Die versunkene Stadt
von
manfred stiller
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Die versunkene Stadt
„Heute bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging verloren, vor sechshundert Jahren.“
Wir hatten ein Ferienhaus in der Nähe von Husum. Ein kleines Segelboot war auch dabei und da es nur sehr wenig Wind gab, trauten wir uns auf die Nordsee, Opa Manfred und die Enkel Thorin und Eva, natürlich mit Schwimmwesten. Heute war von der manchmal sehr gefährlichen Nordsee gar nichts zu merken. Als wir ein Stück rausgefahren waren, schlief der Wind sogar ganz ein, Flaute. Ohne Motor mussten wir uns gedulden. Das Wasser war spiegelglatt und trug den Namen „blanker Hans“ zu Recht. Als Nordländer ist man es nicht gewöhnt, dass nicht wenigstens ein leichter Windhauch weht. Dazu verbreitete ein zarter Dunst eine fast zauberische Stimmung über dem Meer. Wir bogen uns über die Kannte des Bootes und auf dem Wattboden konnte man Reste von alten Pfählen sehen, die in Reihe standen, interessant. Von fern aus der Tiefe meinten wir feines Glockengeläut zu vernehmen. Unsere Fantasie wurde beflügelt, wir meinten Häuschen und Wiesen zu erahnen, sogar Leute. Ob wir uns zu weit übergebeugt hatten? Ein leichtes Gleiten und wir rutschten durch die Wasseroberfläche mitten in eine versunkene Stadt. Geschäftiges Treiben. Leute in Friesentracht liefen umher, Fischer, Frauen mit Körben voll mit Obst, Gemüse, Brot. Wir konnten überall hin über das Pflaster laufen, die Leute in ihrer Friesensprache hören. Eva, unser quirliges Mädel, sprach eine Marktfrau an. „Kann ich die leckere Birne kaufen. Und noch eine, für meinen Bruder?“ Überhaupt keine Reaktion, auch nicht, nach dem Eva sie an ihrer Schürze zerrte. Für die Rungholter waren wir nicht existent.
Es war Markt. In den Straßen waren Stände aufgebaut mit Waren aus der Landwirtschaft, lebende Hühner, Gänse, Korn. Viele Handelswaren zeugten von dem Reichtum der Friesen. Selbst aus dem fernen Spanien gab es Krüge mit Wein. Friesen konnten schon immer stolz sein, auf das was sie leisteten und dem Meer abtrotzten. Es gab jede Menge Fisch. Sogar den roten Thun und den wertvollen Stör fing man noch in der Nordsee. Die Leute der Stadt waren nicht nur wohlhabend, sie waren reich- und hochmütig. Die Männer feierten schon mitten am Tag Trinkgelage, futterten was die Küche an Fasanen und anderen Edelspeisen hergab und hatten für arme Leute nur Spott.
Als einige Männer sich ordentlich volllaufen lassen hatten und die Pöbelei über die anderen Gäste die Wirtschaft fast geleert hatte, kamen sie auf die Idee die Sau des Wirtes besoffen zu machen. Nachdem die Kerle der Sau den ersten Krug eingetrichtert hatten schmeckte es dem Tier offenbar und bald torkelte es mehr auf drei Beinen quietschend durch die Gaststube und die Saufbolde johlend hinterher. Sie zogen sie am Schwanz und schubsten sie hin und her und machten kaum selbst einen besseren Eindruck als besoffene Schweine. Schließlich kippte die Sau auf die Seite und fing laut an zu Schnarchen und zu prusten. „De Sau is‘ krank. De Sau is‘ krank. Se mut‘ nun no‘ Bett.“ Der Wirt hatte sich schon eine Weile verzogen, denn als er ihnen Einhalt gebieten wollte, wollten die Trunkenbolde mit dicken Knüppeln über ihn herfallen. Also schleppten sie die volltrunkene Sau in das Schrankbett, den Alkoven. Zu allem Überfluss banden sie ihr ein Kopftuch um und deckten sie fein zu. „De Sau is‘ krank. De Sau is‘ krank,“ johlten sie. „Se mut‘ bestimmt bald starben.“ „Denn mut‘ se unbedingt dat letzte Sakrament hem‘. Lot uns man nach den Paster schicken.“ Sie schickten ein paar Jungs zum Pastor, es läge jemand im Sterben und müsste schnell das letzte Sakrament bekommen. Der Pfarrer hatte natürlich so schnell es ging seinen schwarzen Talar umgeworfen, den Abendmahlskelch gegriffen und war in die Gastwirtschaft geeilt. Da führten ihn die Saufbolde unter Geschrei direkt zur elenden Sau. Der Pfarrer weigerte sich natürlich einer betrunkenen Sau das Abendmahl zu geben. Die gottlosen Saufkerle wollten ihn zwingen und schlugen mit ihren Knüppeln auf ihn ein. Dann nahmen sie ihn den Abendmahlskelch weg, füllten ihn mit Bier und schrien: „Wenn Gott dor bin‘ is‘, mut‘ he nun mit uns saufen.“ Von dem Tumult erwacht, schreckte die Sau hoch und flüchtete im wahren Schweinsgalopp aus der Gaststube. Wir, Opa Manfred, Thorin und Eva waren gleichzeitig sehr betroffen, mussten aber doch nun loslachen. Zu grotesk war doch die Situation. Pfarrer Biehl nutzte seine Chance und konnte entkommen. Unter Schmerzen schaffte er es zu seiner Kirche, fiel vor dem Altar auf die Knie und klagte dem lieben Gott sein Leid. Dann packte er die nötigsten Sachen, nahm seine Haushälterin mit und machte sich auf den Weg zum Festland um nie wieder nach Rungholt zurückzukehren. „Die Menschen sind zu verdorben in Rungholt, denen kann ich nicht mehr helfen. Die brauchen keinen Pfarrer und keinen Gott. Gnade ihnen Gott wenn sie meinen mit dem Teufel besser zu Recht zu kommen.“ Unterwegs traf er noch drei freundliche Mädel aus seiner Gemeinde, die auf’s Festland zu einer Kirchweih wollten und nahm sie mit.
Unseren Saufbolden war es mittlerweile allein in der Wirtschaft zu langweilig geworden. Sie griffen sich ein paar Fackeln und wankten durch die Straßen. „He ihr Langweiler, kommt mit an den Deich, wir wollen uns hochleben lassen.“ Sie wiegelten ihre Freunde auf und immer mehr Rungholter schlossen sich ihnen mit Fackeln an. Die meisten von ihnen wussten gar nicht um was für einen merkwürdigen Festzug es sich hier handelte. Sie zogen an den Deich bei dem großen Siel, der Schleuse. Sie waren so hochmütig und glaubten sie wären die Herren über die Kräfte der Natur und fingen an die Nordsee zu verhöhnen. „Trutz blanker Hans. Trutz blanker Hans.“ Der alte Fahrensmann und Fischer Klaas Klaasen lief kopfschüttelnd durch die Menge. „Ihr seit doch nicht mehr klug im Kopf! Denk ihr denn gar nicht mehr an die alten Geschichten vom mächtigen Seedrachen?“ Aber auf den Alten hörte schon lange keiner mehr. Wie im Wahn schwenkten sie alle ihre Fackeln und schrieen alle immer lauter im Chor: „Trutz blanker Hans. Trutz blanker Hans.“ Für meine Enkel und mich eine gespenstige Geschichte: Wasser und Himmel lichtlos, bleiern, fast vollständig schwarz. Davor das wütende Hüpfen der Flammen mit ihren rußigen dunklem Qualm. Das Licht des Feuers flackerte über verzerrte, schreiende Gesichter.-
In jedem Ozean schlummert ein wildes Tier, der Wasserdrache. Sein Mal ist so groß, das es mehrere Meeresriesen mit einem Haps verschlingen kann. Er ist so groß, dass er mit seinem gepanzerten Körper und Schwanz von einem bis zum anderen Ende des Ozeans reicht. Oft ruht er oder schläft, manchmal Jahrhunderte lang, aber-
Wütend faucht sein Atem über das Meer und baut Stürme zu Orkanen auf. Sein Schwanz zerfurcht die Meeresoberfläche. Der Ozean erhebt sich, riesige Wellen eilen in Richtung Nordsee. Viele Stürme rasen von mehreren Richtungen auf die friesische Küste zu. Wo sich zwei, drei von ihnen treffen, bauen sie sich zu Monsterwellen auf, den Kaventsmännern. Stimmen schreien mit dem Sturm
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Kommentare
manfred stiller schrieb am 2010-12-01 14:12:05:
danke matthias, habe mich sehr über deinen kommentar gefreut. glaube, dass die nächste geschichte nicht allzu lange auf sich warten lässt.
liebe grüße
manfred
Matthias schrieb am 2010-11-04 09:07:38:
Hallo Manfred,
tolle Geschichte, die den Leser in ihren Bann zieht und die Enkelkinder direkt einbindet. Jetzt bin ich aber auf weitere Geschichten gespannt.
Viele Grüße
Matthias
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