Ein Abend im Pub
von
Jürgen Haidvogl
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Mal wieder saß ich in meinem Stammpub und trank ein Bier nach dem anderen. Ich war wie immer vom Leben deprimiert und hoffte, das alles ein schnelles Ende nehmen würde. Überfahren werden. Oder auf einmal einen Herzinfarkt bekommen und vom Sessel fallen. Einfach tot. Im Jenseits. In den ewigen Jagdgrünen. Im Nirwana. Hauptsache die Scheiße findet ein Ende, was die Menschen als Leben bezeichnen. Ich finde diesen Müll, den die Leute als so wunderbar und kostbar finden, als Krank. Es widert mich regelrecht an und deprimiert mich nur noch mehr.
Mein erstes Bier hatte ich ziemlich schnell ausgetrunken. Das zweite trank ich in schnellen Schlücken in kurzer Zeit bis zur Hälfte leer. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und blies den Rauch gerade aus in die Luft. Noch während sich die Wolke aus Nikotin, Benzol und anderen Giften verzog, fragte ich mich, wieso ich überhaupt hier bin. Nicht hier im Pub, sondern in dieser beschissenen Welt, die ständig grausam zu mir ist. Mir nichts als Pech und Kummer bereitete. Die mich in die Abgründe meiner Depressionen ritt, aus denen ich nicht mehr heraus komme. Wieso sind wir überhaupt hier? Gibt es hierfür eine logische Erklärung?
Wieder trank ich von meinem Bier. Es war noch immer Zapfkühl. Ein bisschen zu kalt. So das meine Zähne, als sie mit der kalten Flüssigkeit in Berührung kamen einen schmerzhaften Schock bekamen und sich mein Gesicht verzog, als hätte man mich gezwickt. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Aber ich bemerkte schnell, dass dies jedem egal war. Es interessierte keinen. Die anderen Leute in der Bar interessierten sich bloß für ihre eigene Angelegenheiten. Ihre Unterhaltung. Ihr Bier. Oder für die Zeitung, die sie offen vor sich liegen hatten und gespannt die Nachrichten des Tages lasen.
Ich zog an meiner Zigarette. Den Rauch blies ich wie vorhin aus. Hinter mir rannten die beiden Hunde des Besitzers hin und her. Eine Art Wettrennen um nichts. Nur um die Ehre.
Ich legte meinen Glimmstängel ab und drehte mich um. Die Hunde liefen noch immer herum. Vom Eingang bis zum Mittelgang, der die Trennung zwischen Nichtraucher- und Raucherbereich war. Und als die Tiere beim Mittelgang waren, drehten sie um und rannten zurück zum Eingang. Dazwischen stießen sich die zwei Hunde, um den anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es amüsierte mich. Und die Hunde rannten wieder zum Mittelgang und zurück.
Ich lächelte und drehte mich wieder zu meinem Bier um. Sofort trank ich einen Schluck und zog ein paar Mal kräftig an meiner Zigarette, die während meiner Beobachtung ordentlich weiter geraucht war. Vor allem durch die Lüftung, die direkt auf meine Kippe blies und einen langen Aschestängel zurück lies. Ich inhalierte noch zwei Mal und dämpfte den Glimmstängel aus und trank dann mein Bier ebenfalls leer.
Der Barkepeer war gerade mit einem anderen Gast beschäftigt. Er nahm die Bestellung entgegen und zapfte darauf hin ein Bier. Von meiner Position aus konnte ich nicht genau erkennen, welches Bier der Angestellte ins Glas beförderte. Aber ich glaube, es war ein Stiegel. Der Barkepeer stellte das Bier zum Gast, kassierte und kam zu mir.
„Noch ein Wieselburger?“
„Yeah“, sagte ich.
Er nickte und nahm ein Glas mit dem er zu den Zapfsäulen ging. Bei der Vierten von links, blieb der Barkepeer stehen, hielt das leere Glas zu diesem hin und betätigte den Hebel. Sofort kam die gelb-goldene Flüssigkeit hinein, bis das Gefäß voll war und oben eine weise Krone war.
Sofort trank ich einen Schluck. Gezahlt hatte ich noch nicht. Aber Toni kannte mich. Immerhin war ich einer seiner Stammkunden im Pub und zahlte so wie die anderen regelmäßigen Besucher des Pubs am Ende des Abends. Vor dem Heimgehen.
Rechts von mir saßen zwei Männer. Beide etwa Anfang 50. Prolos. Beide tranken Bier. Der eine trug seine schwarze Mütze über die Stirn, dass diese seine Augenbraun verdeckte und schon fast über die Augen gezogen war. Seine Jeans war voller Farbflecke und sein Pulli schien abgetragen zu sein.
Auf der anderen Seite, also links von mir, war ein Platz frei. Gleich daneben hatte es sich ein junges Paar gemütlich gemacht und saß so nah wie nur möglich aneinander. Sie flüsterten sich gegenseitig an, als erzählten sie sich irgendwelche perversen Fantasien, die niemand außer ihnen erfahren soll.
Das Mädchen war blond und gut gekleidet. Ihre Kleidung bestand aus Markenware, die bestimmt einiges gekostet hatte. Ihr Freund hatte dunkelbraunes Haar, das mit Gel nach hinten gekämmt war. Eindeutig so ein Snob von den oberen Zehntausend. Wahrscheinlich war sein Vater so ein Manager oder Anwalt von einer großen Firma. Auf jeden Fall merkte man an seiner Gestik und an den Blicken, die er anderen zu warf, dass er sich als etwas besseres erachtete. Er schien mir als einer dieser Typen, die auf cool machten und jeden zeigen wollten, wie hart sie sind. Aber wenn es hart auf hart kommt, zieht er den Schwanz ein und macht sich in die Hose. Wenn ich auf ihn losgehe, dann kommt er mit so einem dämlichen Spruch und gibt mit seiner tollen reichen Familie an und tut so, als ob er etwas Besonderes wäre. Etwas Wichtigeres. Mehr Wert als alle anderen.
In genau so einem Augenblick hat man so einem Flachvixer eine rein. Dann weis er, was ich von ihm und seiner scheiß Familie halte. Wie scheiß egal er mir ist. Und wie wenig auch er Wert ist, wenn es um alles geht. In diesem Fall würde diese kleine Ratte verwundert dreinschauen und die Welt nicht mehr verstehen. Dann verpasse ich ihm einen Schlag auf die Nase. Gleich darauf einen weiteren. Danach wird er noch einen dämlichen Spruch los lassen, aber das würde ihm nicht viel nützen, denn noch bevor er ausgeredet hätte, würde er zum letzten Mal meine Faust zu spüren bekommen, bevor er am nächsten Morgen auf der Straße aufwacht und feststellen muss, dass ihn irgendwelche Penner ausgenommen haben. Und ich hätte mich in der zwischen Zeit mit seiner Freundin amüsiert. Wahrscheinlich sogar in ihrem Bett. Allerdings wäre dies nur ein One-Night-Stand, aber das ist sowieso das, was ich nur will.
Ich trank von meinem Bier und ließ meinen Blick auf die Holzplatte der Theke schweifen. Es war ein dunkles Holz mit einigen Dellen von Feuerzeugen, Tellern, Gläsern und vor allem von Aschenbechern. Teilweise waren da auch einige Kratzer von messerähnlichen Gegenständen, die irgendein kleiner Prolet hinterlies, weil er glaubte, er sei dann cool oder so. Man darf das solchen Leuten nicht übel nehmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Für die ist Mozart, Haydn, Beethoven und Tschaikowski derselbe.
Das ist genauso, als würde man sagen, dass Sum 41 und Billy Talent ein und dieselbe Band sind. Oder noch schlimmer. Nirvana und die Foo Fighter das gleiche. Das ist Blasphemie. Verdammt, das ist sogar noch schlimmer als Blasphemie. Das ist Massenmord an der Ehre des Rocks. Scheiße Mann!
Na ja, jedenfalls scheiß auf die Proleten. Ich trank mein Bier aus und eilte aufs WC. Meine Blase drückte mich schon. Zum Glück gab es hier genug
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