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Kategorien > Urlaubserlebnis > Begegnungen

Distanzen

von zOe

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Als die beiden sich kennen lernten, trennte sie nicht mehr als ein halber Meter. Vorsichtig kamen sie ins Gespräch, jeder war sich nicht sicher, ob der Andere interessiert war. Doch sie war es. Er auch. Die laue Sommernacht im Ferienparadies wird beiden immer in Erinnerung bleiben. Am nächsten Abend trafen sie sich wieder, doch das hatten sie nicht abgemacht. Sie hatte sich gedacht, wenn sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort wäre, würde sie herausfinden, ob er interessiert war. Er dachte sich das gleiche. Also tauchte er auch auf. Ihr Herz begann zu tanzen, seines hüpfte erfreut ein paar Mal auf und ab, als sie sich erblickten. Sie setzten sich inmitten vieler Leute hin, wieder nur ein halber Meter. Den Lärm konnten sie problemlos ignorieren, für sie gab es nur ihre Unterhaltung. Sie lebten im Moment, keiner sah in die Zukunft und es fühlte sich gut an.
Doch die Zukunft kam schneller, als sie gedacht hätten. Seine Ankündigung, dass er am nächsten Tag nach Hause fliegen würde, liess ihr beinahe das Blut in den Adern gefrieren, doch sie wollte sich nichts anmerken lassen. Ihre scheinbar gleichgültige Reaktion stimmte ihn nachdenklich. Er war sich der Distanz bewusst, doch wollte er sie nicht verlieren, also sagte er sich, Junge, jetzt musst du dich ins Zeug legen. Zur gleichen Zeit war sie noch am überlegen, was sie jetzt tun sollte, denn auch sie hatte sich die Distanz schon vorzustellen versucht. Schon so oft war sie einfach von jemandem fortgegangen, hatte sich von neuen Freunden getrennt, ohne irgendwelche Anhaltspunkte oder Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme. Diesen Fehler würde sie nicht noch einmal machen. Aber sie musste wissen, woran sie bei ihm war. Also vertraute sie einfach darauf, dass er die entscheidende Frage stellen würde. Und er stellte sie tatsächlich. Sie gab ihm ihr Handy, freudig tippte er seine E-Mail Adresse ein, dann steckte sie sich das Telefon wieder in die Hosentasche. Nach weitern fünf Minuten trennten sie sich mit einem Händedruck und einem halb freudigen, halb traurigen Lächeln beiderseits. Sie drehte sich um und zog los, ihre Augen in den Himmel gerichtet. Er blieb noch ein paar Sekunden stehen und sah ihr nach. Ein Meter, zwei Meter, drei, vier. Dann machte er kehrt und ging, einen halben Augenblick später drehte sie sich scheu um. Da ging er dahin. Etwas wehmütig atmete sie auf, ging weiter. Einen weiteren Augenblick später warf er einen letzten liebevollen Blick über die Schulter. Zehn Meter, zwanzig, dreissig. Irgendwann hörten sie beide auf, innerlich zu zählen. Als sie sicher war, dass kein Mensch sie mehr sehen konnte, machte sie einen Freudensprung. Er setzte sich teilnahmslos und mit einem magischen Glänzen in den Augen zu seiner Familie.
Zwölf Stunden später sass er im Flieger. Hundert Kilometer, zweihundert, dreihundert. Irgendwann versuchte er, sich von ihr abzulenken, mit mässigem Erfolg. Zu Hause tröstete er sich damit, dass sie bald auch nach Hause fliegen würde, dann würde die Kilometerzahl wieder abnehmen. Wenigstens ein bisschen. Sie wartete ungeduldig darauf, dass ihr letzter Tag im Ferienparadies zu Ende gehen würde. Mit einem Kribbeln im Bauch sass auch sie einen Tag nach ihm im Flieger nach Hause. Tausend Kilometer. Neunhundert, achthundert, dachte sie. Er auch, aber das wusste sie nicht. Dann sass sie zu Hause müde vor ihrem Computer und starrte auf das noch leere E-Mail-Feld. Eigentlich war sie zu müde, um noch Mails zu schreiben, aber sie konnte nicht anders. Der Text wurde länger und länger. Und das wunderbare war, dass sie sich nicht einen Moment lang Sorgen machen musste, ihn zu langweilen, weil er ihr nie das Gefühl gegeben hatte, uninteressant zu sein. Diese Erfahrung war neu für sie. Bisher hatte noch kein Unbekannter von sich aus so viel Interesse an ihr gezeigt. Das war das, was sie am meisten an ihm mochte. Fünfhundert Kilometer, schoss es ihr durch den Kopf.
Fünfhundert Kilometer, überlegte er, als er die lange E-Mail zu Ende gelesen hatte. Da er gleich wieder weg musste, meldete er sich nur kurz, nur um zu zeigen, dass die Adresse auch wirklich stimmte, und er die Mail gekriegt hatte. Doch das reichte schon aus, um ihr Herz zum tanzen zu bringen. Sie öffnete ihr neues Lieblingsprogramm Google Earth. Als sie die weite Entfernung zum ersten Mal bildlich vor sich sah, wurde sie immer trauriger. Zürich – Köln. Weit. Wenn man es genauer nimmt, könnte man sagen Bern – Düsseldorf. Noch weiter. Man könnte es auch noch genauer nehmen, doch das brachte sie nicht übers Herz. Mehr als einmal überlegte sie sich, dass sie vielleicht glücklicher wäre, wenn sie sich nicht mehr so viele Gedanken machte über ihn. Doch sie schaffte es nicht. Er auch nicht.
So verlassen wir nun die beiden in der Gegenwart. Es gäbe verschiedene Szenarien für die Zukunft. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel: Sie schreiben sich noch ein paar Mal, jedoch immer weniger häufig und irgendwann verlieren sie den Kontakt. Sehr traurig. Zweite Möglichkeit: Sie schreiben sich sehr häufig und telefonieren ein paar Mal. Beide entwickeln immer stärkere Gefühle füreinander, doch es bricht ihnen das Herz, dass sie sich nie sehen können. Also beschliessen sie nach einem tränenreichen Telefongespräch, erst mal etwas weniger Kontakt zu haben. Auch traurig, aber vielleicht besser. Szenario Nummer drei: Sie entwickeln tatsächlich immer stärkere Gefühle und bringen es fertig, sich einige Male zu sehen, bis sie beide an ihre finanziellen Grenzen kommen. Und dann erst trennen sie sich. Das wäre das Todesurteil für ihre Herzen. Es gibt aber auch ein mögliches Zukunftsbild, das positiv ausgeht: Sie treffen sich bald wieder, lernen einander noch besser kennen und beide merken, dass sie einander wirklich sehr mögen. Sie macht dann ihr Abitur und er beendet erfolgreich die Berufsschule, während dieser Zeit schreiben und telefonieren sie oft. In den darauf folgenden Jahren, schaffen sie es, immer den Kontakt aufrecht zu erhalten und führen eine mehr oder weniger glückliche Fernbeziehung. Nach einiger Zeit zieht sie nach Deutschland, und sie beginnen zusammen ein neues, glückliches Leben.
Kurz zusammengefasst haben wir also drei negative und ein positives Ende für die Geschichte. Und immer noch fünfhundert Kilometer. Unsere weibliche Hauptperson sitzt in diesem Moment in der Schweiz vor ihrem Laptop und zerbricht sich den Kopf und höchstwahrscheinlich auch das Herz. Was die männliche Hauptperson macht, ist unbekannt.
In der nächsten Zeit, wird sich hoffentlich herausstellen, ob eines der oben genannten Szenarien eintreffen wird, oder ob das Leben spontan eine weitere Lösung bereit hält. Aber die fünfhundert Kilometer werden sich nicht einfach durch eine E-Mail verringern.

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Kommentare

zOe schrieb am 2008-01-05 20:33:13:
hallo hacker.
danke für deinen kommentar!
freut mich, dass du dir das so gut vorstellen kannst. und glaub mir: ich wäre tatsächlich lieber unbeteiligt.
heute, etwa drei monate danach, ist die qual immer noch da...
aber man schlägt sich durch, nicht wahr...
lg zoe
hacker schrieb am 2007-10-19 16:56:26:
hallo liebe zoe

erst mal danke für deinen kommi...

als ich begann deine geschichte zu lesen, hielt ich es für eine... geschichte... eine erfundene.

nein, sagt mein verstand... mein herz.
dies erlebst du gerade am eigenen leib... traurig.
ich persönlich finde deine geschichte! sehr ergreifend...
gott sei dank war ich noch nie in so einer lage... aber...
wenn ich so deine geschichte lese... du wärst auch lieber unbeteiligt.
würde mich interessieren wie es so weiter geht...
wünsche dir alles gute.

liebe grüße
hacker

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