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Kategorien > Kurzgeschichte > Makaber

Die Zigarette danach

von Mike Winterhalter

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Er genoss die Zigarette danach. So lange er denken konnte gab es für ihn keine Zigarette, die ihm besser schmeckte als diese. Das Gefühl, wie sich der heiße, beißende Qualm seinen Weg durch seine Lunge bahnte, während sich sein schweißbedeckter, langsam die Anspannung abklingen lassender Körper von den Freuden der sexuellen Hingabe erholte. Während er diese Zigarette rauchte wusste er manchmal nicht einmal, was davon die schönere Befriedung war. Wahrscheinlich bereitete ihm Beides Freude. Jedes davon auf seine eigene, besondere Weise. Das Gefühl, sich der Partnerin zu nähern, sie zu erkunden und ihr Lust zu verschaffen, die wachsende Erregung zu spüren, das Verlangen und das Verschmelzen der Körper, bis auf eine sinnliche Ebene, wie man sie ansonsten nur viel zu selten spürte. Auf der anderen Seite das für ihn inzwischen schon zu einem Ritual gewordene Anzünden der Zigarette, der erste Zug und das erste Inhalieren des Rauches, während die Anspannung langsam aus seinem Körper wich und dieses prickelnde Gefühl das ihm diese Zigarette dabei bescherte. Er wusste, dass es eine Legende war, eine Illusion, die ihm sein danach gierendes Gehirn vorgaukelte, trotzdem bereitete ihm dieser Moment unheimliche Freude. Und es verband ihn wie nichts anderes mit ihr. Nie davor oder danach war es so bei ihm gewesen.

Aber ab heute würde es alles anders werden, das wusste er. Er wusste, dass es das letzte Mal gewesen sein würde, derart zu genießen. Nie mehr würde er die Hingabe an die Partnerin, die er liebte, spüren. Zukünftig kein Ritual des Anzündens mehr. Er wusste auch, dass es heute das letzte Mal sein würde, das sie neben ihm lag. Er würde nur noch heute seinen Blick über ihren wunderschönen Körper, an dem sie trotz allem immer etwas auszusetzen hatte, wandern lassen können.

Er drehte seinen Kopf um sie anschauen zu können. Sie lag auf der Seite, den Rücken zu ihm gedreht, ihr dunkles, langes Haar lag halb auf dem Kissen, halb glitt es an ihrem Hals entlang, fiel über ihre Schulter, sorgte für einen angenehmen Kontrast zur ihrer weichen, hellen Haut. Er wanderte mit seinem Blick weiter, den Konturen ihrer Wirbelsäule folgend, ließ ihn über die zarten Rundungen ihres Hinterns schweifen. Er dachte daran, wie es war seine Hand auf ihr Becken zu legen, ihre Wärme zu spüren, ihren leisen, sanften Atem zu hören. Er spürte wie sein Herz dabei heftig zu pochen anfing, sein Gehirn ihn einem Strudel an Emotionen aussetzte, Verlangen, Liebe, Schmerz und Verlust, alles stürmte auf ihn ein. Er fühlte wie sich seine Augen mit Tränen füllten, spürte wie es schmerzte, sah wie sich ihr Anblick vor ihm verschleierte, als würde sie langsam in einem trüben, grauen Nebel verschwinden. Jenseits einer Grenze von der sie nie wieder zurückkommen würde und die er niemals durchbrechen werden könnte. Es bereitete ihm quälende Schmerzen seinen Blick abzuwenden.

Er musste stark sein. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde. Er hatte sich darauf vorbereitet, er hatte alle Zeit der Welt gehabt sich darauf vorzubereiten, er durfte diesen Schmerz nicht mehr zulassen, er durfte sich nie mehr derartig gehen lassen, wie er es die ganze, lange, dunkle Zeit vor diesem kurzen, einzigen, glücklichen Tag gemacht hatte. Er wischte sich mit einer Hand die Tränen aus den Augen, zog wieder an seiner Zigarette und spürte zu seiner Erleichterung sofort die beruhigende Wirkung, auf die er gewartet hatte. Er schnippte die Asche in den metallenen Schleuderascher der neben dem Bett auf ihrem Nachttisch stand und dachte daran, dass er ihn, wenn er gehen würde, noch reinigen würde. Er wollte hier alles sauber verlassen. Der Schmutz, den sie hinterlassen hatte, durfte ihn nicht mehr interessieren. Er wusste, dass er konsequent bleiben musste.

Noch ein paar Züge, dann würde er gehen müssen, dann würde er sie verlassen. Er wusste, dass sie es nicht interessieren würde. Er wusste, dass sie nicht weinen würde, keine heißen, bitteren Tränen vergießen und ihm nicht nachtrauern würde. Sie würde nicht diese Gefühle haben, die er durchleben musste. Er wusste, dass sie nie welche gehabt hatte. Ihr hübsches Gesicht war wahrscheinlich noch nie von Tränen bedeckt gewesen, nie hatte er ein Zittern in ihrer Stimme gehört. Selbst als sie ihn damals verlassen hatte funkelten ihre Augen so schön wie in den Momenten, als sie ihm noch vorgab, ihm nahe zu sein. Ihre Stimme klang so engelsgleich wie zu den Zeiten, als sie ihm sagte, was er ihr bedeutete. Ihr Lachen, als sie ihm gestand, dass er nur Mittel zum Zweck, ein Lückenfüller gewesen war, konnte er nicht unterscheiden von dem, was ihm in den glücklichen Momenten so gefallen hatte.

Und trotzdem liebte er diese Frau. Er hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt, obwohl er vor ihr niemals gedacht hätte, dass es das wirklich geben würde. Sie hatte ihm einen Weg gezeigt, hatte ihm Erfüllung, Geborgenheit und Wärme gegeben. Zumindest hatte er das immer geglaubt, wenn er in ihren Armen versank, in den Ozean ihrer Augen tauchte, das Pochen ihres Herzens an seinem Ohr hörte und dabei an den Rhythmus von Liebe und Leben denken musste. Heute wusste er, dass sie sein Herz nie gehört hatte, dass sie es nie wirklich hören wollte.

Sie ließ ihn einfach zurück, vergoss keine Träne dabei, zeigte kein Zeichen von Reue, Mitleid oder irgendeiner anderen menschlichen Reaktion. Selbst als sie erfuhr, dass alles um ihn zusammenbrach, dass er alles verlor, Arbeit, Familie, Freunde, demütigte sie ihn weiter, strafte ihn weiterhin damit, ihm kein einziges Gefühl zu zeigen. Und trotzdem konnte er diese Frau nicht loslassen. Konnte das Gefühl der Liebe, das ihn ihm brannte, nicht löschen. Er dachte immer noch darüber nach, wie es gewesen war, sie zu küssen.

Er hatte es versucht. Er wollte loslassen. Er hatte versucht sich mit anderen Frauen zu trösten und trotzdem war er in Gedanken immer bei ihr gewesen.

Nur bei ihr hatte er dieses Gefühl der Wärme, der Geborgenheit.
Nur mit ihr konnte er eins werden, sich fallenlassen, die Lust genießen.
Nur bei ihr schmeckte auch die Zigarette danach.

Die Zigarette danach…
Er kam aus seinen Gedanken zurück, schnippte die Asche, die inzwischen bedeutend zugenommen hatte, wieder ab und blickte den letzten Rest nachdenklich an. Noch ein letzter Zug, dann würde er gehen müssen. Er wusste, dass er sie nie wieder sehen würde, dass es das letzte Mal gewesen sein würde. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es mit Sicherheit für sie beide das Beste war. Er nahm den letzten Zug, genoss ein letztes Mal die beruhigende Wirkung, ließ die Zigarette im Ascher verschwinden, stand langsam auf und zog sich an. Er verwarf den Gedanken den Ascher zu reinigen, sondern packte ihn einfach in seine Tasche, die neben seinen Schuhen stand. Er glaubte nicht wirklich, dass sie ihn vermissen würde.
Während er sich die Schuhe anzog dachte er darüber nach, wie es gewesen war als sie sich vor drei Tagen gemeldet hatte und ihm mit derselben engelsgleichen Stimme wie

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Kommentare

Melanie schrieb am 2008-05-07 22:56:58:
Im gegensatz zu Deinen anderen Geschichten wirklich düster und derb. Aber nicht weniger poetisch und an das Innerste gehend. Dafür hast Du ein Talent. Nutze es. Nach "Abschied" Dein bestes. Liebe Grüße
Larissa schrieb am 2007-10-25 14:56:16:
Es ist unglaublich toll, wie du die Dinge beschreibst, mit den Worten sozusagen spielst. Vor allem weil für mich das Ende überraschend war. Ich mag solche Geschichten, die sich am Ende noch einmal wenden und diese ist wirklich sehr gut gelungen.
die k.k.lake schrieb am 2007-03-27 12:14:04:
Absolut geiles Teil!!!
Ich schreibe so ähnlich und finde gut, wie du mit den Worten spielst. Mir war das Ende nicht all zu fern, aber du hast den Weg dorthin echt pervers gepflastert!!!! Respekt
Spaw schrieb am 2007-02-12 14:09:01:
Ist irgend wie kommisch
DarkTempler schrieb am 2006-11-20 21:54:02:
mhm...mhm...mhm... sehr interessante geschichte... in der tat.. zum anfang dachte ich, er will sich irgendwie umbringen, aber das ende hat mich dann doch schon ziemlich überrascht.. ich kann da echt nur sagen: " Hut ab" sehr gut geschreibem.. kannst dir ja mal meine Geschichten duchlesen. und ein kommentar abgeben... thx im vorraus

mfg

DarkTempler
P.S. schrieb am 2006-11-20 14:44:42:
Eine dramatische Geschichte, ganz nach meinem Geschmack. Ich persönlich finde die Geschchte erstklassig geschrieben! Respekt ;)

GLG P.S.
Coils schrieb am 2006-11-20 14:29:47:
Ziemlich gut, gut geschrieben - am Anfang dachte ich: "Bei der Story fehlt mir der Dialog zur Auflockerung", hatte also zu Anfang nicht mit diesem Ende gerechnet. Abgesehen davon, dass mir ein paar Wiederholungen aufgefallen sind (Sätze / Worte) wirklich gut geschrieben!

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