Duft der Zitronen
von
Dirängoli
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Duft der Zitronen
Wo unsere Straße in die Hauptstraße endet, steht ein alter Ahornbaum. Sein dichtes Laub schwankt wehmütig, wenn der herbstliche Westwind kurz auffrischt. Sogleich segeln rot glänzende Blätter zu Boden. Mit jedem einzelnen Blatt, das der Wind dem Baume entreißt, nimmt auch das aufgeregt tanzende Schattenmuster auf dem grauen Gehsteig neue Formen an, während die Sonnenstrahlen dem stetig kahler werdenden Baum eine eigenartige Größe verleihen.
Mein Weg führte mich zu dem Gasthaus, dessen graue Fassade sich am Ende der anderen Straßenseite gegen den violetten Abendhimmel abzeichnete. Auf der Straße schieben sich die Autos entlang, sicherlich viele Geschäftsleute, die ihren Wohnsitz in einer der umliegenden Dörfer haben und nun nach getaner Arbeit die Stadt verlassen. Manche nehmen auch die erste Ausfahrt Richtung Süden, hatte ich gehört.
Als ich das Gasthaus erreichte, war es bereits merklich dunkler geworden. Um neun Uhr würde ich mich hier mit einem guten Freund zum Kartenspiel treffen. Das Kartenspielen war schon beinahe zu einem Ritual geworden und war sicherlich eine der Wurzeln, die unsere Freundschaft seit Langem verband. An den meisten Abenden waren wir mehr Spieler, manchmal zählte unser Kreis sogar bis zu einem Dutzend guter Freunde und Bekannte. Doch heute hatten sich die meisten auf Grund anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen müssen oder waren zu Hause erst gar nicht anzutreffen gewesen.
Ich betrat die kleine Gaststube, ein Zimmer mittlerer Größe. An einer mit hellem Holz getäfelten Wand hingen einige Familienfotos, darüber eine kunstvoll gefertigte Wanduhr.
Als ich meine Jacke an die Garderobe hängen wollte, bemerkte ich, dass mich eine eigenartige Kälte durchfloss und entschied mich die Jacke anzubehalten. Der Kachelofen, in dem einst wärmende Flammen flackerten wurde heute nicht benutzt.
Ich sah mich um und hoffte, wie üblich bekannte Gesichter zu erblicken. An einem Ecktisch im hinteren Teil der Gaststube saß ein älteres Ehepaar aus meiner Nachbarschaft. Obwohl sich die beiden wortlos anblickten, mein Eintreten sie also kaum in einem Gespräch unterbrochen haben konnte, fühlte ich, dass sie meine Anwesenheit störte. Ich wandte meinen Blick ab. Ich wollte es nicht darauf anlegen, mein Gefühl durch eine unfreundliche Erwiderung meiner Begrüßung bestätigt zu bekommen.
Einige Tische weiter saß ein junger Mann. Ich sah in jedoch nur von der Seite und erblickte seine schmalen Wangen. Vor ihm stiegen dünne Rauchschwaden empor, in seiner Rechten hielt er eine Zigarette.
Ich setzte ich mich an unseren Stammtisch und schob meinen Ärmel zurück, griff in meine Jackentasche und holte die Spielkarten heraus. Diese blätterte ich auf und begann zu mischen.
So saß ich da. Die Bedienung schien offenbar keine Notiz von mir zu nehmen. Erst nach einem auffälligen Winken kam sie zu mir, um meine Bestellung aufzunehmen. Als mein Getränk kam, legte ich die Karten beiseite und blickte auf die Uhr. Es war bereits 10 Uhr. Dann blickte ich aus dem Fenster, doch die tiefe Finsternis verhüllte selbst die kleinen Lichter, die manchmal von den Straßenlaternen herüberleuchteten. Die Scheibe war jetzt wie ein Spiegel. Ich betrachtete mein Gesicht. Ich sah älter aus, ernster. Die Augen ein wenig müde, meine runde Nase und der gestrichene Mund. Erst als ich mich ein wenig zurücklehnte, sah ich auch meinen Körper. Augenblicklich bemerkte ich meine Steifheit. Ich hatte meine Hand zu einer Faust geballt. Nicht, dass ich dazu Kraft gebraucht hätte, eher erschien es mir wie ein natürlicher Reflex, vielleicht auch auf Grund der immer noch herrschenden Kälte im Raum.
Dann mit einem Male sah ich ihn, erkannte ihn. Ich blickte noch einmal in die Scheibe. Jener junge Mann, der dort am anderen Ende der Stube saß, war mein Kamerad, auf den ich nun seit einigen Stunden gewartet hatte. War es die Ungeduld gewesen, welche dieses Bild geformt hatte, welche den Schleier des Fremden so plötzlich zerstäubte?
Ich konnte mir nicht erklären, warum ich ihn nicht erkannt hatte, als ich die Gaststube betreten hatte.
Langsam stand ich auf, schob die Spielkarten zusammen und ging zu seinem Tisch, bis ich direkt hinter ihm stand. Er hatte mich noch nicht bemerkt. Ich stockte. Für einen Moment schien mir sein Namen entfallen zu sein.
„Hallo!“ Ich fuhr ihm kurz mit der Hand über die Schulter und trat neben ihn.
„Es tut mir Leid, dass es so spät geworden ist.“ Mir wäre es unangenehm gewesen, ihm zu erklären, warum ich all die Stunden nur wenige Meter von ihm entfernt gesessen war, ohne ihn zu erkennen.
Er hatte die Augen an die Wand gerichtet und blickte mich nur aus den Augenwinkeln an: „Es ist bald Mitternacht.“
Und als habe er meine Entschuldigung kaum wahrgenommen, fuhr er fort: „Du kommst spät, aber nun können wir mit dem Kartenspiel beginnen.“
Seine Stimme klang tief. Er musste ein paar Mal kräftig husten, zündete sich erneut eine Zigarette an und schob mir mit seinem rechten Fuß einen kleinen Hocker unter dem Tisch hervor, auf den ich mich setzte.
Nachdem ich die Karten verteilt hatte, begannen wir zu spielen. Ich hielt meinen Kopf gesenkt. Inzwischen war es still geworden in der kleinen Gaststube und auch wir wechselten kaum unnötige Worte. Gleich zu Beginn konnte mein Gegenüber einige gute Stiche einfahren.
Ich hingegen war eigenartig unkonzentriert. Ich stütze meinen Kopf und rieb mit den Finger über meine Schläfen.
Woran mochte es liegen, dass ich heute kein Glück hatte. Mit meiner Erfolglosigkeit überkam mich auch ein Gefühl der Langeweile. Ist ein Kartenspiel nicht ohnehin nur eine Frage des puren Zufalls. Sicherlich ist es das. Aber dann war auch jede Minute, die man damit verbrachte, vergeudete Zeit. Was war es nur gewesen, dass mich all die Jahre zum Kartenspiel in diese Kneipe gelockt hatte. Ich kannte die Antwort. Es war die wohltuende Gemeinschaft meiner Freunde gewesen. Viele Abende hatten wir hier Karten gespielt, während der raue Alltag mit einigen Gläsern Bier ertränkt wurde. Wie sehr hatte ich es genossen mit meinen Freunden am Kachelofen zu sitzen und mich an dem flackernden Feuer zu wärmen, während draußen die eisigen Stürme übers Land peitschten.
Langsam blickte ich von meinen Karten auf und betrachtete meinen Gegenspieler. Sein Gesicht war fahl und über seinem breiten Mund zackte sich seine kantige Nase. In den tiefen Augenhöhlen sah ich seine Pupillen glänzen. Immer wieder stieß er den grauen Rauch aus seinem Mund. Nun beugte er sich über den Aschenbecher. Er nahm seine Zigarette aus dem Mund. Langsam senkte er seine Hand und presste den Stummel in dem Aschenbecher aus. Noch einmal stieg ein fader Rauchstreifen auf, dann erlosch die Glut.
Doch im selben Moment ging ein kühler Luftzug durch den Raum. In der Luft tänzelten einige Ascheteilchen.
Wir waren jetzt die letzten Gäste in der engen Gaststube. Vielmehr wären wir Gäste, wäre noch eine Bedienung anwesend gewesen.
Ich beobachtete die dicken Rauchschwaden, die sich unter
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Kommentare
thecos.silvereagle@gmx.net schrieb am 2008-01-17 22:37:13:
Hi Andreas,
ich habe deine Kurzgeschichte gerade gelesen und bin äußerst fasziniert von deinem eigenen, individuellen und sehr sympatischen Schreibstil, der zusammen mit deinen Worten die Gefühle und eindrücke sehr gut wiederspiegelt. Ich war sehr gefesselt. Es ist nicht wirklich ein Thema, das ich beschreiben würde, aber mir gefällt die geschichte trotzdem. Ist das deine einzige Kurzgeschichte? Zumindest habe ich auf dieser Seite keine mehr von dir gefunden.
Mach weiter so,
Thecos Silvereagle.
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