Die Spinne
von
amba
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Es ist Nacht. In einer modernen, aber nicht außergewöhnlichen Zwei-Zimmer-Wohnung ist es ruhig; nur die Heizung in der Abstellkammer surrt leise. Jeder sonst leise und periphere Ton würde hier laut und deutlich klingen. Die Wohnungseinrichtung ist schlicht und elegant, dominiert von matten Farben und geometrischen Formen, unterlegt mit einem dunkelweißen Teppichboden. Wände und Decke sind untapeziert und weiß. Aus den Fenstern sieht man nichts außer Dunkelheit und ein paar entfernte Lichter, jedoch kommt ein schwaches Licht durch den Mondschein herein. Ein kleiner fünfjähriger Junge liegt in seinem Bett, die Tür einen Spalt offen, kann jedoch nicht richtig schlafen und hat noch seine Augen geöffnet, obwohl er dennoch recht müde ist. Seine Mutter schläft tief in einem Bett im Wohnzimmer. In seiner mitternächtlichen Lethargie schaut er auf die Decke, auf der ein schwarzer Fleck zu sein scheint, der jedoch von ihm relativ unbeachtet bleibt. Plötzlich fängt der Fleck an, sich langsam zu bewegen und ein wenig zu flimmern. Erst jetzt wird das Kind auf diesen merkwürdigen Fleck aufmerksam, und nach einem kurzen Zögern richtet es sich auf um ihn genauer betrachten zu können. Da er immer noch nichts erkennen kann steht er auf und schaltet das Licht an, welches einen abrupten, aber nicht allzu hellen Kontrast in das Zimmer wirft. Der Junge stellt sich genau unter den Fleck und schaut nach oben. Nun erkennt er, dass es sich bei dem Fleck um eine relativ große, schwarze Spinne handelt. Daraufhin geht er zu seiner Mutter und stößt sie an, woraufhin sie aufwacht und müde stöhnt: „Was ist denn, warum schläfst du nicht?“ – „Da ist eine Spinne in meinem Zimmer.“ – „Na und? Schlaf weiter!“ – „Aber ich hasse Spinnen, kannst du sie nicht wegmachen?“ Nach einem kurzen Zögern gibt die Mutter nach: „Na gut, aber dann legst du dich wieder hin!“ Beide gehen ins Kinderzimmer. Der Junge bleibt an der Türschwelle stehen, während die Mutter sich die Spinne auf der Decke kurz genauer ansieht. Erstaunt und ein wenig fasziniert sagt sie: „Meine Güte, das Ding ist aber ganz schön groß. So eins habe ich noch nie gesehen.“ – „Bring sie um!“, sagt der Junge fordernd. „Aber nein, ich werde sie raus tun, auf den Balkon oder so.“ Sie holt einen Stuhl, steigt auf ihn und versucht die Spinne an der Taille zu fassen. Plötzlich zuckt die Hand der Mutter zurück, ein schmerzhafter Aufschrei, die Spinne fällt auf den Teppichboden und versucht wild zappelnd weg zu kriechen. „Verdammt!“, sagt sie, steigt schnell vom Stuhl, geht einen Schritt zurück und mustert die Bissstelle. Der Junge steht noch immer an der Türschwelle und fragt ein wenig ängstlich aber trotzdem neugierig: „Hat sie dich gebissen?“ – „Ja!“, erwidert seine Mutter leicht entsetzt und verärgert. Schnell geht das Kind zu seinem Schreibtisch am vorderen Rand des Zimmers, nimmt ein leeres Trinkglas und stülpt es vorsichtig mit größtmöglichem körperlichen Abstand über die noch immer fliehende Spinne, so dass sie darin gefangen ist und mit einem leisen, hohlen Kratzen versucht, das Glas an der Seite hoch zu kriechen. Die Mutter kniet sich vor das Glas neben dem Jungen und schaut sich die Spinne genauer an. „Was ist das für eine Spinne?“, sagt sie und begutachtet nochmals die Bissstelle, die bereits jetzt angeschwollen erscheint und anfängt, brennend zu schmerzen. „Was, wenn sie giftig ist?“, fragt das Kind besorgt. – „Ach Quatsch, hier gibt es keine Giftspinnen.“ Die Mutter geht in das Badezimmer, nimmt einen Desinfektionsstift gegen Mückenstiche aus dem Spiegelschrank und möchte etwas davon auf die Bissstelle tupfen; ihr Sohn folgt ihr, betritt das Badezimmer aber nicht. Der durch den Spinnenbiss verursachte Schmerz weitet sich inzwischen langsam auf den ganzen Arm aus. Vorsichtig versucht die Mutter wiederholt den Desinfektionsstift an die Haut aufzusetzen, schafft es jedoch nur schwer, da die Stelle um den Biss herum überempfindlich gegen Berührungen geworden ist und stetig an Schmerz zunimmt. „Verdammt, das tut so weh. Was ist das?“ Sie verzerrt ihr Gesicht vor Schmerz und stützt ihren Arm in eine Schonhaltung. „Soll ich den Arzt rufen?“, fragt der immer noch vor dem Türrahmen stehende Junge seine Mutter. „Nein, lass nur, das ist wahrscheinlich bloß irgendeine Allergie. Das wird bestimmt gleich besser!“, erwidert seine Mutter mit schwerer Stimme, geht zurück ins Wohnzimmer und setzt sich aufs Bett, den Arm immer noch in Schonhaltung. Das Kind folgt ihr ins Wohnzimmer und fragt erneut: „Und was ist, wenn es doch eine Giftspinne war?“ „Ach...“ antwortet diesmal seine Mutter bloß, und drückt ihre Hand auf ihren Oberkörper. „Jetzt tut’s auch noch in der Brust weh!“ Langsam aber stetig bricht bei der Mutter Übelkeit aus, begleitet von einem raschen, starken Schwindelgefühl. Ihr Puls steigt rapide aufgrund der plötzlichen Angstsituation. „Oh Gott, mir ist schwindlig. Ruf den Arzt, schnell!“, sagt sie ihrem Jungen mit flimmernder, gezwungen lauter Stimme. Ihr Sohn zögert schockiert eine Sekunde und eilt zum Telefon. Hektisch und den Tränen nahe nimmt er den Hörer ab und versucht notgedrungen die Notrufnummer, die er jedoch nicht genau kennt, während er immer wieder zur Mutter schaut. Diese ist vom Bett zum Boden herabgesunken, den Arm mit der Bisswunde nicht mehr angespannt und extrem schwer atmend. Ihre Augen sind nun weit aufgerissen, das Gesicht nicht mehr schmerzverzerrt. Nachdem durch das Telefon bloß Fehlermeldungen zu hören waren, legt der Sohn den Hörer auf den Boden und läuft zu seiner Mutter. „Mama!“, schreit er und setzt sich neben sie. „Mama!“, diesmal fordernder, während er ständig schluchzend versucht seine Mutter wach zu rütteln, die regungslos auf den Boden liegt und nur noch ein kaum wahrnehmbares, schwaches Atmen von sich gibt, Kopf und Gliedmaßen dabei leicht zuckend. Der Junge steht nach erfolglosen Bemühungen hastig auf, rennt die Tür hinaus und klingelt beim Nachbarn…
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Kommentare
schaar@3w-video.com schrieb am 2009-09-23 09:19:34:
sehr schön geschrieben. Spannend bis zum letzten, hätte beinah geschrieben Atemzug.
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