Die Tränen der Mutter
von
LadyBlack
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Angst war ein subjektiver Begriff. Jeder kannte sie und auch wieder nicht. Als ich noch ein Kind war, hatte ich mich vor Gespenstern in meinem Schrank gefürchtet, dann mussten meine Eltern immer nachsehen und mir bestätigen, dass alles in Ordnung war. Auch wenn ich einen Alptraum hatte und danach vor Schreck nicht mehr einschlafen konnte, hatte ich das Schlafzimmer meiner Eltern aufgesucht. Unter ihren Decken hatte ich immer Schutz und Geborgenheit gefunden. Meine Eltern hatte mir immer jede Angst nehmen können, nur hatten die Jahre vieles verändert. Meine Mutter war zwar nun auch hier und belegte Brote für die Ermittler, die vor dem Telefon saßen und auf den Anruf des Entführers warteten. Er hatte gesagt, er wolle sich um 20 Uhr noch mal melden. Nun war es 20.27 Uhr.
Der Sekundenzeiger bewegte sich unablässig um das Zifferblatt. Doch das Ticken der Uhr konnte ich schon lange nicht mehr vernehmen, da der Klang meines klopfenden Herzens alles in den Schatten stellte.
Ja, nun wusste ich wirklich was Angst bedeutete. Es war das Gefühl, dass dir die Kehle zuschnürte und dir somit die Luft zum Atmen nahm. Es war ein gewaltiger Druck auf meinem Herzen, der mit jeder Stunde stärker wurde. Als ich die Hand auf mein klopfendes Herz legte, fragte ich mich unwillkürlich, ob man aus Angst sterben konnte.
Ich spürte kaum wie mein Mann meine Hand drückte, so sehr hatten mich die Zeiger in ihren Bann gezogen. Es war inzwischen 20.29 Uhr. Der Druck auf meinem Herzen wurde noch größer.
Endlich blickte ich in sein Gesicht und erwiderte den Händedruck. Er sah genauso aus wie ich mich fühlte. Große, violette Augenringe zierten sein Gesicht und der Mund war zu einer dünnen Linie zusammengezogen. Es gab im Augenblick auch keinen Grund zu sprechen, wir wussten beide was der andere dachte und fürchteten uns diese Bedenken auszusprechen. Auch sonst sprach niemand im Raum. Die Polizisten waren auf den Anruf vorbereitet und beobachteten das Telefon nun mit solchem Argwohn, als würde sich darin eine Bombe befinden, die jeder Zeit hochgehen könnte. Die Einzige, die sich überhaupt bewegte, war meine Mutter, die nun mit den belegten Broten im Zimmer betrat. Keiner aß einen Bissen. Ich hatte schon seit Tagen nichts mehr gegessen, doch mein Magen knurrte nicht. Im Gegenteil, ich fürchte mich davor mich beim Herunterwürgen eines Brotes übergeben zu müssen, selbst der Anblick verursachte Übelkeit in mir. Nur konnte ich das Wohnzimmer nicht verlassen, was, wenn er anrief?
Ich fürchtete mich so sehr vor dem Klingeln, davor, was dann geschehen würde und doch zerriss mich das Warten Stück für Stück.
20.49 Uhr. Ich blinzelte schnell um keinen der Anwesenden, die in meinen Augen sichtbare Schwäche zu zeigen. Heute musste ich stark sein. Für mein Kind.
Das Klingeln des Telefons riss uns alle aus unserer Lethargie. Wie in Zeitlupe nahm ich wahr, wie der leitende Ermittler den Hörer abnahm und mit der tiefen, professionellen Stimme sprach, mit der er meine Familie in den letzten Tagen schon so oft beruhigt hatte.
Kaum hatte er aufgelegt, ging alles ganz schnell. Die Polizisten verließen allesamt das Haus und machten sich an ihre Arbeit, während ich mich an den Pullover meines Mannes klammerte und mir innerlich jedes Gebet aufsagte, das ich jemals gehört hatte.
Mir kam es vor als wären Jahre vergangen, in denen wir uns immer wieder umarmt und uns Mut zugesprochen hatten, doch es können nur einige Stunden gewesen sein. Als der leitende Ermittler in unser Haus zurückkehrte und mir in die Augen sah, wusste ich sofort bescheid….und brach endlich in Tränen aus.
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Kommentare
meerji schrieb am 2010-03-02 15:05:08:
Hey,
ich finde das Thema der Story sehr gut und interessant. Am allerbesten an deinem Text hat mir die Stelle gefallen, in der du das Gefühl der Angst beschreibst. Dies ist dir sehr gut gelungen.
Andererseits finde ich, dass das Ende etwas abrupt kommt, aber das ist Geschmackssache und zeichnet wiederum ja auch oft eine gute Kurzgeschichte aus.
Somit: Ein gelungenes Werk!
Liebe grüße
Veronica Wallner schrieb am 2010-02-24 20:10:33:
ist das Kind tot?
sehr schöne geschichte mit traurigem ende :,(, das einzige was noch verbessert werden könnte, wären vielleicht manche erinnerungen an das Kind. Vielleicht ein kleines Auto, was es noch vor ein paar Wochen zum Geburtstag bekommen hat, oder wenn es älter ist, eben ein foto von seinem ersten ball, sowas eben... na ja ist aber auch so schon super
Lg
Veronica
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