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Kategorien > Gedanken > Liebe

EINS

von Fran

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Es begann im Sommer 2000.
Damals noch in einer absoluten Chat-Sucht-Phase, wie vermutlich jeder Teenie in dem Alter, gab es nichts anderes außer den „Dome“. Der Unterschied jedoch war, das es nicht nur eine virtuelle Welt war – die Menschen fingen an, sich zu treffen, Partys zu machen und die legendären Tiergarten-Treffs zu organisieren.

Der „Berlin-Raum“ bekam Zuwachs … ein schwuler Freund eines Freundes und so weiter. Ein arroganter und überheblicher Typ. Man konnten sich von Anfang nicht „riechen“ . Es verging kein Tag, an dem sie sich nicht in den Haaren hatten. Seine besserwisserische Art machte sie wahnsinnig.

Eines Tages kam er zu einem der Tiergarten-CT’s. Sie, damals noch mit schwarz-roten Rastazöpfen, wusste das vorher – und war natürlich mehr als gespannt auf diesen Menschen, der sich für den Mittelpunkt des Universums hielt. Sie dachte, dass es sicher spannend werden würde – und ging davon aus, dass es real genauso enden wird wie im Chat – mit ganz viel bösem Blut.

Es kam alles ganz anders.






Diese Sprachlosigkeit, die einen eiskalt erwischt, die das denken verhindert – sie traf das Mädchen völlig unerwartet – und mit voller Wucht. Ein Blick – und es war für immer entschieden. Ein Gefühl, als existiere zwischen diesen beiden Menschen ein unsichtbares Band, das sie alle die Jahre aufeinander zugezogen hat – ob sie es wollten oder nicht.

Natürlich ließ weder er, noch sie es sich anmerken – Maskerade ist alles. Sie lachten viel, sie zogen sich gegenseitig auf – es war einfach nur ein schöner Nachmittag.


Im Chat bot sich das übliche Bild: sie stritten sich bis auf’s Blut.
Eines Tages lud eine gute Freundin zum Geburtstag – an einem See, mit Lagerfeuer und dem vollen Programm. Auch er war da. Er stand am Lagerfeuer, den Rücken ihr zugewandt. Sie ging zu ihm, umarmte ihn von hinten, ihre Hände fanden unbewusst den Weg unter sein Shirt, er nahm sie fest in den Arm – und so standen sie dort. Eine sehr lange Zeit. Niemand sagte etwas. In ihr breitete sich das Gefühl einer unglaublichen Ruhe aus - sie war zu Hause angekommen.





In der nächsten Zeit änderte sich nicht viel. Sie hassten uns im Chat, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, jemals zu ihr etwas Nettes gesagt zu haben – real aber waren sie eins. Nur sie.
Virtuell wies er sie immer ab. War kalt. Eiskalt. Das macht ihr sehr zu schaffen. So sehr, dass sie einen schwachen Moment hatte und ihn anrief (sie saß weinend vor der Duschkabine im Bad, in der gemeinsamen Wohnung der Schwester und ihr – als sie wieder raus kam, packte sie ihren Krempel und verließ ohne ein Wort die Wohnung. Der Besuch, der extra aus Kiel kam, starrte ihr nur ungläubig hinterher).

Sie machte sich auf den Weg zu ihm.
Er ließ sie sogar rein - was nicht ganz so normal war, wie man glauben möchte. Es kam schon desöfteren vor, das er sie nach 2 Stunden Fahrt vor der Tür hat sitzen lassen.

Doch dieses Mal nicht. Es war schon dunkel, drinnen brannten Kerzen (unter anderem einer dieser dicken, riesengroßen Kerzen, die aus 10 verschiedenen Kerzen zusammengeschmolzen sein schienen – 2 weitere hingen in Haltern an der Wand). Er saß in seinem Bürostuhl, sie ihm gegenüber. Und sie redeten. Stundenlang. Sie tranken Wein (Liebfraumilch – das wird sie nie vergessen) und er erzählte von seinem damaligem Studium.
Sie vergaß alles um sich rum – und konnte sich nicht erklären, was es war. Es gab nur ihn. Sie dachte: Red weiter – sprich einfach weiter, für immer – ich höre Dir zu.





An diesem Abend merkte sie, was Liebe ist. Nicht das abgedroschene Wort, das jeder ohne Respekt, ohne Wissen verwendet. Nein, das Wort – das alles bedeutet. Alles. Er zeigte es ihr. Sie begann, Momente genießen zu können. Es gab nur sie beide – alles andere war farblos, hatte keine Bedeutung mehr.

Es war der Moment, wo sie es nicht nur bemerkte, sondern wo sie es auch mit jeder Faser ihres Körpers, ihrer Seele spürte - dieser Mann, der ihr gegenüber saß, war SIE. Und SIE war ER. EINS.
Sie schliefen miteinander. Es war für das Mädchen ein sehr merkwürdiges Gefühl, mit einem Mann zu schlafen, der eigentlich Männer liebte. Aber sie versuchte nicht daran zu denken. Danach stand er auf und ging an seinen Computer. Sie schlief ein – allein.

Allein – so wachte sie auch wieder auf. Sie ging ins Bad. Im Spiegel schaute ihr ein Mädchen entgegen, das um Jahre gealtert schien. Ein Mädchen, das begriff, was sie getan hatte. Was sie für einen Fehler begangen hatte. Sie hatte ihre Seele verschenkt.

Sie bekam sie nie wieder zurück.






Das Mädchen wurde schwanger.
Als sie es ihm sagte, verleugnete er, jemals mit ihr geschlafen zu haben – er sei schließlich schwul. Jeder glaubte ihm, sie war die Lügnerin. Sie verlor eine Menge Freunde, die keine waren. Etwas zeriss in ihr. Etwas, das nie wieder geschlossen wurde.

Sie behielt das Baby nicht.





Er zog nach Nürnberg – mit seinem Freund. Jahrelang gab es alle paar Monate Kontakt, wo sie beschlossen – JETZT! Aber er hatte Angst. Er wusste, dass dieses Mädchen sein Glück war. Und gleichzeitig sein Verderben. Er wusste, tut er es – ist er verloren. In ihr.
Er hatte Angst – und trat jedesmal den Rückzug an.



Eines Tages kam er mit seinem Lebensgefährten nach Berlin.
Das Mädchen hatte mittlerweile eine Tochter und nahm sie mit, um sich mit ihm zu treffen. Die Begrüßung fiel kühl aus – sein Freund beobachtete sie mit Argusaugen.

Sie fuhren zu ihr nach Hause. Er saß im Auto neben ihr – sie schauten sich an –
EINS. Dieser eine Blick genügte, um zu wissen, dass es sich nie ändern wird, egal, wie oft sie versuchten, sich etwas vorzumachen. Dieser eine Blick war es, der alles sagte. Sie schauten sich nicht die Augen, sie schauten sich in die Seele. Es wird immer nur sie beide geben. Es gab kein zurück. Es war und ist ein Fluch.




Die Jahre vergingen. Sie vergingen immer nach dem gleichen Schema. Alle paar Monate gaben sie zu, dass es nur sie beide gibt, das es immer so bleiben wird. Aber er traute sich nicht. Er fand immer wieder Ausreden, um den letzten Schritt nicht gehen zu müssen.

Bis zum 06.11.2010.


Sie kämpfte – sie kämpfte dafür, dass sie mit ihm reden konnte. Sie lebte jahrelang mit dem Gefühl, nicht ganz zu sein. Sie wollte es nicht mehr. Sie konnte es nicht mehr.
10 Jahre sind genug.

Sie verlobten sich – sie wollten heiraten. Jetzt sollte endlich dieser Schritt getan werden.

Er sagte it feels alright, but never complete... without you.
Er sagte Ich habe deinen Ring schon – du kennst mich zu gut.
Er sagte Meine entscheidung steht. das einzige, was jetzt noch dazwischen kommen könnte, wäre ein sinneswandel deinerseits.
Er sagte Mach dir keinen kopf. ich vertraue dir
Er sagte Ich werde das sicher nie vergessen können. egal, ob etwas neues anfängt oder nicht. ich war zu feige mein kind anzunehmen und es damit dem tod geweiht
Er sagte Ich will dich, ich will euch. diesesmal gibt es für mich daran

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