Die erste Schublade von Links
von
Anastasia Nicolakis
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Das Telefon riss mich aus dem Schlaf.
Ich konnte mir schon denken wer am Apparat sein würde. Nur eine Person rief mich um diese Uhrzeit an. Ich hoffte, dass er eine gute Nachricht für mich hatte.
Es war keine. Ich sollte ihm mal wieder einen Gefallen tun.
Wenn er mir damals nicht so oft geholfen hätte, als ich dauernd Mist gebaut hatte, würde ich jetzt einfach „nein“ sagen, aber es geht eben nicht. Kann man nicht ändern.
Also sagte ich zu. Nachdem wir alles geregelt hatten ging ich zu meiner Bar, die wenn sie geschlossen ist wie ein Globus aussieht. Ich habe sie von meinem Vater geerbt.
Irgendwie ist es grotesk, dass ich sie behalten habe, schließlich hatte sich mein Vater in seinem ganzen Leben mehr mit ihr als mit mir beschäftigt. Mich wundert es nicht, dass er an Leberversagen gestorben ist. Selbst Schuld.
Ich schenkte mir in ein Glas meinen Lieblingswhisky ein, einen Glentime Pure Malt Whisky.
Mit dem Glas in der Hand schlenderte ich zu meinem Schaukelstuhl und dachte nach.
Ich nippte ab und zu an meinem Whisky und überlegte was ich machen würde.
Mein Blick schweifte immer öfters zu meiner Kommode auf der meine Katze lag und vor sich hin döste. Es war ein Prachtexemplar von einer Katze. Sie war schwarz mit blitzend grünen Augen, einem eleganten aber trotzdem kraftvollen Körper und hatte immer diesen schlauen und alles wissenden Ausdruck im Gesicht.
Die Uhr tickte.
Ich wusste was ich tun würde. Eigentlich hatte ich mich schon in dem Augenblick, in dem ich mich in den Schaukelstuhl setzte und die Kommode sah, entschieden was ich machen würde, ich war mir nur dessen noch nicht bewusst. Ich erhob mich aus dem Stuhl und ging auf meine Katze zu. Sie zwinkerte mir zu – oder bildete ich mir das nur ein?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Katze mir immer einen Schritt voraus ist. Aber ich weiß nicht wieso. Egal. Ich kraule ihr den Hals und lausche ihrem Schnurren. Das Schnurren von Katzen hatte auf mich schon immer eine sehr beruhigende Art gehabt, schon als ich klein war. Immer wenn meine Eltern sich stritten und ich furchtbar aufgeregt und aufgelöst war, weil ich nicht wusste auf wessen Seite ich mich stellen sollte, streichelte ich unseren Kater. Er war das totale Gegenteil von meinem Schmuckstück, das ich jetzt besitze.
Er war rot getigert, hatte ein rundes Gesicht mit bernsteinfarbenen Augen, war klein und kompakt aber auch etwas dicklich. Ich wüsste nicht was ich ohne ihn gemacht hätte. Kurz nachdem meine Mutter uns verließ starb er. Er wurde auf unserer Straße überfahren. Ich glaube ich bin nie wirklich darüber hinweggekommen. Vielleicht ist mein Leben danach deswegen so aus den Fugen geraten, vielleicht auch einfach nur deshalb weil mein Vater ein Säufer und Schläger war und ich niemanden mehr hatte der mir einen Funken Hoffnung, etwas Trost gab. Aber das ist jetzt auch egal. Ich habe etwas zu erledigen.
Ich öffne die erste Schublade von Links. Ich könnte jedem, der fragt, genau sagen was in jeder einzelnen Lade ist. Ich habe da mein System wie ich alles ordne.
Schließlich nehme ich den Gegenstand heraus. Der silberne Griff liegt schwer in meiner Hand. Ich drehe den Gegenstand ein paar Mal hin und her und schaue ob noch alles intakt ist.
Scheint in Ordnung zu sein, ich habe es nicht anders erwartet, ich passe eben gut auf meine Dinge auf, besonders wenn sie teuer waren.
Zusammen mit dem silbernen Gegenstand durchquerte ich das Wohnzimmer und erreichte die Küche. Ich gab ihn in meine Handtasche, in die ich alles gab was ich brauchte, wenn ich die Wohnung verließ, ich wundere mich immer wieder aufs Neue wie viel doch in so eine kleine Tasche passt. Bevor ich gehe muss ich mich noch umziehen. So wie ich jetzt aussehe kann ich doch nicht vor die Türe treten.
Nachdem ich umgezogen war und mir einen dicken Wintermantel angezogen hatte, nahm ich meine Handtasche und ging aus der Wohnung.
In der Wohnung war es dunkel, sehr dunkel. Dunkler als auf der Straße.
Alle Vorhänge waren zugezogen und die Jalousien runtergelassen. Kein einziger Lichtstrahl.
Ihre Katze hatte inzwischen den Standort gewechselt und lag auf dem Schaukelstuhl, der vor kurzem noch von ihrer Besitzerin benutzt wurde. Sie schien zu lächeln. Aber das kam wahrscheinlich nur daher, dass man immer ihre zwei vorderen Eckzähne sah. Irgendwie gespenstisch und faszinierend zu gleich. Ein Gesicht wie kein anders.
Die Zeit schien nicht zu vergehen.
Endlich ein Geräusch. Ein leises Knacken, ein Schlüssel wurde umgedreht.
Die Tür ging auf und sie betrat ihre Wohnung.
Es waren inzwischen zwei Stunden vergangen.
Das Gefühl wieder zu Hause zu sein, nachdem ich John den „Gefallen“ (oder sollte es nicht eher heißen, dass ich dabei war meine Schulden zu begleichen?) getan hatte, war wunderbar. Es war eine Erleichterung. Innerhalb meiner vier Wände konnte ich einfach ich selbst sein und musste nicht so tun als ob ich jemand anders war.
Nachdem ich meine Schuhe weggeräumt und meinen Mantel aufgehängt hatte ging ich mit meiner Tasche ins Wohnzimmer. Sofort sprang meine Katze vom Schaukelstuhl, sie wusste, dass sie dort nicht hin durfte! Ich öffnete wieder die erste Lade von Links und polierte noch schnell den Lauf. Während ich den Gegenstand hineinlegte, nun glänzte er wieder schön, schmiegte sich meine Katze an meinem Bein.
Es war still. Das einzige Geräusch im Raum war ihr stetiges Schnurren und das Ticken der Uhr. Mit der linken Hand schob ich die Schublade zu und verließ den Raum.
Ich musste lächeln.
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Kommentare
www.top3-suche.de schrieb am 2010-03-25 20:46:25:
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