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Kategorien > Weihnachten > Familienkonflikt

Die verlorene Familie

von Luna

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Wie Schneeflocken

Schneeflocken. Wir sehen sie und doch vergessen wir ihre Gesichter. Es gibt viel von ihnen. Manchmal versuchen wir, sie aufzufangen, zu verbannen in unsere Herzen.
Warum? Warum, wenn sie doch es doch nur einige von vielen sind? Warum, wenn sie uns doch verlassen müssen? Schneeflocken…

Kalter Wind blies durch das Fenster hinein. Die grau asphaltierte Straße, die auf einmal noch trostloser wirkte, war menschenleer. Eine schwarze Ratte huschte über den Weg, auf der Suche nach etwas Essbarem. Die letzten Blätter der Bäume, die von den hässlich silbernen Straßenlaternen in ein weißes, künstliches Licht getaucht wurden, segelten zu Boden. Die Kirchenglocken läuteten in der Ferne, traurig und einsam. Fröstelnd zog Carolin die kratzige Decke enger um ihren abgemagerten Körper. Es war Heilig Abend. Das Fest der Liebe und Familie. Doch für das Mädchen war es nichts der Gleichen. Seit Monaten kannte die Welt für sie kein Glück mehr. Ihr Vater kauerte, die Bierflasche in der Rechten, die Fernbedingung in der Linken, auf dem staubigen Sofa. Timo, ihr älterer Bruder, war ein Dealer geworden, nachdem ihr Vater abermals seine Arbeit aufgegeben hatte. Mit den Drogen hatte er ihren Lebensunterhalt für ein paar Wochen aufrecht erhalten können, dann hatte die Polizei ihn mit vorgehaltener Waffe abgeführt wie einen Schwerverbrecher. Seither lebte Carolin in ständiger Angst, ihrem Bruder könne dasselbe widerfahren, wie ein Jahr zuvor ihrer Mutter. Langsam schloss sie die Augen. Verschwommene Bilder rauschten an ihr vorbei. Ein Schneemann. Ihre Mutter, die ins Auto stieg, um noch die letzten Einkäufe für Weihnachten zu erledigen. Ein nervöser Timo. Das Heulen einer Sirene. Zwei traurige Polizisten im Schneesturm. Tot. Keine Rettung mehr. Es tut uns leid. Entsetzt schlug Carolin die Augen auf. Warum…? Tränen rannen ihr über die erröteten Wangen. Warum…? Vorsichtig erhob sich das Mädchen, schlug das Tagebuch zu, das sie einmal von ihrer besten Freundin Maike geschenkt bekommen hatte. Vor Wochen oder waren es Monate gewesen? Ihre Freundschaft gehörte in eine andere Zeit, genauso wie ihr wirkliches Leben. Eine Tür fiel ins Schloss. Hoffentlich fand ihr Vater den Weg zur Toilette. Ein Rülpsen erklang, dann war es still. Unheimlich still. Papa, nicht auch noch du… Weinend stürzte Carolin zur Zimmertür, riss sie auf. Leere. Die Nacht senkte sich langsam über den Tag. Wie ein Leichentuch mit vielen kleinen Lichtern. Vorsichtig setzte das Mädchen einen Fuß vor den anderen, um nicht in einen Glassplitter zutreten. Ihr Blick fiel auf die Theke, auf der zerbrochenes und schmutziges Geschirr verstreut war. Der beißende Geruch von Erbrochenem stieg ihr in die Nase. >>Papa…?<< Nichts regte sich. >>Papa…?<<
Langsam öffnete Carolin die Badezimmertüre. Blut. Dunkelrotes Blut. >>Papa!<< Hektisch riss sie ihn von der Toilette weg. Sein Kopf fiel zur Seite. Aus dem Mundwinkel lief eine Ekel erregende Flüssigkeit. Papa, du darfst mich nicht verlassen… Schnaufend hievte sie den Mann auf das Sofa, legte ihre kleine Hand in seine Große. So wie damals, als es ihr schlecht ging. Gott verdammt, wie sehr sich alles verändert hatte. Es war doch Heilig Abend. Zärtlich strich Carolin ihm eine grau-braune Strähne aus der Stirn. Wäre doch nur Mama da… oder Timo… Schneeflocken segelten durch das Fenster auf den alten Teppich. Schmolzen in der Hitze, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb als die Erinnerung. Warum…? War es Gott gewesen, der zu ließ, dass Mama starb? An Weihnachten? Dem Fest der Liebe? Zitternd trat sie an das Fenster, lehnte sich heraus, um den Wind durch ihr Haar fahren zu lassen. Mama, ich schaffe das nicht ohne dich… Sie fror. Seit Tagen konnte ihr Vater das Gas nicht mehr bezahlen. Im Winter, der kältesten Zeit des Jahres, wo sie doch alle die Wärme brauchten. Winter. Schnee. Eis. Alles erinnerte sie ständig an ihre Mutter. Plätzchen. Warmer Kakao. Rodeln. Der Winter war spannend, spannender als der Frühling, der Sommer, der Herbst. Schneeballschlachten. Feste. Beisammensitzen. Mama hatten den Winter gemocht, manchmal sogar mehr als alles andere. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Ihr Vater schlug erschöpft die Lider auf. >>Carolin… Schatz…?<< Das Mädchen nickte zaghaft und setzte sich auf die Kante des Sofas. >>Papa… ich…<< Tränen rannen über ihr Gesicht. Im Hintergrund lief leise eine Weihnachtskomödie, die sie oft zusammen gesehen hatten. >>Carolin, es tut mir leid.<< Der Mann nahm sie traurig in den Arm. >>Alles wird besser werden, das verspreche ich dir.<< Sie nickte abermals und drückte sich fest an seine Brust. Für eine Weile kauerten sie schweigsam beieinander. Für eine Weile vergaßen sie die Trauer ein Stück weit. Es klingelte an der Haustüre, doch niemand wagte sich zu bewegen. Schließlich, als das Klingen verstummt war, sprang Carolin auf. Ein junger Mann, frierend und völlig durchnässt, lächelte sie an. >>Timo…<< Das Mädchen umarmte ihn herzlich. >>Wie…?<< Vorsichtig nahm sie ihm die Jacke ab und führte in ins Wohnzimmer. >>Auch die Polizei kennt so etwas wie ein gutes Herz. Als sie mein Tatmotiv herausgefunden hatten, haben sie mich entlassen. Trotzdem muss ich in die Physiatrie, aber erst nach Weihnachten.<<, erklärte der Junge, wobei er das Telefon in die Hand nahm. >>Was haltet ihr davon, wenn wir in eines dieses feinen Restaurants gehen?<< Herausfordernd ließ er den Blick umherschweifen. Der Vater schüttelte abwehend den Kopf. >>Kein Geld.<<, krächzte er leise. Seine Hände klammerten sich fester an die Decke. Seit Wochen hatte er das Haus nicht mehr verlassen. >>Es ist Mamas Wunsch. Wie jedes Jahr. Ich habe im Gefängnis in der Küche gearbeitet und ein wenig Geld verdient. Das dürfte reichen.<< Timos Finger verkrampften sich in dem Telefonhörer, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Weiß. Carolin lächelte. Kurz begegnete ihr Blick dem des Bruders. >>Bitte, Papa. Tut es für Mama.<< Erstaunt hob der Vater den Kopf. Dann nickte er verständlich. >>Wie jeden Winter.<< Die Familie umarmte einander. Schneeflocken segelten langsam zur Erde zurück.

Wie Menschen. Wir sehen sie und doch vergessen wir ihre Gesichter. Es gibt viel von ihnen. Manchmal versuchen wir, sie aufzufangen, zu verbannen in unsere Herzen. Warum? Warum, wenn sie doch es doch nur einige von vielen sind? Warum, wenn sie uns doch verlassen müssen? Weil sie immer mit uns lachen und weinen. Weil sie uns immer lieben. Weil sie immer bei uns sein werden.





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