Die Wahrheit kommt immer zu spät ans Licht
von
Lyn Gray
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Die Wahrheit kommt immer zu spät ans Licht - Kapitel 1
Es war November. Die Landschaft war von einer dicken Schicht Pulverschnee bedeckt worden. Einige Paare machten einen Nachtspaziergang. Ich sass vor meinem Pult und hatte noch einen Berg von Hausaufgaben zu erledigen. Ich seufzte. Da schrillte das Telefon. Gähnend machte ich mich auf den Weg nach unten. „Lucia Hallery. Ah, hallo Joli. Natürlich – ah, da ist sie ja.“, sagte meine Mom als sie mich erblickte. Sie gab mir das Telefon. „Hey Joli.“ – „Hey Kate-Lynn!“, zog sie mich auf. „Joli!!!“, sagte ich mit einem warnenden Unterton. „Ja, ja hab’s kapiert.“, seufzte sie. „Also, weswegen hast du mich angerufen?“. Ich wollte eben gleich zur Sache. „Rate mal wen Mac gefragt hat?“, fragte sie mich und ihre Stimme sprang einige Oktaven höher. „Oh, ich weiss es! Er hat Gabrielle gefragt!“, sagte ich mit gespielt, übertriebener Freude. „Haha. Sehr witzig.“, gab sie verächtlich zurück. „Na ja. Jedenfalls, was sollte ich nur anziehen? Was würde Mac wohl gefallen? Kate hilf mir!“ – „Ja, ja. Schon gut. Ich helfe dir. Aber der Schulball ist doch erst in einem Monat!“ Ich betonte die letzten zwei Wörter ganz doll, was sie reizte. Sie schnaubte kaum hörbar, doch ihre miese Stimmung schwand schneller, als ich gedacht hätte. Joli war die reinste Modeexpertin. Sie sah sogar an ganz üblichen Tagen super aus. Weshalb würde sie meine Hilfe gebrauchen? „Komm doch rüber. Vielleicht finden wir was, dass ich zum Ball anziehen könnte. Bis später.“ Sie legte auf, bevor ich was erwidern konnte. Na, ja. Es ist doch eh Ferien. Wieso sollte ich meine Hausaufgaben denn heute machen? Ich beschloss sie irgend ein anders mal zu erledigen und legte das Telefon lautlos wieder in die Gabel und gab meiner Mutter Bescheid, dass ich bei Joli sein werde. Ich zog mir einen dicken Pulli an, eine Wollmütze und die blauen Stiefeln. Zuletzt warf ich mir einen bunten Schal um den Hals. Dann drückte ich auf die Türklinke und ging raus in die weisse Welt. Kleine Flocken schwebten vom Himmel herab. Ich lief los. Joli wohnte nicht weit von unserem Haus entfernt. Nur ein paar Strassen entfernt. Als ich an einem knutschenden Paar vorbei ging, erkannte ich Gabriella, die von einem blonden Jungen umschlungen wurde und mir ein triumphierenden Blick zuwarf. „Wieso so alleine in den Strassen herumlungern?“, ertönte eine Mädchenstimme. Gabriella. (Eine dumme, eingebildete Ziege). Doch ich musste zugeben, dass sie hübsch war. Blond, blau und blöd. Doch jeder Junge, der an ihr vorbei schritt, konnte sein Blick nicht von ihr wenden. Ich ignorierte sie und ging weiter. „Hey, du hast ihr nicht geantwortet. Niemand ignoriert meine Freundin!“, sagte Gabriellas Bodyguard und gleichzeitig dämlicher Freund. „Oh doch. Ich.“, konterte ich und strich mir mein schwarzes, schulterlanges Haar nach hinten. Gabriellas Freund versperrte mir den Weg. „Verschwinde, Blödmann!“, zischte ich. „Blödmann, ja?“ Er schnaubte verächtlich. „Wohin möchten sie den, Fräulein?“, fragte er mich spöttisch und versuchte sich ein Kichern zu verkneifen, das ihm vergebens misslang. Ich hatte die Nase voll. Ich schubste ihn mit voller Kraft beiseite. Und musste breit grinsen. Der Blödmann stolperte überrascht nach hinten und fiel schliesslich um. Gabriella, die sich vor ihm runterbeugte und ihn besorgt nach seinem Befinden fragte, war kreidebleich geworden. „Blödes Miststück!“, zischte Gabriella und warf mir einen feindseligen Blick zu. Ich grinste noch breiter. Als ich die Strasse hinter mir hatte bog ich nach links ab. Da war die Strasse menschenleer und totenstille. Unheimlich. Etwas raschelte im Gebüsch. Ich zuckte zusammen und blieb stehen. Das war sicher nur eine Katze, versicherte ich mir. Hinter einem Baum, nicht weit von mir, sah ich eine schemenhafte Gestalt eines Menschen. Ich schluckte und lief weiter. Diesmal in ein schnelleres Tempo. Nur noch ein paar Meter, dann war ich bei Joli. Wieder sah ich eine schemenhafte Gestalt. Nun rannte ich. Bei der Haustür drückte ich auf die Klingel. Kurz darauf flog die Tür auf und Joli erschien. „Hey, das hat aber lange gedauert.“, bemerkte sie. „Kate? Geht’s dir gut?“, fragte sie zögernd und fasste mich an der Schulter. Wieder zuckte ich zusammen. Ich hatte nicht auf sie geachtet sondern habe Ausschau nach einer schemenhaften Gestalt gehalten. Ich konnte förmlich spüren, dass irgendwas los war. Etwas Falsches. Zwar habe ich nur eine schemenhafte, menschliche Gestalt gesehen, aber wer weiss, wer es wirklich ist. Vielleicht ein Psychopath oder ein Killer. „Ja, klar. Alles prima.“, versicherte ich ihr und versuchte zu lächeln, das dann aber zu einer Fratze wurde, da Joli kicherte. „Komm rein und wärm dich erst mal auf.“ Ich trat ein und zog mir die Stiefel aus. Wärme umhüllte mich und ich fühlte mich geborgen unter Jolis Dach. Wir gingen ins Wohnzimmer und liessen uns vor dem Kamin im Ledersessel nieder. Joli stand aber gleich wieder auf. „Komm gleich wieder.“, sagte sie und verschwand in der Küche. Ich lehnte mich nach hinten und entspannte mich. Da hörte ich eine fremde, sanfte Stimme in meinem Kopf. „Geh! Geh! Du musst von hier verschwinden! Geh!“, befahl mir die Stimme. „Kate, Kate!“, rief mich eine Stimme. Ich war wieder in der Gegenwart gelandete und blinzelte verwirrt. „Kate!“ Es war Joli. Ich schaute mich um und mein Blick verharrte am Fenster. Wieder die schemenhafte Gestalt! „Ich dachte schon du wärst in eine Trance gefallen!“, scherzte sie. Ich lächelte unsicher. „Nun, erzähl mal. Wie hat er dich gefragt?“, wollte ich wissen, somit wechselte ich das Thema. Sie plapperte los doch ich bekam nichts mit. Ich war wirklich in irgendeine Trance gefallen, dachte ich. Ein kalter Schauer schoss mir die Wirbelsäule hoch. „Kate! Hast du mir überhaupt zugehört?“, fragte sie mich pikiert und ich wurde wieder aus meinen Gedanken gerissen. „’tschuldigung.“, murmelte ich. „Hast du sturmfreie Bude?“, bemerkte ich. „Wow. Gut erkannt. Ja.“, antwortete sie mir mit übertriebener Enthusiasmus und verdrehte ihre grossen, wunderschönen, braunen Augen. Da gab sie mir eine Tasse heisse Schokolade. „Mh...“, machte ich. „Danke.“ „Keine Rede wert.“, erwiderte sie. Ich nippte an meiner Tasse und schon schmeckte ich den Geschmack der feinen, süssen Schokolade. „Also. Äh… Erzählst du mir noch mal, wie er dich gefragt hatte?“ Sie schien darüber nachzudenken. „Okay. Gehen wir aber in mein Zimmer, dann kann ich dir es erzählen und gleichzeitig meine Kleider anprobieren und du sagst mir welches am besten zu mir passt.“ – „Abgemacht.“, sagte ich und wir gingen beide die Treppen hoch zu ihrem Zimmer, stellten unsere Tassen auf dem Nachtisch und sie schritt zum Schrank rüber. Sie probierte einige Kleider aus. Ich fand, dass jedes Kleid ihr passte, doch sie war zu selbstkritisch. Doch eines war wirklich unwerfend. Es war ein bonbonfarbenes Kleid, das ihr Teint betonte und ihre braunen Augen leuchten liessen. Ihre schulterlangen, kastanienbraunen Haare hätte sie nur noch hoch stecken
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