.

Dieses Gefühl - noch heute abrufbar: Der erste und gleichzeitig auch letzte Tropfen hatte unaufgefordert noch rechtzeitig den Weg in die Freiheit gefunden. Was nun jedoch körpermechanisch folgte, müßte holländische Sperrwerke zum technischen Umdenken veranlassen. Total-Blockade!

Der Busfahrer, meiner heutigen Einschätzung nach, ehr in dem Bemühen, wieder Ordnung in diese Horde Irrer zu bringen, als sich sorgend meinem Wohlergehen zuzuwenden, brachte den Bus zum Stehen. Unter normalen Bedingungen hätte es mich nachdenklich gestimmt, daß es nur weniger Minuten bedurfte, diese so dringend benötigte Toilette auch vorzufinden.

Das Grauen: Keine Tankstelle, kein Raststätte, kein Strauch, kein Telefonhäuschen - keine Mülltonne - keine Toilette! Dafür vierzig an die Scheiben prügelnde Psychopathinnen, eine zum Zerbersten gefüllte Blase - kein Tropfen!

Ob Pinkelbecken, -rinne, Arzttermin, ob Autorennen, Open-Air, ob "5-Sterne-leg-5 Mark-in das Schälchen-Toilette" oder die freie Natur, es sollte mir über Jahre nicht mehr gelingen, in Gegenwart anderer diesem Geschäft erfolgreich nachzugehen.

.... Jahre später

1 Zahnarzt, 1 Lebenspartnerin, 1 ehemaliger Reisebusgast - 18 Urlaubstage - noch gute Laune. Plan: 14-tägige Kanuwanderung im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet. Danach verdiente, 4-tägige "Schlemmerrückfahrt". Dänemark, Sylt.
Vollbracht! Eine olympiareife Kanutour und Schlemmen vom Feinsten liegen hinter uns. Prima verlaufen - bis hierher!

Autoverladung Westerland, Sylt.

Noch gefangen im Eindruck des reichhaltigen Frühstücks. Sekt, ausreichend Kaffee und Orangensaft.

Zügiges Verladen der PKW´s. Alles läuft bestens. Oberdeck Autozug - Mittelabschnitt.

Wir genießen die Aussicht. Herrlich!

Lautsprecherdurchsage: "Liebe Fahrgäste, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Die Abfahrt wird sich voraussichtlich um 15 Minuten hinauszögern. Danke."

Ein wahrlich schöner Urlaub lag hinter uns. Psyche und Körper im vollkommenen Einklang.

"Liebe Fahrgäste - technische Umstände gebieten eine weitere Verzögerung. Wir bitten nochmals um Ihr Verständnis. Danke."

Nie hätte ich geglaubt, daß die schwedisch / norwegichen Binnen- gewässer derartige Ausmaße aufweisen würden. Unglaublich, ja - traumhaft.

"Oh Gott - nein !" - und ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen ! "Nein - bitte nicht dieses Gefühl ! Nein !" Ich sah sie vor mir, geradezu greifbar: das Sektglas, die Karaffe mit frisch gepreßten Orangensaft und die überaus ansprechende Kaffeekanne. Oberdeck - Mittelabschnitt - Verspätung - volle Blase - Psyche !

"Was nun?" Panik ! "Runter vom Zug ? Durchhalten ?" Ein fast unmerklicher Ruck reißt mich zurück. Der Zug rollt an. "Zu spät ! Oh Gott - es ist zu spät!" "Kaffee, Sekt, Orangensaft. Wie ich sie hasse !"

Autobahn - Bewegungsfugen - Autozug - Schienenende - Schienenanfang. Nein - nicht gleich, aber doch so verdammt ähnlich, dieses kleine, kontinuierliche Holpern.

"Das geht schief!"

Vor mir Karin und Michael, hinter uns ein dunkelblauer, uralter VW-Bus. Im VW-Bus ein gut gelauntes, freundliches Pärchen. Realer physischer Abstand 0,5 m.

"Könnte die Hose den Blaseninhalt aufnehmen? Nein, nicht nach diesem Frühstück!" "Rausstellen - Oberdeck - mit dem Wind - Nordsee? Keine Chance!"

Jede auch noch so unscheinbare Bewegung war nun bereits in der Lage, mich mehr und mehr um den Verstand zu bringen. Angst - Panik pur ! Schlimmer als damals - schlimmer !

Es brach aus mir heraus. Ich weihte Karin und Micha ein. Zahnarzt ? Egal ! Arzt und gleichzeitig Freund, Freundin. War es damals das andere Geschlecht, das mir zumindest im Zustand des Pinkelns die Männlichkeit nahm, so war es heute, in Karin, die Rettung !

Was nun folgt, ist wahr! Ganz ehrlich - ohne Scheiss! Karin erinnerte daran, daß sie am ersten Tag unserer Schlemmer-tour auf einem dänischen Trödelmarkt einen uralten, wunderschönen Porzellanpinkelpott erstanden hatte. Im Übrigen: Micha und Karin waren bereits Vertraute im Wissen um mein "Schulausflug-Pinkel-Problem". Daher machte Micha den Vorschlag, den Kontakt zum überaus sympatischen VW-Bus-Pärchen durch Ablage von Reisetasche und Textilien kurzfristig zu unterbinden. Ein letzter freundlicher Wink. Wir waren unter uns.

"Unter uns!?" Ja genau - unter uns! "Was nun?" Musik ! "Micha - Musik ! Laute Musik ! Dann versuch ich´s !" "Und - Unterhaltet euch bitte." Ich werde es nie vergessen: "Dire Straits"

Meine Psyche mußte es erkannt haben: Tod oder Pinkeln - es gab keine Alternative! ... und wie es lief ! Gänsehaut am ganzen Körper! DIE RETTUNG! Ich hatte es wirklich geschafft!

Sanft hielt ich ihn in den Händen. Ja, ein wahrlich wunderschöner, cremefar bener, prallgefüllter Pinkelpott. Panik und Anspannung legten sich. Erst jetzt fiel mir auf, in welchem gelungenen, blütenartigen Schwung die Topföffnung seinen Ausklang fand. Auch hatte ich nicht bemerkt, wie sich mit jeder Fahrbewegung ein warmer, sanfter Schwall über meine Hände goß. Doch nun begriff ich! Ein völlig anders geartetes Problem war zu bewältigen. Der Topf war randvoll!

Nein, nicht mehr so richtig. Es mögen allenfalls 10 Minuten Fahrzeit hinter uns gelegen haben: Kein voller Topf, keine trockene Hose, kein trockener Sitz! Schweiß - zitternde Arme, geschwollene Adern, hochroter Kopf.

Heimkehr. Einen Tag später. Kontakt zum Hausarzt. Diagnose: Sehnenscheidentzündung im linken Arm.

Oh - einen Moment bitte - ich muß mal !

© by Heinz Güthling 2000. Keine verfielfältigung ohne dessen Zustimmung.

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