Die letzten sieben Tage der Depression
von
Incus
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Die letzten sieben Tage der Depression
Montag (Tag 1)
Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde
Der Wochenanfang ist geschafft, dachte ich mir, als ich mich nach einem stressigen Tag auf das Sofa fallen ließ, dass ich in den letzten Monaten bereits zu meinem Schlafgemach degradierte. Der Tag war wie immer. Wie immer, seit Jahren. War ich jetzt froh zu Hause zu sein, oder war ich wieder Gefangener meiner, in vielen Jahren eigens geschaffenen Welt. Ich war beides und doch war mir bewusst, dieses Heim ist ein Gefängnis, ein Gefängnis der Gedanken, ein Gefängnis meiner ungewollt erlernten Phobien. Die Fernbedienung in der Hand schalte ich durch die Programme, die sich trotz Ton lautlos um meine Einsamkeit winden. Ein Klick... noch ein Klick, und dann klickt es bei mir, losgelöst von der Realität drehe ich mich der Wand zu und beende diesen Tag damit, mich mit zu’n Augen sehend in die Mittagsruh zu begeben. Als ich aufwache neigt sich die Nacht über diesen betrübten Tag. Des Tages Sinn eine verlorene Illusion, die am Morgen noch dezent glänzend mir entgegen lächelte. Mist, den Tag verpennt. Aber es ist nicht der Schrecken des verlorenen Tages, es ist die Angst vor der Nacht, evtl. sogar die Angst vor der Dunkelheit, die meinen Puls beschleunigt. Träume sind komischerweise in der Nacht immer schlimmer als am Tag. Die verlorenen Gedanken gleiten ziellos entlang eines Fernsehprogramms, welches immer noch lautlos dummdreist mich an Dinge erinnert, die ich vergessen will. Grübelnd entschlafe ich der Realität, werde gequält wach, schlafe wieder ein und liege ab 2:40 Uhr wach und warte auf das Klingeln des Weckers. Dieser Wecker erfüllt schon lange nicht mehr seine Aufgabe und wird nur noch als nächtlicher Restzeitgeber missbraucht.
Dienstag (Tag 2)
Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser
Ich war hell wach als der Wecker nicht klingelte, froh, dass die Nacht vorbei war. Die kurzen Schlafphasen waren gekennzeichnet von gar komischen Träumen. Immer stand ich am Abgrund einer Treppe oder war kurz vor einer Prüfung, welche ich real bereits bestanden hatte. Dieses ängstliche Aufwachen ist ebenso belastend wie dieses ständige Gefühl des Erbrechens. Das körperliche Frack schleppt sich aber weiterhin in die Welt der Lebenden. Der Bahnhof, der Zug, die morgendlichen Zombies, der Teil meines Lebens, der Alltag von Alltag trennt. Heute bin ich extrem der Realität entrückt, gedankenverloren durch die Eingangshalle gehuscht, mein Ticket nicht abgestempelt, ich bin aber auch zu dumm. Verschämt umblickend beginne ich mit meiner Angst vor dem Schaffner, komischerweise existiert diese auch, wenn ich ein gültiges Ticket habe. Ich renne hastend durch den Zug, erwische dieses Mahnmal deutschen Beamtentums und habe noch Glück, er stempelt meine Karte ab. Der Tag fängt ja gut an....
De Zug erreicht meinen Zielbahnhof, die Fahrt hätte für mich auch ein wenig ruhiger verlaufen können.
Es folgt ein kleiner Weg durch den Regen, es hat die ganzen Tage nicht geregnet, nur jetzt, diese 10 Minuten.
Ich erreiche meine Arbeitsstelle, der Himmel klärt die Wolken über Lustlosigkeit auf und ich ergebe mich einer Hierarchie, welche ich immer bekämpfen wollte.
Verlierer wollen immer kämpfen, Verlierer sind Masochisten.
Mittwoch (Tag 3)
Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es.
Heute fühle ich mich ganz schlimm, hätte gestern Abend so gerne geweint, meine Tränen trockneten sich aber wie von selbst. Wenn die Tränendrüsen verkümmern, weiß man, dass man ein verbitterter Mansch geworden ist. Niedergeschlagen würde ich mir gerne Schmerzen zufügen, nur um zu spüren. Aber ich bin kalt, seelenverloren und feige. Als ich mich nach dem Waschen aufbeugte und mein Gesicht im Spiegel erblickte, gibt es eine kurze Schrecksekunde. Der selbstgewählte enge Zeitablauf verhindert schlimmeres. Die Morgenzigarette schmeckt wie purer Teer, der erste Kaffe ist der wiederholte bittere Geschmack einer durchwälzten Nacht. Das Brot schmeckt, als hätte der Schimmel die Moleküle des Geschmacks ins Leichenschauhaus verfrachtet. Es ist nur noch eine Qual, sich durch dieses Leben zu manövrieren. Die Gedanken verlieren sich in einer dunklen Ecke, nein, sie verschließen sich vorm Leben. Ganz kurz blinzelt mir auf dem Heimweg das Leben in Form einer kurzen Erinnerung entgegen. Ein Güterzug durchkreuzt lautstark meine Gedanken, fallen lassen, los lassen, Schienen als kurzes warmes Bett. Zu Hause, Tag überlebt, froh zu Dumm zu sein für die Erlösung. Ich liege mit offenen Augen da, zähle Ritzen an der Decke, eine Tote Spinne hängt neben mir in ihren Seilen.
Ohne ein Hurra erwacht im Leben der Einsamkeit. Es ist schon dunkel, ein quälender Gang zum Kühlschrank, derer heute noch viele folgen werden.
Das Bier in der Kehle, der leuchtende Glimmstengel im überfüllten Aschenbecher. Entnervt von der Realität spiele ich mit Gedanken. Mal mir aus, wie es wär, wenn ich nicht mehr wär. Trotzig lächelnd wandern die Gedanken, erzählen von einem Leben, dessen Hauptdarsteller ich längst nicht mehr bin. Eine Randfigur im Kino des eigenes Seins. Wie eine Leiche zu Beginn des „Tatorts“.
Die Tränen in der Stille werden zum lautvollen Schluchzen. Ist es der Körper oder ist es der Geist, der einen Krieg gegen die Seele führt. Es ist im Endeffekt scheißegal, Kriege haben nur Verlierer und der Verlierer in seiner Gesamtheit bin ich. Oh wie schön... dieses Bad im Selbstmitleid. Ich gebe mich der Lächerlichkeit meiner eigenen Existenz preis. Betrunken stolpere ich über Schuhe und Zeitungen und falle in die Nächstenwelt.
Donnerstag (Tag4)
Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es.
Hab beim Aufwachen gelacht...worüber?...wahrscheinlich über mich selbst. Das Spiegelbild ist eine Fratze, dazu noch eine dämlich Grinsende. Will sie nicht mehr sehen, will sie nie wieder sehn.
Unbeobachtet von mir selbst streckt sich der Arm und der vordere Knöchel des Zeigefingers trifft als erstes auf spiegelndes Glas, die anderen vier folgen ihm fast demütig. Glas klirrt, eine kleine Blutspur zieht sich über die Innenfläche meiner Hand. Ein Wutausbruch am seit Jahren eingespielten Morgen, mal was neues. Ich steige in die Dusche, der Boden färbt sich Rot, spült die Farbe in den Abfluss und der Effekt bleibt leer. Die verletzte, jetzt zitternde Hand greift sich den Schädel, reibt ihn fast liebevoll. Ich entrinne einer kurzen Verwirrtheit und finde mich kaltschweißig mit einer Zigarette in der Hand heulend auf der Toilette sitzend wieder. Mein Blick gesengt, die Hand wie durch eine Lupe betrachtet vor mir. Die Scherben am Boden bilden im Licht der kahlen Lampe fast einen Regenbogen. Das Extrakt meiner Blicke ins eigene Ich eine schwarze Wand mit einem kleinen, glänzenden
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Kommentare
Lexa schrieb am 2006-12-07 22:19:34:
Wow , was für ein Abgang, ein Feuerwerk der Gefühle, ein Regenbogen der Beschreibbarkeit, eine Unachtsamkeit des Todes, als das Leben bejaht wurde. Genial, wirklich toll - Du bist schon eine Größe und das weisst Du. Beneide Dich um Deine Artikulationsbegabung. LG Lexa
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