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Kategorien > Fabeln & Märchen > Märchen

Drachen im Wind

von Beautiful Experience

(Enthält Samples aus Khalil Gibrans "Der Prophet")

Für Carlos


"Tief in unseren Herzen
haben wir
nie aufgehört
Kinder zu sein"

Tettipo stand vor der Inschrift und war wie versteinert. Sein Blick glitt immer wieder an den Buchstaben entlang, rauf und runter. Er konnte einfach nicht fassen, was da in den großen, moosbewachsenen Stein eingemeißelt war (HÖR AUF MIT DEM KINDERKRAM...).
Normalerweise gibt es das nur in Märchen, dachte Tettipo, aber das hier war kein Märchen. Das hier war echt (REAL, SAGT PAPA), so echt, dass er es mit Händen anfassen konnte, mit den Fingern die Kerben der Buchstaben..

...nie aufgehört...

..nachfahren konnte.
Nein, das hier (HÖR ENDLICH AUF DAMIT!), das war...(HÖR AUF ZU TRÄUMEN!)...Realität, Papa, so sagst du doch immer?
Tettipo konnte nicht anders (SEI EIN MANN, TETTIPO!), er spürte seine Tränen...salzig, sie schmecken salzig, Tettipo - wie lange hast du schon nicht mehr (FEIGLINGE...) geweint (FEIGLINGE WEINEN, KLEINER!), wie lange, Kleiner?
Warum hast du mich immer geschlagen, Papa, wenn ich weinte?
Warum? (ICH LIEBE DICH, SOHN)
Warum? (ICH MUSS DIR ETWAS SAGEN..)
Warum? (DU WIRST ERWACHSEN..)
Warum nur, Paps?
Warum nur muß ich erwachsen werden? Du bist immer so traurig, Paps, du lachst ja (ICH BIN ERWACHSEN, SOHN..) gar nicht mehr...

...in unseren Herzen...

Tettipos Finger schmerzten, so oft war er die Furchen entlanggefahren. Der Hinterhof war..(..SCHÄBIG UND EKELERREGEND)..irgendwie geheimnisvoll, fand Tettipo, während er die letzten Sonnenstrahlen beobachtete, die sich gerade noch so über den Dachfirst schmuggelten.
Ein unheimlicher und schöner Ort, wie in den alten Geschichten, die Papa (..VERBRENNEN!) früher immer erzählt (..WERDE ES VERBRENNEN, DAS MISTDING!) hatte, wenn Tettipo nicht einschlafen konnte.
Das Buch, das komische Buch, wie Paps immer sagte..aber erst später, kurz bevor (..TOT!) er es machte (..VERBRENNEN!).
Paps, weißt du noch, wie du damals gelacht hast?

Das erstemal...
Nie wieder hast du gelacht, Papa. Es war so schön, dich lachen zu sehen, aber du sahst so (..KOMISCH) komisch aus, du warst böse..
Du lachtest und du warst böse, böse, böse...
Paps?
Mach mir bitte keine Angst, Paps!
Du machst (DAS BUCH IST..)
mir Angst (..TOT,TOT!), Paps.

Tettipo schaute sich um. Inzwischen war es so dunkel, dass er die Inschrift nicht mehr lesen konnte.
Das Moos fühlte sich gut an, so wunderschön weich...

Wie alt bist du wohl, Stein?
Ich bin Tettipo, und ich bin zwölf!
Mit zwölf ist man schon fast erwachsen, ernst und traurig...
Bist du erwachsen, lieber Stein? Du bist sehr alt, aber du bist nicht erwachsen, Stein.
Dein Herz...
"..schlägt schneller, nicht wahr, mein Freund? Ohne Zweifel aber ist es nicht so ruhig. Der Rhythmus des Steins mag ein anderer sein, doch ich sage dir: Wenn du die Tiefen deiner Seele erkennst und die Höhen des Raums erklimmst, wirst du nur eine Melodie vernehmen, und in ihr singt der Stein mit dem Stern in vollendetem Gleichklang.
Wenn du meine Worte nicht verstehst, dann warte, bis ein neuer Tag beginnt.."

Tettipo taumelte zurück. Es war ihm, als hätte eine Stimme direkt in sein Herz gesprochen (..SCHWACHSINN, FIRLEFANZ, MÄRCHEN!).
Der Wind in meinem Haar, schoß es Tettipo durch den Kopf, meine verrückte Phantasie..aber wenn er nun doch zu mir gesprochen hat?
Tettipo rannte, was die Beine hergaben! Das war ihm nun doch zu unheimlich, irgendwo hat schließlich alles seine Grenzen, und überhaupt: so was gibt es ja nur in Märchen!
Und Märchen sind (..KINDERKRAM!) nur was für Kinder, Kleiner!

Paps hat mir mal eine schöne Geschichte erzählt, damals, als er noch mit mir spielte und lachte,als wir meinen kleinen himmelblauen Drachen im Wind tanzen ließen - weißt du noch, Paps, als du noch nicht erwachsen warst?
Wir waren müde, stolperten und purzelten gerade so ins Gras. Du holtest ein kleines Buch hervor und erzähltest mir, was passiert, wenn ich...
"...warte, bis ein neuer Tag beginnt. Wenn du diesen Stein verwünscht hast, weil du in deiner Blindheit über ihn gestolpert bist, dann wirst du auch einen Stern verwünschen, sollte dein Haupt mit ihm am Himmel zusammenstoßen.
Doch der Tag wird kommen, da wirst du Steine und Sterne sammeln, wie ein Kind die Lilien des Tales pflückt, und dann wirst du wissen, dass all diese Dinge leben und köstlich duften."
Deine Augen hatten geglänzt, als du mich in den Arm nahmst, und ich fühlte, dass du glücklich warst, Papa. Wir waren beide sehr glücklich, damals. Alle drei - bis Mama gegangen ist. Sie war plötzlich einfach nicht mehr da und ist nie wieder gekommen.
Du sagtest, sie hat uns verlassen. Verlassen, sagtest du, und seitdem hast du nie mehr gelacht...

Tettipo rannte nicht mehr, Tettipo weinte. Der Stein hatte ihm das Weinen wieder beigebracht: das Weinen, wenn man sich freut und das Weinen, wenn man traurig ist, Papa..
Der Stein ließ ihn weinen (warum durfte ich nie bei dir weinen?) und sagte ihm Dinge, die er lange nicht gewusst hatte.

Die Buchstaben waren noch frisch, und hier war kein Moos...

Warum konntest du mir so lange nicht sagen, wo Mama ist? (DAS LEBEN IST ERNST, MEIN JUNGE. ES IST KEIN SPIEL.)
Mama ist tot! Tettipo schrie es, so laut er konnte, er schrie es immer wieder.
Sie hat uns nicht verlassen! Sie ist tot!
Damals war etwas mit Papa passiert. Es war anders als sonst.
Er wurde nicht böse, er schrie nicht, er murmelte nur etwas vor sich hin:
"Du packst mich, wenn ich es nicht erwarte, mitten im Leben zeigst Du Dich mir.."
..und seither hat er nie mehr etwas gesagt. Er schaute mich nur noch stumm und traurig an, wenn ich von der Schule heimkam, und richtete mir etwas zu essen.
Seine Arbeitsstelle hatte Paps schon lange nicht mehr; wir mussten umziehen in eine Gegend, die Paps früher schäbig genannt hätte - früher, als er noch erwachsen und nicht tot war, so schrecklich tot, weil kein Leben mehr in ihm ist.
Paps wird noch nicht mal jetzt böse sein, jetzt, wo ich viel zu spät nach Hause komme; er wird nicht mal schimpfen, wenn er meine glänzenden Augen sieht..

Tettipo schluckte, dann ging er die steile Treppe hinauf.

Er nahm seinen Vater bei der Hand und führte ihn durch enge und verwinkelte Gassen.
Früh am Morgen, hatte der Stein gesagt..
Moosbewachsen waren die Zeichen, die in den Stein gemeißelt waren, vor langer, langer Zeit.. Die ersten Boten der Sonne blinzelten verstohlen, als Tettipo Hand in Hand mit Paps einen geheimnisvollen Hinterhof wiederentdeckte..
Und Tettipo weinte, als er das Herz des Steins schlagen hörte, erst ganz, ganz leise, dann tief in seinem Herzen..
..und er weinte, als er Paps sah, dessen Augen voll waren von Tränen, die ihren eigenen Weg gehen wollten, den Weg, den sie so lange nicht gehen konnten..
..und er weinte, als der Stein tief in ihren Herzen zu sprechen begann:
"Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennenlernen.
Aber wie werdet ihr es finden, wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?
Die Eule, deren Nachtaugen am Tag blind sind, kann das Mysterium des Lichts nicht entschleiern.
Wenn ihr wirklich den Geist des Todes schauen wollt, öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins, so wie der Fluß und das Meer eins sind.
In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits;
Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.
Eure Angst vor dem Tod ist nichts als das Zittern des Hirten, wenn er vor dem König steht, der ihm zur Ehre die Hand auflegen wird.
Freut sich der Hirte unter seinem Zittern nicht, dass er das Zeichen des Königs tragen wird?
Doch gewahrt er sein Zittern nicht viel mehr?
Denn was heißt sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen?
Und was heißt nicht mehr zu atmen anderes, als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien, damit er emporsteigt und sich entfaltet und ungehindert Gott suchen kann?

Nur wenn ihr vom Fluß der Stille trinkt, werdet ihr wirklich singen.
Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt, dann werdet ihr anfangen zu steigen.
Und wenn die Erde eure Glieder fordert, dann werdet ihr wahrhaft tanzen.."

Der Rhythmus des Steines klang noch in ihren Herzen nach, als Tettipo zu seinem Vater aufschaute, dessen Augen glänzten und dessen Lippen sich öffneten:
"Es gab mal ein Buch, ein kleines Buch, das ich sehr liebgewonnen hatte und das mir irgendwann verlorenging.
Ich glaube, nichts geht verloren von dem, was wir wirklich lieben.
Tief in unseren Herzen haben wir nie aufgehört, Kinder zu sein.
Und es ist eine große Kunst, erwachsen zu werden und Kind zu bleiben."
Und Tettipo lächelte glücklich...

Kommentare

Kaktus schrieb am 2006-04-20 18:07:24:
Eine sehr schöne und zum nachdenken anregende Geschichte. Die Dramatik nimmt genau an der richtigen Stelle und fesseld den Leser bis zum Ende. Wirklich richtig gut. mfg Kaktus

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