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Kategorien > Kurzgeschichte > Drama

Die steinerne Brücke / Teil 1

von Larry Goober

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Das laute Klacken, dass seine mit leichten Absätzen bestückten Schuhe mit jedem Schritt auslösen, verrät dir, dass er nicht weiter als einige Meter vor dir ist. Weil du noch nicht bemerkt werden willst, bewegst du dich dicht an den Hausmauern, die die enge Gasse die sie bilden noch dunkler und unheimlicher machen, als diese mit dicken Wolken umhüllte Nacht ohnehin schon ist. Deine schleichenden Bewegungen lassen keine Geräusche zu und es ist ausgeschlossen, dass er von seinem Verfolger weiß. Eigentlich würdest du am liebsten sofort loslaufen um das Ganze zu Ende zu bringen, aber das letzte bisschen Vernuft, dass deine mit schwarzem Hass überfluteten Gedanken zulassen, sagt dir, dass du warten musst, bis es auch sicher keine Zeugen mehr gibt. Wer weiß wie laut es wird und wer zu dieser Zeit noch aus dem Fenster eines der Backsteingebäuden hinaussieht? Du kennst diese Gegend wie dein eigenes Schlafzimmer und du weißt, dass es nur noch wenige Augenblicke dauert, bis ihr die lange Steinbrücke, welche die beiden Viertel trennt erreicht. Dort hält sich zu so später Stunde niemand auf und du wirst keine Probleme damit haben, dieses Schwein endlich unter die Erde zu bringen. Du wirst dir dabei Zeit lassen. Du willst ihn leiden sehen. Du willst das er weiß wer sein lächerliches Leben beenden wird und du wirst über ihn lachen, bevor er in seinem eigenen Blut ertrinken wird. Du hörst, wie er anfängt zu pfeiffen. Hinter einem Eck in der Mauer versteckt, wirfst du einen vorsichtigen Blick auf ihn. Wie er nur die Straße entlanggeht...fröhlich pfeiffend, die Hände locker in den Hosentaschen steckend. Warscheinlich ist er auch noch stolz auf das was er dir angetan hat.
Aber das lässt deine Wut nur noch größer werden, genau wie deine Vorfreude auf sein zertümmertes Gesicht.
Das Rauschen des Flusses, das sich plötzlich in deinen Ohren wiederfindet pumpt dich voll mit Adrenalin und du krampfst deine Hände zu eisernen Ballen. Er hat die Brücke schon erreicht und jetzt gibt es keinen Grund mehr warum du dich verstecken solltest. Mit schnellen und weitreichenden Schritten stürmst du auf ihn zu. Du bist etwa zwei Schritte hinter ihm, als er dich bemerkt und sich umdreht. Aber die Zeit reicht nicht, um deiner Faust auszuweichen, die schon beim ersten Treffer seine Nase in Kieselstein ähnliche Bruchstücke zermalmt. Bevor ihn die Wucht des Schlages nach hinten katapultieren kann, hast du ihn mit deiner Linken schon fest am Kragen gepackt. Du nutzt den Schwung und hämmerst ihm deine Stirn mit aller Kraft gegen die blutüberströmte, Musartige Nase. Er sackt in sich zusammen.
Wie ein tollwütiges Tier schnaubend und die Fäuste immer noch geballt stehst du über ihm. Anscheinend ist er bewusstlos. Das war nicht geplant. Jetzt musst du warten bis er wieder zu sich kommt um ihm dein Gesicht zu zeigen. Du willst die Wartezeit überbrücken indem du mit einem großen Stein so lange auf sein Handgelenk einschlägst, bis sich die Hand problemlos vom Arm lösen lässt. Du willst nicht das er gleich verblutet und bindest ihm mit einem Stofffetzen von seinem Hemd den Arm ab. Er wacht nicht auf. Etwas Wasser könnte helfen. Du beeilst dich, damit das Flusswasser nicht aus dem Schuh tropft, mit dem du es herausgeschöpft hast. Die kalte Dusche lässt ihn endlich zu sich kommen. Als er realisiert, was ihm fehlt, will er schreien. Aber du hast ihm die abgetrennte Hand in den Mund gedrückt und das ganze mit einem weiteren Stofffetzen fest um seinen Kopf geschnürt.
Du musstest sie erst ein bischen verkleinern, das sie hinein passte. Man hört also nur ein dumpfes, halblautes Gestöhne. Er windet sich am Boden hin und her.
Nach einiger Zeit hört er auf zu zappeln und bleibt verkrampft auf dem Rücken liegen. Mit Tränen unterlaufenen, weit aufgerissenen Augen, die Angst, Panik und Schmerzen ausdrücken sieht er dich vom Boden aus an. Wie ein König, der gerade zufrieden sein Reich überblickt stehst du aufrecht vor ihm und lächelst ihn an. Er weiß wer du bist und warum du hier bist. Du weißt das er es weiß. Du siehst es ihm an. Als wollte er sagen:“Es tut mir so unendlich Leid! Bitte verschone mich! Bitte lass’ mich am Leben! Ich werde alles tun!“. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Jetzt sind deine Hände in den Hosentaschen. Zufrieden mit dir selbst.
Du beugst dich zu ihm hinab und fasst ihm in die Brusttasche. Du frägst ihn ob du dir eine Zigarette nehmen könntest. Aber du erwartest keine Antwort. Er wird sie ohnehin nicht mehr brauchen. Die tief inhalierten Züge tun dir gut. Wie wenn du gerade mit einer Frau geschlafen hättest. Nach einer Minute drückst du sie am Boden aus und reibst dir die Hände, als würdest du jetzt mit der Arbeit beginnen. Und das tust du auch.

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