Die verflixte Zeit!
von
Berit Jakobeit
1
Sie schob ihren Ärmel hoch und schaute auf die Uhr. 12.30 Uhr. Um 12.00 Uhr war sie mit dem Leiter des Krankenhauses verabredet gewesen. Schon wieder ein Interview vermasselt, dachte Gabi. Sie rannte quer über die Straße und ein Auto, das sie übersehen hatte hupte und bremste scharf. Der Fahrer hob den Arm, die Hand zur Faust geballt und schrie irgendetwas, was Gabi nicht verstand. Sie achtete nicht auf die Fußgänger, die sie beobachteten und lief weiter auf den Eingang der U-Bahn zu. Sie lief die Treppen so schnell wie möglich herab und übersah einen Mann mit einem Hut und stieß mit ihm zusammen. „Was fällt ihnen ein? Haben sie keine Augen im Kopf?“, brummte der Mann und drehte sich wieder um. Gabi blickte völlig entsetzt auf die Uhr am Fahrkartenschalter. 12.35 Uhr. Um halb sollte die U-Bahn kommen, die sie zum Cafe’ Red Horse bringen sollte. Jetzt aber schnell, dachte Gabi und lief auf Gleis 5 zu. Von Gleis 5 fuhr gerade eine U-Bahn los und wurde immer schneller. Auch das hinterher Rennen brachte nichts. Sie hatte sie verpasst. Nun war auch der letzte Funken Hoffnung verglüht. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Leiters des Krankenhauses im Telefonbuch aus.
Zwei stunden zuvor im Büro der New York Times klingelten die Telefone ununterbrochen. Die Nachricht machte gerade die Runde. Ein Hubschrauber war in das NewYork-Presbyterian Hospital gestürzt und die Piloten und ein Patienten starben. Gabi war gerade Unterwegs um einen Tierschützer zu treffen, als sie von dem Unglück per Handy erfuhr. Sie lief gleich zwei Blöcke weiter zur Bushaltestelle und erwischte gerade rechtzeitig noch den Bus. Sie stieg drei Stationen weiter aus und sah schon die Polizei- und Krankenwagen vor dem Krankenhaus stehen. Von ihrem Standpunkt aus sah das Gebäude wie immer aus. Der Hubschrauber musste von der anderen Seite in das Gebäude gestürzt sein. Gabi drängelte sich durch die Menge zu dem Polizisten, der schon von anderen Reportern befragt wurde, und kramte in ihrer Tasche nach Stift und Block.
Nachdem Gabi ungefähr zehn Blatt Papier mit unbrauchbaren Informationen voll geschrieben hatte, bemerkte sie wie ihr Handy in ihrer Tasche vibrierte. Es war ihr Chef: „Gabi, ich habe ein exklusiv Interview mit dem Leiter des Krankenhauses organisieren können! Sie können ihn um 12.30 Uhr im Cafe’ Red Horse treffen. Ich nehme an das ich mich auf sie verlassen kann?“ „Auf jeden Fall! Ich werde um Punkt 12.30 Uhr den Leiter des Krankenhauses in Empfang nehmen!“, sagte Gabi und ihr Herz pochte wie wild. Das Interview würde ihren Bericht über das Krankenhaus-Unglück retten. Der Polizist hatte ihr nur erzählt was sie schon wusste und ihr Chef wäre nicht sehr erfreut über den Bericht gewesen. Sie hatte noch genug zeit um sich mit ihrem Freund zu treffen.
Eine halbe Stunde später saß Gabi mit ihrem Freund John in einem teuren Restaurant und trank teuren Wein. „Findest du es unbedingt notwendig, dass wir hier reden?“, fragte Gabi und fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, was John ihr sagen wollte. „Ich dachte wir können uns mal in Ruhe unterhalten und da ich heute Abend noch arbeiten muss, machen wir das eben jetzt!“ „Ach so, ja warum eigentlich nicht!“ Das Essen kam und sie redeten lange über belanglose Dinge. Dann sagte John auf einmal etwas Unerwartetes: „Ich wollte eigentlich aus einem ganz bestimmten Grund mit dir reden! Und zwar …die Sache ist die … ich …wir … ich meine, findest du nicht auch das wir langsam den nächsten Schritt wagen sollten?“ Gabi hatte schon länger nicht mehr richtig zu gehört, denn sie versuchte sich an etwas zu erinnern, was sie vergessen hatte, doch auf einmal traute sie ihren Ohren nicht mehr. „Wie jetzt? Was meinst du mit den nächsten Schritt machen?“, fragte Gabi entsetzt. „Ich finde wir sollten heiraten!“ Da fiel Gabis Blick auf die Uhr es war 12.27 Uhr. „Das Interview! Oh mist!“ John blickte verstört und fragte: „Was für ein Interview? Sag mal hast du mir eigentlich zugehört?“ „Wie? Was meinst du? Du John es tut mir wirklich Leid, aber ich muss jetzt los!“ Gabi rannte so schnell sie konnte aus dem Restaurant und hörte nicht mehr was John hinter ihr herrief.
Nun hatte sie das exklusiv Interview und das Interview mit dem Tierschützer vermasselt. Ihr zweiter Arbeitstag bei der New York Times und immer noch kein gutes Thema für ihren Artikel der Morgen erscheinen sollte. Ihr Chef würde ihr das nie verzeihen, dass sie so ein wichtiges Interview verpasst hatte. Gabi machte sich wieder auf den Weg ins Büro. Als sie dort ankam wartete schon ihr Chef auf sie und bat sie gleich in sein Büro. Nach einem langen Gespräch wusste gab, dass sie nun erst mal nicht mehr als Reporterin arbeiten konnte, doch ihr Chef gab ihr noch eine Chance und ließ sie im Archiv als Assistenten weiter arbeiten. Für Gabi hieß dies ein deutlich kleineres Gehalt und stundenlange Arbeit im Keller. Doch sie würde zu hause weiter an Artikeln arbeiten und so vielleicht bald wieder als Reporterin arbeiten können.
Gabis Erleichterung hielt nicht lange an, denn als sie nach hause ging erwartete sie John und er war nicht gerade gut gelaunt. „Du kannst gleich deine Sachen packen! Ich glaube, dass du wenn du sowieso nur an deine Arbeit denkst und nicht auch mal an mich, auch alleine wohnen kannst!“, schrie er sie gleich nachdem sie ins Wohnzimmer gekommen war an. „Was? Du kannst mich doch nicht einfach rausschmeißen! Was soll ich denn machen? Eine Wohnung kann ich mir alleine nicht mehr leisten! Soll ich dann wieder zu meinen Eltern ziehen? Und mein Job?“, sagte Gabi und war völlig entsetzt. „Ja, genau dein Job! Das ist mal wieder das erste an was du denkst! Glaubst du etwa mir macht es Spaß dich raus zu werfen? Ich habe dir einen Antrag gemacht und du läufst einfach weg, um rechtzeitig bei einen Interview zu erscheinen!“ John war völlig verstört und lief im Zimmer umher. Auch Gabi wusste nichts mehr zu sagen. John hatte ihr schon öfters klar gemacht, dass es ihm nicht gefällt, mit welchem Eifer sie bei der Arbeit ist und wie wenig Zeit sie mit ihm verbrachte, aber sie hatte nie daran gedacht, dass er mit ihr Schluss machen könnte. Nun war es soweit und Gabi bekam Panik. Nicht nur, dass sie John über alles liebte, sondern eine Trennung von ihm hieße auch ein Auszug und das bedeutete, dass Gabi wieder zu ihren Eltern nach Georgia ziehen müsste.
Gabi stieß die Tür zum Wohnzimmer auf und ging zu dem Sessel in dem ihr Vater Richard saß. Sie warf sich ihm um den Hals und fing an zu weinen. Hätte sie doch bei ihrem Chef gekündigt, nachdem er sie ins Archiv verbannt hatte. Dann wäre sie noch in New York und würde sich Gedanken über die Hochzeit mit John machen und nicht hier bei ihren Eltern hocken. In diesem Kaff war sie aufgewachsen und als Kind macht es hier auch eine Menge Spaß, aber als Erwachsene war hier zu wenig los und für Journalisten erst recht.
1
Kommentare
berit schrieb am 2006-03-19 17:46:27:
eigentlich sollte sie so fertig sein! aba danke für den kommentar
lena schrieb am 2006-03-17 19:58:47:
ich find die geschichte ganz gut, aber gibt es da noch mehrere teile, weil man kennt sich nicht so richtig aus. lena
Kommentar hinzufügen