Die Schönheit der Iris
von
Blauwal
Sie gingen durch den Park und verweilten, das Ge-spräch unterbrechend, an einem Beet, auf dem hun-derte von Iris die beiden einluden, sich an der Schönheit ihrer rotblau-violettgelben Blüten zu er-freuen. M. tauchte seinen Blick in diesen Farben-schein, der diese Ecke des Parks ganz einnahm und ihm ein besonderes Licht verlieh. Sein Begleiter be-obachtete ihn still. Er freute sich, daß die er-hoffte Wirkung der Blumen eingetreten war. Vielleicht war es die große Zahl der Blüten, die M. so faszi-nierte, es konnte auch die Lage dieses Stückchen Landes gewesen sein, leicht ansteigend, so daß sie, am Fuß des Hanges stehend, die ganze Fläche mit einem Blick erfassen konnten. Die Sonne hatte sich hinter eine Wolke zu-rückgezogen und es schien, als strahlten die Farben der Blüten noch intensiver, als gäben sie das ihnen geschenkte Licht doppelt und dreifach zurück. M. bückte sich und umfaßte die Blüte der ihm am nächsten stehen-den Pflanze, roch daran und betrachtete sie, als hätte er sie noch nie gese-hen. Hatte er sie bisher immer als schöne Blume erlebt, die einfach da war und nach einiger Zeit ver-welkte, so hatte er jetzt den Wunsch, mehr von ihr zu sehen und zu wissen. Andere Blüten wie die der Tulpe, des Buschwind-röschens oder die eines Kirschbaumes öffnen sich dem Betrachter, sind klar und verständlich. Die Iris wirkt geheimnisvoll in ihrer farbigen Verschlossenheit. Was mag sie dem Be-trachter vorenthalten? M. fragte seinen Begleiter, ob er sich eine Blume neh-men dürfe. Es müsse doch möglich sein, hinter das Geheimnis ihrer Schönheit zu kommen, wenn die Blüte geöffnet würde, wenn erkennbar würde, wie sich ihr Inneres dem Äußeren mitteilt. Erst der Blick in das Innere offen-bart das Ganze und der Betrachter weiß erst dann, was die Schönheit dieser Blüte ausmacht. Sein Be-gleiter, der diese Wünsche geahnt hatte, gab ihm Schere, Skalpell und Lupe und setzte sich auf einen Baumstumpf und wartete. M. begann behutsam die Kronblätter zu öffnen, dann schnitt er sie der Länge nach auf, schließ-lich quer, er schnitt in den Blütengrund, er zählte die Staubblätter und roch im-mer wieder an den Blü-tenteilen; einmal leckte er auch am Innern der Blüte.
Nachdem M. alles unter-sucht hatte, sagte sein Begleiter:
"Du hast nun alles gese-hen, gerochen, ge-schmeckt und gefühlt, hast zerschnitten und bist bis ins kleinste Detail der Blüte vorgedrungen. Be-schreibe mir nun die Schönheit dieser Blüte."
M. blickte auf die überall herumliegenden zerstückelten Blütenteile und wünschte sich die unbe-rührte Blüte zurück.
"Ich habe die Blüte zerstört um der Erkenntnis willen", sagte M., "aber ich weiß nicht mehr über ihre Schönheit als vorher, viel-leicht sogar weniger. Ich bin traurig, denn ich kann der zerschnittenen Blüte ihre Schönheit nicht wie-dergeben."
Sein Begleiter blickte ihn freundlich an, legte einen Arm um M.'s Schultern und ging mit ihm weiter.
"Es ist wohl ein Gesetz des Lebens. Siehst du die Schönheit, so hast du das Leben. Folgst du aber dei-nem Wunsch zu wissen, so kostet das seinen Preis."
Kommentare
Laane schrieb am 2010-09-05 15:22:27:
Wow, diese Fabel ist wunderschön! Eine tolle Moral =)
Cansel schrieb am 2009-12-15 17:39:10:
eine wirklich sehr schöne fabel!^^ die moral merke ich mir xD
farkar@tm.net.my schrieb:
Sehr schoene Geschichte! Werde sie in Malaysia veroeffentlichen!
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