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Kategorien > Endzeit > Nachdenkliches

ENERGY

von Arno Wiesenberger

In den Abendnachrichten dreht sich heute alles nur um ein Thema. Ein seltsamer Komet, der erst vor ein paar Tagen von den Astrologen entdeckt wurde, nähert sich gefährlich nah der Erdumlaufbahn. Seltsam deswegen, weil er eingehüllt in blauen Nebel, seine Form ständig verändert. Mal ist er rund, dann viereckig, zeitweise sogar achteckig, bis er sich wieder rundet. Beachtlich ist auch seine Reisegeschwindigkeit von annähernder Lichtgeschwindigkeit, was erklären lässt, das man ihn erst vor kurzem entdecken konnte. Auch seine Größe von zwei Kilometern Durchmesser macht ihn sehr bedrohlich. Laut genauen Berechnungen wird er um 2.54 MEZ in ca. 40 Kilometer Höhe unsere Erde am Nähesten sein, um dann wieder im Nichts zu verschwinden. Störungen auf der Erde sind nicht zu erwarten. Warum der Asteroid eine blaue Aura hat und seine Form verändert, konnten die Wissenschaftler noch nicht klären. Da der Himmel über Deutschland dicht bewölkt ist, wird man ihn mit bloßem Auge nicht beobachten können.
"Typisch" sagt Frank Klein zu seiner Frau Ellen. "Endlich gibt's mal was besonderes am Himmel und wir sehen nichts". "Ist mir egal" gähnt Ellen. "Ich gehe jetzt zu Bett, Hauptsache er landet nicht auf unserem Dach". Am nächsten Morgen wacht Ellen als erste auf. "Verdammt Frank, du hast vergessen den Wecker zu stellen" .Frank steht Sekunden später senkrecht im Bett. "Wie, was, warum? Wie spät ist es denn?" antwortet er verschlafen. "Keine Ahnung, aber es ist schon hell draußen". "Oh nein, der Radiowecker geht nicht, Ellen, ich glaube wir haben Stromausfall" brummelt Frank. "Stimmt, meine Nachttischlampe brennt auch nicht. Bestimmt wieder diese blöde Sicherung" . Er taumelt zum Sicherungskasten und knipst an den Automaten. "Nein Ellen, an der Sicherung liegt es diesesmal nicht, denn die Heizung funktioniert auch nicht mehr" ."Na super!" antwortet Ellen genervt. "Ein November Montagmorgen also, wie er im Buche steht. Gib mir bitte mal das Telefon, ich muss gleich meinen Chef anrufen dass es etwas später wird". Ellen tippt die Nummer ihrer Kanzlei ein, bis sie bemerkt, dass das Telefon absolut tot ist. "So ein Mist Frank, jetzt lässt mich dieses Ding auch noch in Stich". "Nimm mein Handy, das liegt auf dem Nachttisch" brüllt Frank aus der Toilette. "Akku leer, dein verdammtes Handy ist nicht geladen" ruft Ellen jetzt schon fast hysterisch. "Muss denn heute Morgen alles schief gehen?" Frank fällt plötzlich auf, das ihn auch sein Gehör verlassen haben muss. Er hört keine Autos auf der sonst so dicht befahrenen Strasse vor ihrer Haustür. Ein Blick aus seinem Fenster im Badezimmer bestätigt ihm das fehlende morgendliche Verkehrschaos. Nicht ein einziges Auto weit und breit. Wie kann das sein, heute ist Montag und ganz bestimmt kein Feiertag, so etwas würde ihm niemals entgehen. Einige Leute stehen auf der Straße und scheinen sich aufgeregt über etwas zu unterhalten. Halb angezogen treffen sich die beiden im Wohnzimmer wieder. "Sogar meine Armbanduhr ist stehen geblieben" berichtet Ellen während sie sich frierend ihren dicksten Pullover überstreift. "Nicht nur deine, meine hat auch ihren Geist aufgegeben" erwidert Frank. Plötzlich zucken beide wie erstarrt zusammen. Kuckuck, Kuckuck, kreischt achtmal der hässliche Vogel einer alten Uhr aus dem Schwarzwald. "Jetzt wissen wir jedenfalls , wie spät es ist , schmunzelt Frank und zieht intuitiv die Tannenzapfen an der Kette nach unten, um die mechanische Uhr am Leben zu erhalten. "Ich hab noch ein Radio, das mit Batterien funktioniert, lass uns doch mal kurz die Nachrichten hören" "Mach aber schnell, ich muss ins Büro". Frank dreht an sämtlichen Knöpfen, kontrolliert den richtigen Sitz der Batterien, aber aus dem Radio kommt kein Ton. "Scheiß Technik !" flucht er und haut mit der Faust auf das Radio . "Das hilft uns jetzt auch nicht weiter, lass uns fahren, im Auto können wir auch noch hören".
Sie steigen ins Auto, schnallen sich an und Ellen zündet sich eine Zigarette an. "Muss du uns jetzt auch noch vergiften?" "Bitte Schatz fahr los, mir reicht es für heute". Frank weiß, dass er jetzt besser nichts mehr sagen sollte und dreht am Zündschlüssel. So sehr er sich auch bemüht, es passiert nichts. Nicht mal das sonst so gewohnte Kontrolllicht leuchtet auf. "Ellen, ich glaube wir haben ein neues Problem, heute scheint sich alles gegen uns verschworen zu haben." "Mir reicht's !" flucht Ellen. "Ich fahre jetzt mit der U-Bahn." Aber...." Frank versucht noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist und hört nur noch das laute Knallen der Autotür. Als Frank vor der aufgeklappten Motorhaube nach der Ursache sucht, hört er plötzlich eine Stimme aus dem Nichts: "Geben sie sich keine Mühe , kein Auto lässt sich heute morgen starten. Irgendwie funktioniert nichts mehr in dieser Stadt." "Warum? Was ist passiert?" fragt Frank den Passanten auf dem Fahrrad. "Weiß ich auch nicht, vielleicht hängt es mit dem Kometen zusammen. Jedenfalls streikt heute alles ,was mit Strom betrieben wird. "Aber wenigstens geht ihre Armbanduhr noch" fällt Frank sofort auf. "Das ist auch noch eine, die man am Rädchen aufziehen muss" antwortet der Passant, während er fest in die Pedale tritt. Wütend knallt Frank die Motorhaube seines Autos zu und bewegt sich in Richtung U-Bahn. Erst jetzt fällt ihm das hektische Treiben auf den Straßen auf. Auf halbem Wege kommt ihm winkend Ellen entgegen. "Die U-Bahn geht auch nicht" ruft sie Frank schon von Weitem zu. "In welchem Albtraum befinde ich mich eigentlich" murmelt Frank vor sich hin. "Was machen wir jetzt?" Ellen laufen die Tränen durch das Gesicht. "Jedenfalls nicht verzweifeln. Lass uns in die Stadt gehen und sehen was los ist" tröstet Frank.
Nach 20 Minuten Fußmarsch in Richtung Innenstadt geht nichts mehr. Die ersten Anzeichen von Chaos schweben in der Luft. Menschenmassen strömen in die Lebensmittelgeschäfte und versuchen mitzunehmen was sich tragen lässt. Die Regale leeren sich schnell und mangels Kassen wird nur noch pauschal abgerechnet, um überhaupt noch Geld für die Ware zu erhalten. Andere Geschäfte machen erst gar nicht auf. "Wir müssen uns auch mit Lebensmitteln versorgen. Wer weiß, wie lange dieser Zustand noch anhält." rät Ellen. " Ich könnte nur mit Karte bezahlen, aber das fällt ja wohl aus. Hast du noch etwas Geld in der Tasche ?" "Nicht viel, aber lass uns kaufen, was noch zu holen ist." antwortet Ellen ängstlich. Unweit von ihnen prügeln sich schon die ersten Menschen um die letzten Büchsen im Regal. Polizisten, die sich nur noch zu Fuß bewegen können, sind der aufgebrachten Menge kein Hindernis. Als die ersten Warnschüsse aus den Dienstpistolen fallen, gerät das Geschehen mehr und mehr außer Kontrolle.
Was in München passiert, passiert zeitgleich auf der ganzen Welt. Das Naturgesetz vom fließendem Strom scheint nicht mehr zu existieren. Sogar Solaranlagen, Batterien und Notstromaggregate verweigern ihren Dienst. In den Krankenhäusern sterben die ersten Menschen an den Folgen der ausgefallenen elektrischen Geräte. Notoperationen müssen bei Kerzenlicht durchgeführt werden. Selbst Flugzeuge, die sich zum Zeitpunkt des Totalausfalles in der Luft befanden, mussten im Gleitflug notgelandet werden, Schiffe treiben manövrierunfähig im Wasser und U-Boote versinken in den Tiefen der Meere. Kein Computer, Telefon, Funk- oder Faxgerät tritt seine Dienste an. Kommunikation auf schnellem Wege ist nicht mehr möglich. Sechs Milliarden Menschen leben von einer Sekunde auf die andere ohne Strom. Ausgelöst durch einen Asteroiden, der uns noch nicht einmal berührt hat, versinkt die Welt im Chaos. Und das schon wenige Stunden nach dem Ereignis.
"Lass uns schnell nach Hause gehen , da sind wir wenigstens vor dieser aufgebrachten Horde sicher" versucht Frank, Ellen zuzurufen, die ständig von ihm abgedrängt wird. Gierige Hände, die plötzlich aus der Menschenmenge nach ihren wenigen Lebensmittel fassen, machen ihr das Weiterkommen fast unmöglich. Erst nach einer Stunde erreichen die beiden ihre Haustür. "Sie haben mir die Tüte aufgerissen , ich konnte nichts von dem retten, was ich gekauft habe", stellt Ellen mit verbitterter Stimme fest. "Hauptsache wir sind erst einmal in Sicherheit". "Wie kann das alles möglich sein Frank? Ich verstehe die ganze Sache nicht" sagt Ellen verzweifelt. "Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Das einzige, was ich weiß ,ist, dass es bei der Explosion einer Atombombe kurzfristig zu ähnlichen Ausfällen kommen soll. Lass uns schnell Wasser abfüllen , bevor der Druck in den Leitungen sich abbaut". "Was passiert, wenn der Strom nicht wiederkommt?" "Dann willkommen im Mittelalter ,Ellen. Im Moment können wir leider nichts tun, außer hoffen und warten. Sich im Freien zu bewegen ist meiner Meinung nach zu riskant" erklärt Frank leichenblass.
Die erste Nacht bricht an und außer Kerzenlicht und brennenden Fackeln auf der Straße ist die Situation unverändert. Frank begibt sich unter die aufgebrachte Menge, um noch einige Informationen zu sammeln, aber alles, was er hört, sind Horrorgeschichten von Verzweiflungstaten in der Umgebung. Keiner weiß genaueres zu diesem Vorfall. Ellen sitzt mit einigen Nachbarn in der Wohnung und versucht aus den wenigen Vorräten noch ein gutes Essen zu zaubern. Am nächsten Morgen und auch am übernächsten, keine Veränderung. "Ich habe Durst und Hunger und mir ist schrecklich kalt" , klagt Ellen. "Wir müssen versuchen uns Lebensmittel zu besorgen. Vielleicht hat man ja irgendwo etwas organisiert in dieser Stadt", erwidert Frank. "Wer meinst Du, gibt uns freiwillig was ab. Die sitzen doch jetzt alle auf dem Essen. Wenn das so weitergeht werden wir jämmerlich krepieren." Ellen ist mit den Nerven am Ende.
In den Städten macht sich nach einer Woche Stromentzug, Aggression breit. Die wenigen, die versuchen in der immer noch anhaltenden Panik die Oberhand zu gewinnen, werden selbst langsam zu Tieren. Menschen werden ermordet um ein paar Lebensmittel zu erbeuten. Bauernhöfe werden überfallen und geplündert und an den wenigen Pumpbrunnen herrscht unkontrollierter Andrang. Auf den Straßen herrscht der Krieg des Überlebens. Jetzt erst wird den Menschen bewusst, wie abhängig sie die Elektrifizierung gemacht hat. Frank und Ellen versuchen ihr Glück ebenfalls auf dem Land, gemeinsam mit unzähligen anderen Menschen, die jetzt nicht zurückschrecken, Insekten zu verspeisen. "Mir ist so kalt Frank" stammelt Ellen, die von den Strapazen hohes Fieber bekommen hat. "Lass mich jetzt nicht in Stich , wir werden es schaffen" versucht er Ellen zu trösten . Plötzlich verspürt Frank einen stechenden Schmerz an seinem linken Auge, begleitet von einem schrillen Ton und absoluter Geistesabwesenheit. Als er wieder zu sich kommt, leuchten ihm große, grüne Ziffern ins Auge und Höllenlärm dröhnt ihm durch die Ohren. "Oh, hab ich dich und nicht den Wecker getroffen? Tut mir leid, mach aber das Ding trotzdem aus oder gefällt dir das Gepiepse ?" gähnt Ellen verschlafen. "Das war doch eben Ellens Stimme. Wie ist das möglich, sie ist doch todkrank? hämmert es in Franks Kopf. Ellen knipst ihre Nachttischlampe an und greift nach ihrer Armbanduhr. "Aufstehen Frank ,oder machst du heute blau?" versucht sie Frank aus dem Bett zu nötigen. "Wir haben wieder Strom Ellen?" stottert Frank. "Genug jedenfalls, um uns Kaffee zu kochen" erwidert Ellen im Befehlston. Frank versucht sich auf die Beine zu stellen und hält sich am Heizkörper fest. "Ah, ich glaub die Heizung funktioniert auch wieder" stöhnt er fassungslos vor sich hin. "Fraaank, wach endlich auf, ich muss ins Büro" brüllt Ellen aus dem Badezimmer.



ENDE

Kommentare

bussijutti schrieb am 2009-07-29 20:45:46:
gute geschichte, also ich käme bestimmt mal eine ganze woche ohne strom aus!!
aber spätestens dann würde mir der kaffee fehlen!!
m-k-p@web.de schrieb am 2009-03-29 19:37:57:
Echt super geschrieben und eine tolle Story.
Weiter so !!!
k-p-m@web de schrieb am 2009-03-29 13:01:49:
Echt saugeile Geschichte.
Kann ich nur mit Note eins Bewerten -------WEITER SO------
nadini schrieb am 2008-04-24 18:00:53:
super!
dini schrieb am 2008-04-24 17:59:56:
toll!!!!!!!
clärchen schrieb am 2007-01-12 01:02:36:
ich finde die geschichte an sich schon sehr gut. besonders das thema gefällt mir:)
aber du hättest sie ruhig etwas spannender machen können damit sie sich leichter liest. daadurch dass man nicht weis woher die ausfälle kommen ist zwar schon etwas spannung drinn aber das reicht meiner meinung nach nicht.
ich kann dir leider nicht genau sagen was ich noch reinschreiben würde aber du bist der autor und kennst den gedanken un den hintergrund der geschichte besser:) also überlass ich das dir;)

lg clärchen
schmatz.barbara@arcor.de schrieb am 2006-03-26 10:27:03:
Ich bin echt beeindruckt!
Schon erschreckend, wie abhängig wir eigentlich sind. Ohne Elektrizität geht gar nichts mehr! Aber noch erschreckender finde ich, wie rücksichtlos die Menschen in so einem Fall miteinander umgehen. Da kann man nur froh sein wenn so was nicht passiert, denn auf seine Nachbarn und Freunde kann man sich im Zweifelsfall wahrscheinlich nicht verlassen, wenn s ums nackte Überleben geht.

Weiter so!
Yvi971990@aol.com schrieb:
super geschichte da sieht man mal wie elektrizität bei usn auf der erde gebraucht wird super story. wenn ich dir ne note geben müste 1.

Yvi
Black.Mary84@web.de schrieb:
Kann die vorherige Meinung nur bestätigen. Echt ne tolle Geschichte!
crisimu@bluewin.ch schrieb:
super gut geschrieben
weiter so!

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