Die Totentänzerin
von
anoriel bina
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Die Totentänzerin
Es musste bereits um Mitternacht sein, als die fahlen Mondstrahlen auf ihre perlmuttfarbenen Züge fielen, die wie zerbrechliches Porzellan im Dunkeln erschienen. Die Schatten ihrer dichten Wimpern lagen in langen Striemen auf ihren hohen Wangen, die vollen Lippen verzogen sich zu einem melancholischen Lächeln und das kohlschwarze Haar wippte bei ihren sanften Wiegungen auf und ab. Die junge Frau hob geschmeidig ihren zierlichen Arm und ließ ihn von der kühlen Brise hinab tragen. Sie beugte sich leicht vor, bog ihre Taille zur Seite und neigte den Kopf. Als befände sie sich in einer Art Trance senkte sie die Lider und verbarg dahinter ihren azurblauen Blick. Für einen kurzen Moment verschwand die leuchtende Mondperle hinter einer Mauer aus tristen Wolken und das Licht des Firmamentes verschwand in Finsternis. Erst jetzt, da alles in den Schleier der nächtlichen Dunkelheit gehüllt war, erkannte man mehrere Gestalten um das tanzende Mädchen herum. Ihre leblosen Augen verharrten gebannt auf ihren zarten Bewegungen, sie alle hatten lange Zeit auf diesen Tag gewartet, da die Totentänzerin wieder kommen und sich mit ihnen im Takt der Nachtmelodie schaukeln würde. Die Wolke zog vorbei und entließ den Mond aus ihrer Gefangenschaft. Heller noch als zuvor sickerte sein Licht auf die Züge der Frau. Sie öffnete langsam die Augen und verharrte in ihrer Bewegung. Mit einem traurigen Lächeln senkte sie ihre Arme und drehte sich elegant zu den Wartenden um. „Kommt“, wisperte sie leise und auf ihre klare Stimme hin erhoben sich die durchscheinenden Schemen von ihren rauen Grabsteinen. In einigen davon waren bereits Risse und kleinere Kerben zu erkennen, Zeichen, die die Zeit in ihre Andenken gegraben hatte. Die Frau breitete ihre Arme aus und blinzelte träge. „Wer will zuerst von euch mit mir tanzen?“ Ein Zittern zog sich durch die Körper der Gestalten. Ihre Gesichter lagen hinter einem Schleier des Todes. Ihre Nasen, ihre Münder, das Kinn, selbst das Haar war lediglich zu erahnen, als habe jemand mit einem Tuch über ihre Mienen gewischt. Nur eines erweckte den fälschlichen Eindruck von Leben in ihnen: Die glühenden Blicke aus den unergründlich tiefen Augenhöhlen! Doch die Frau fürchtete sich nicht vor ihnen. Sie waren ein Teil ihres Lebens, ja noch mehr, sie waren ihre Arbeit geworden. Einzig durch das monatliche Treffen mit den Toten konnten ihr Vater und sie existieren. Ohne die Hilfe der Geister würden sie jetzt immer noch in einer verwahrlosten Ecke Londons leben, von Dreck, Ratten und Seuchen umgeben, nicht mehr als ein namenloses Ding in der Welt. Sie zog es vor mit den Schemen zu tanzen, als ein Leben zu führen, das diese Bezeichnung noch nicht einmal verdiente. Wenn sie den Hügel hinauflief, das Gras ihre Beine zärtlich liebkoste, schaltete sich irgendetwas in ihrem Herzen aus. Die Angst vor den Toten vielleicht? Mirabelle hob stolz ihren Kopf und sah in ein leeres Gesicht. Der Blick des Toten pulsierte in ihren Adern. Mittlerweile hatte sie sich an das bohrende Gefühl gewöhnt, das Kribbeln in den Fingerspitzen, das Rauschen in ihren Ohren und dem lauten Klopfen ihres Herzens. Es war nun einmal nicht erlaubt, den Blick eines Toten zu erwidern, sie gehörten nicht mehr in diese Welt und doch tat er ihr nichts, weil die Geister sie liebten. Der Wind stimmte eine leise Melodie an und wie aus weiter Ferne drang sie an ihre Ohren. Unbewusst schwebten ihre Füße über die Grasspitzen und vollzogen eine Folge von geschlungenen Tanzschritten. Die Hand auf ihrem Rücken hinterließ einen Hauch von Kälte auf ihrer nackten Schulter, ein Glanzpunkt lag darauf. Sie lächelte und sah hinter das verwischte Gesicht oder vielmehr durch das Gesicht, auf eine kahle Birke. Ihre Äste glänzten feucht von der Nacht, die Zweige reckten sich rebellisch dem Himmel entgegen, wie Klauen, die aus dem Reich des Todes gewachsen waren. Die Melodie verebbte und ein anderer Geist löste ihren Tanzpartner ab. Eine Stunde lang wiegte sie sich im Takt der Musik, dann war alles vorbei und die Schemen verneigten sich mit einem Funkeln in ihren Augen. Kurz darauf waren sie verschwunden, sie blieb mit einem Gefühl von Kälte auf ihrer Schulter zurück. Lächelnd sah sie zu dem Baum. Unter den Gewirr seiner Äste lag ein schwarzer Fleck, der sich erst beim Näher treten als ein kleines Säckchen herausstellte. Eine Kordel war um die Öffnung geschlungen. Mirabelle packte das schwere Säckchen und huschte mit ihm in Händen davon. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht, aber sie lächelte trotz dem Ziehen, das er auf ihren Wangen hinterließ. Ja, sie war schön, um nicht zu sagen unmenschlich schön und um einen Tanz mit ihr bezahlten die Toten ein Vermögen. Sie wog den klimpernden Beutel in ihrer Hand auf dem Weg zu dem prächtig erleuchteten Herrenhaus in einer noblen Straße, die von einer Baumallee gesäumt war. Sie waren nicht länger arm und das verdankten sie den Geistern oben auf dem Hügel, außerhalb Londons. Über das Gesicht der jungen Frau huschte ein andächtiges Leuchten, als sie sich an den Tag erinnerte: Sie war auf eben jenen Hügel gegangen, um dem schmutzigen Zuhause der Straßen zu entfliehen. Sie hatte sich unter den Baum gesetzt, damals trug er noch saftiggrüne Blätter und unter seinem Blätterdach fand sich mehr Wärme als bei den Ratten. Sie hatte bereits geschlafen, als die Toten nach ihr riefen. Mirabelle wusste nicht, wie sie das taten. Ihre Stimmen, weder Mann noch Frau, weder tief noch hoch, huschten durch ihren Kopf und so hatte sie verwirrt die Augen aufgeschlagen und den Kreis von flirrenden Gestalten um sich entdeckt. Sie hatte geschrieen, sich ängstlich an den Baum gepresst und fliehen wollen, aber die Geister hatten ihr eilig das Abkommen zugeflüstert: Tanze einmal im Monat für uns und du wirst reich! Nun, sie war reich, das Geld lag jeden Monat unter einem kahlen Baum, nachdem sich die Toten auflösten und sie war glücklich. Endlich konnte sie leben! Mit dem Blick auf die Tür aus dunklem Zedernholz und dem goldenen Türklopfer dachte sie daran, dass sie ja auch den Toten einen Gefallen tat. Immerhin waren sie einsam und ihre kalten Herzen sehnten sich nach dem Anblick von Schönheit, Anmut und Grazie. Sie verkörperte das, was sie nie wieder sein würden. Nur eines verlieh ihren Gedanken einen wehmütigen Klang: Seit sie mit den Geistern tanzte, alterte sie nicht mehr. Seit zehn Jahren hatte sie sich nicht verändert, denn die Toten wollten ihre Schönheit und den Quell ihres einzigen Vergnügens bewahren….bis in die Ewigkeit!
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Kommentare
Malli schrieb am 2008-01-16 15:00:34:
Wow, ich finde die Geschichte sehr schön geschrieben! Du kannst dich wirklich sehr gut ausdrücken,
so entsteht eine ganze Welt detailliert vor dem inneren Auge.
Hat mir wirklich gut gefallen, ich kann deinen Schreibstil nur loben!!!
Auch der Inhalt ist schön und der Titel drückt genau das Richtige aus!
Weiter so...
well done
Malli
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