Die wunderliche Geschichte von Claudia (5)
von
Klaus Zankl
Fünfter Teil
Das Studieren ging zügig voran, es war zwar immer noch schwierig und zum Teil auch mühsam, aber es war mir tausendmal lieber, als in einem schweren Handwerksberuf zu arbeiten oder wie Martina den ganzen Tag an der Kasse zu sitzen.
Eines Mittags saß ich wieder in der Mensa; Tischmanieren kannte ich sowieso nicht und so schlang ich wie ein Wolf und schmatzte wie ein Schwein. Immer, wenn ich derart genußvoll beschäftigt war, vergaß ich die Welt um mich herum und konzentrierte mich nur auf das Essen. Als ich dann aber doch eine kurze Pause einlegen mußte, weil meine Speiseröhre die großen Brocken für einen Moment nicht mehr bewältigen konnte, nutzte ich die Zeit, um mir mit einer Serviette den Schweiß von der Stirn abzuwischen. Plötzlich zupfte etwas an meinem rechten Ärmel. Nanu, ich schaute mich verdutzt um, und wer saß da? Es war Claudia, nur Zentimeter von mir entfernt, die mir zutiefst in die Augen sah! Donnerwetter, damit hatte ich jetzt natürlich nicht mehr gerechnet! Wieder stellte ich mir die Frage, was ich nun tun solle. Ich war doch schon vergeben, was sie aber offenbar nicht wußte, sonst säße sie ja nicht neben mir! Nach einigen Sekunden der lähmenden Überraschung kehrte meine Handlungsfähigkeit zurück, ich beschloß, ohne mich weiter stören zu lassen, aufzuessen und dann einfach zu gehen. Nachdem der letzte Brocken geschluckt war, nahm ich mein Tablett und meine Tasche, lief zügig zur Geschirrückgabe und stellte das Tablett auf das dortige Fließband. Ich warf noch einmal einen Blick zu Claudia, sie schaute mir hinterher, klar. Ich konnte mir vorstellen, daß auch wieder ihre Freundinnen zugegen waren, denen sie ihren Plan bestimmt im Vorfelde mitgeteilt hatte. Ich schaute mich kurz um, konnte aber auf Anhieb niemanden erkennen, der die Szene beobachtet hätte. Wie auch immer, ich war in der Mensa fertig und ging nach draußen, um mit meinem Fahrrad nach Hause zu fahren. Ich spürte die ganze Zeit Claudias Blicke im Rücken; ein - oder zweimal schaute ich mich noch um, und tatsächlich, Claudia stierte mir durch die Fensterscheiben der Mensa hinterher. Ich fuhr nach Hause.
Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als Martina von meinem Schatten zu berichten, um künftigen heiklen Situationen, bei denen Martina vielleicht dabei gewesen wäre, verbal vorzubeugen. Kopfschüttelnd hörte sie die Geschichte von Claudia und mir und konnte es kaum fassen.
In der Folgezeit war es dann so, daß mein Telefon mehrere Male pro Tag läutete, ohne daß sich jemand gemeldet hätte. Morgens war das so, mittags war das so, abends auch und sogar tief in der Nacht. Ganz selten hörte ich beim Abnehmen ein trauriges „Entschuldigung“. Es war immer dieselbe Stimme, es war immer eine weibliche Stimme, und es war eine Stimme des Abschieds. Es war die Stimme Claudias, wie sie auch immer meinen Namen herausbekommen hatte.
Ging ich in die Stadt und sah ich in ihr einige Mädchen, die ich überhaupt nicht kannte, so zeigten sie vorwurfsvoll mit den Fingern auf mich und tuschelten. Sie schienen mich also zu kennen, sagten es mir aber nicht. Ging ich in die nächste Buchhandlung und stand dort ein Pärchen in der Ecke, so zeigte die Frau ihrem Begleiter meine Person. Ich konnte zwar nicht hören, was sie dem Manne zuflüsterte, aber ich hatte das Gefühl, sie sage, das ist derjenige, von dem ich dir immer erzählt habe. Lief ich über das Gelände der Hochschule, drehten sich desöfteren einige Studentinnen mit ernsten Gesichtern nach mir um und warfen sich geheimnisvolle Blicke zu.
Ja, war ich denn jetzt balla balla? Hatte ich einen Verfolgungswahn entwickelt? War der KGB hinter mir her? Hä?
Die anonymen Telefonanrufe hörten nicht auf. Tagein, tagaus, klingeling, klingeling. Ja, war denn Claudias Liebe zu mir wirklich so rein und so tief? Litt sie wirklich wie ein Tier, zumal sie zwischenzeitlich wohl herausbekommen haben dürfte, daß ich liiert sei? Oder war sie einfach nur verrückt? Was sollten die Anrufe? Wollte sie vielleicht nur meine Stimme hören? Oder wollte sie mich bloß ärgern? Natürlich hätte ich mir eine Geheimnummer geben lassen können, aber das war mir zu teuer.
Mein Telefon klingelte zwei Jahre lang. Inzwischen war ich mit meinem Studium fertig geworden und durfte mich daher „Diplom - Ingenieur“ nennen. Meine kleine Studentenbude hatte ich inzwischen aufgegeben und mir, zumal ich inzwischen Arbeit bekommen hatte, zusammen mit Martina eine größere Wohnung genommen. Der alte Telefonanschluß galt also nicht mehr. Bei der Beantragung des neuen zögerte ich lange, die Telefonnummer im Telefonbuch abdrucken zu lassen, letztlich stimmte ich aber zu und wartete gespannt auf neuerliche anonyme Anrufe. Diese blieben allerdings zu meiner Überraschung aus.
Claudia rief also nicht mehr an, auch ist es mittlerweile bestimmt zehn Jahre her, daß ich sie das letzte Mal gesehen habe; ihr Schicksal ist daher unklar. Hat sie sich umgebracht? Ist sie in der nächsten Nervenheilanstalt gelandet? Und wenn ja, warum ist sie nicht irgendwann wieder entlassen worden? Ist sie vielleicht weit weg gezogen? Hat sie längst geheiratet und ist sie dabei glücklich geworden?
Es liegt auf der Hand, daß Claudia, gleich, was nun aus ihr geworden ist, meine Wenigkeit für den Rest ihres Lebens nicht vergessen können würde. Claudia hatte sich jahrelang in stillem Schmerze und quälender, unerfüllter Sehnsucht verzehrt. Diese Schmerzen dürften so stark gewesen sein, daß sie längst zu einem unauslöschlichen Trauma mutiert waren und Claudia samt ihrer Familie wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang begleiten würden, wenn auch die Zeit die eine oder andere Wunde geheilt haben wird.
Was mich anbelangt, so habe ich diese Situation nicht vorsätzlich herbeigeführt. Ich habe niemandem eine Liebschaft oder Heirat versprochen, und der Umstand, daß Claudia mir immer schöne Augen gemacht hat, reicht, das wußte sie, beim gewöhnlichen Manne vielleicht aus, daß er sie anspricht, bei mir aber, das ahnte sie nicht, nicht unbedingt.
Ich wünsche Claudia das Beste!
Ende
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