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Kategorien > Trauriges > Depressionen

Die Tote im Schnee

von leann

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Sie hatte niemals gewollt, dass es so weit kommen würde. Sie war sich sogar sicher gewesen, dass es niemals so weit kommen würde. Sie starrte in die Ferne. Sie sah nichts. Leere. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie zuckte kurz zusammen, als hätte sie etwas erschreckt. Ihre Hände zitterten und schwitzten zugleich. Sie spürte, wie die Tränen langsam über ihre Wangen flossen. Sie machte sich nicht die Mühe sie weg zu wischen, sie konnte sie ohnehin nicht aufhalten. Dann begann sie zu laufen. Sie lief immer geradeaus. Ohne stehen zu bleiben. Ohne sich umzudrehen. Sie wusste nicht, wohin ihre Füße sie tragen würden. Es war ihr egal. Durch das Laufen verspürte sie das Gefühl, dass sie da war, dass sie existierte. Sie spürte ihre Beine, den Boden unter ihren Füßen. Es gab einen festen Boden unter ihren Füßen. Es gab also mehr als die Leere.

Dann kam der Moment, als sie nicht mehr konnte. Sie atmete schwer, sie keuchte. Ihre Beine wurden immer schwerer und ihre Füße schmerzten. Doch sie kämpfte. Sie hatte Angst stehen zu bleiben. Sie musste fort. Sie musste weiter. Sie wollte nicht nachdenken. Ihre ganze Konzentration galt dem Laufen. Einen Fuß vor den anderen setzten. Weiter und immer weiter.

Sie brach zusammen. Sie schlug mit dem Kopf hart auf den Boden. Sie war bewusstlos. Es wurde Nacht. Noch immer rührte sie sich nicht. Es begann zu schneien. Dicke, weiße Flocken fielen lautlos und leicht auf die Erde. Sanft legten sie sich wie eine Decke über den Körper der jungen Frau. Das Gesicht der Frau war nun ebenso weiß wie der Schnee und ebenso schön. Ihre Lippen waren blau wie das Eis. Das Blut, das aus der Wunde an ihrem Kopf strömte, färbte den Schnee tief rot. Sie war kalt. So kalt wie ihr Herz, das schon vor langer Zeit gefroren war.

Es war ein friedlicher Ort an dem sie jetzt lag. Er hätte ihr gefallen. Rund herum befanden sich große, alte Bäume. Keine Menschenseele weit und breit. Sie war ganz allein. Doch das hätte ihr bestimmt nichts ausgemacht, schließlich war sie es gewöhnt allein zu sein. Außerdem hatte sie den Menschen sowieso nicht vertraut. Sie war einfach nicht in der Lage gewesen, mit ihnen auszukommen. Sie fürchtete sich vor ihnen. Gleichzeitig fürchtete sie, sie selbst könnte jemanden verletzten. Sie zog sich zurück und wollte nicht darüber nachdenken. Sie wollte nichts davon hören. Sie lebte für sich. Langsam, ohne, dass sie es merkte, schlich Verzweifelung in ihr Herz und vergiftete sie. Sie gab auf. Sie gab sich ihrem Schicksal ohne Widerstand hin. Sie wollte und konnte nicht kämpfen, denn es gab nichts, für das es sich zu kämpfen gelohnt hätte. So kam es, dass sie vergessen hatte wie man lachte. Sie hatte vergessen wie es war, wütend zu sein. Sie hatte vergessen, was Freunde waren. Sie hatte vergessen wie man liebte. Sie war einfach da und um sie herum gab es nichts als schwarze Leere. Sie kannte keine Gefühle. Sie war verbittert. Nur ein paar Tränen liefen von Tag zu Tag über ihr Gesicht. Niemand kannte sie und sie kannte niemanden. Niemand sah ihre Tränen auch sie selbst nahm sie nicht einmal mehr wahr. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie weinte. Sie weinte einfach, weil ihre Augen beschlossen hatten, Flüssigkeit abzusondern. Darauf hatte sie keinen Einfluss, also gab sie auf sich dagegen zu wehren. Sie nahm es hin. So wie sie alles andere hinnahm. Sie hatte keine andere Wahl.

Vielleicht würde man sie irgendwann finden, wie sie da lag begraben von Schnee und bewacht von den Bäumen. Vielleicht würde man sich dann fragen, was diese Frau so zerrissen hatte.

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Kommentare

Jane Doe schrieb am 2009-06-17 18:48:38:
Finde ich sehr schön geschrieben, alle dinge sind so toll beschriebn. Ich kann mir das alles total gut vorstellen.
lg(:
Darktear schrieb am 2007-08-23 00:58:59:
eine wunderschöne Geschichte..... Lg
kotori schrieb am 2007-08-08 22:39:12:
super schön und super traurig. gefällt mir echt gut.
sina franke schrieb am 2007-07-05 11:34:51:
eine sehr schoene geschichte. gefaellt mir sehr.
lg sina

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