Ein Blatt im Wind
von
Mike Winterhalter
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Wenn er heute über diesen bestimmten, kalten und verregneten Wintertag nachdachte, wusste er selbst nicht mehr genau, was genau ihn damals angetrieben hatte, die Gewissheit das er wusste das er etwas tun musste, egal, ob richtig oder falsch, oder der Gedanke, jemanden zurückzulassen, einen Menschen der eine Erklärung, eine Begründung benötigte, ohne die er vielleicht niemals wieder aufrichtig etwas glauben konnte, ohne die er vielleicht endgültig das Gefühl der Unschuld, das so aufrichtig, so rein und so natürlich in ihm pochte, verlieren würde.
Er wusste noch genau, wie er mit sich selbst gekämpft hatte, die Entscheidung ob richtig oder falsch, das Gefühl zu wissen, das egal wie er sich entschied, er vielleicht auch das Falsche machen würde, das er in Gefahr lief, alles noch viel schlimmer zu machen. Er erinnerte sich noch genau daran, wie es war mit diesem Gedanken aufzuwachen, nach einem kurzen, traumlosen Schlaf, erinnerte sich an das Ziehen im Magen, das Stechen im Kopf, das Gefühl der Leere, das quälende Gefühl, wertvolle Zeit sinnlos verstreichen zu lassen. Er erinnerte sich daran, wie es ihm jedes Mal aufs Neue schwerer fiel, den Gang ins Bad zu wagen, sich zu waschen, wusste, das er spätestens beim Griff zur Zahnbürste mit seinen Erinnerungen zu kämpfen hatte, wusste, das er zu guter letzt beim Haare waschen den Wunsch verspüren würde, sich in seinem kleinen, viel zu schmalen Waschbecken zu ertränken.
In diesen Momenten wusste er immer, dass er etwas machen musste, das er es sich nie verzeihen würde, nichts zu tun. In dem Augenblick fühlte er sich so leer, verwittert, wie ein alter, knorriger Baum, dessen Blätter von einem kalten, unbarmherzigen Sturm ins Vergessen getrieben wurden. Blätter, die ihm niemals gehört hatten, Blätter die nie die Frucht seiner Wurzeln waren, aber über die er froh war sie zu tragen, weil er niemals daran gedacht hatte, sich niemals zugetraut hätte, selbst Knospen und Blüten zu besitzen, vielleicht weil er wusste, das er von selbst nie die Kraft dafür besessen hätte. In diesen Momenten hörte sich das Rauschen des Windes, der Sturm der Zeit und das Brechen der alten Zweige intensiver an, wie jemals zuvor. In diesen Momenten fühlte er, wie er selbst zerbrach….
Er erinnerte sich noch genau daran, wie er sich damals das Gehirn zermarterte, wie er sich ihr nähern sollte, wie er versuchen sollte, seine Gefühle in Worte zu fassen, ihr vielleicht eine Erklärung zu geben ohne sie damit weiter zu entzweien und ohne sie einfach so alleine im Sturm zurückzulassen, ein Sturm, den sie weder verstand noch begriff, dem sie immer wieder aufs Neue ausgesetzt sein würde, der sie immer weiter treiben würde, ohne dessen Ziel und Bestimmung zu kennen. Er wusste zuvor genau, wie schwer es ihr fallen würde, auszusprechen was sie denkt, sie hatte schon immer Schwierigkeiten damit gehabt ihre Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, vielleicht weil sie wusste, das sie von einem Baum zum anderen getrieben wurde, vielleicht weil sie dachte, das der Sturm nur ihretwegen kam, das sie ihn zu verantworten hatte, vielleicht kämpfte sie deswegen jedes Mal aufs Neue, vielleicht wollte sie sich selbst eine Bürde auflasten, die sie nicht zu tragen hatte. Er sah es jedes Mal in ihren Augen, ihren klaren, hellen Augen, bei denen er immer das Gefühl hatte, durch sie tief in ihr Innerstes zu sehen, er sah darin das Funkeln der Freude, den Glanz der Neugierde, in manchen Momenten glaubte er, bis an ihr Herz sehen zu können. Das waren die Momente, in dem sie ihm immer ganz nahe war, die Momente, in denen sie offen, rein und unschuldig über ihre Gefühle sprechen konnte ohne mit Worten und sich selbst ringen zu müssen. Er kannte aber auch die drohenden Schatten des Sturms in ihnen. Sie kamen langsam, schleichend, zerwühlten ihr Innerstes, machten ihr Angst. Damals konnte er es sich nicht erklären, wusste nicht, wovor sie Angst hatte, wusste nicht, das dieser Sturm schon ihr ganzes Leben in ihr tobte, das er ihr ständiger Begleiter war.
Er hatte Zeit gebraucht um zu begreifen, das sie in diesen Augenblicken mehr wusste als er.
An jenem Wintertag, als der Regen kalt und schwer an die Fensterscheiben seines Wagens prasselte, begriff er, das sie damals schon gespürt hatte, das er nicht immer bei ihr sein würde, das sie sich darauf einstellte, ihn zu verlieren, das es vielleicht abrupt gehen würde, das er von einer Sekunde auf die andere, innerhalb eines Herzschlages, weg sein könnte. Sie hatte es gewusst, weil es bei ihr noch nie anders war, weil bestimmte Menschen noch nie auf Dauer bei ihr waren, sie wusste schon damals, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch er einfach verschwinden würde. In diesen Augenblicken hatte sie ihm immer gesagt, wie viel er ihr doch bedeutete, sie sagte es mit einem einzigen Satz, drei kleine Worte, deren Bedeutung aber größer war, als alles andere für sie. Sie wartete immer auf seine Erwiderung, wollte die Bestätigung haben, das es ihm genauso ging, wenn er sich zeitweise einen Scherz daraus machte, nicht zu reagieren, war sie sofort ganz nahe bei ihm, sah ihn mit ihren strahlenden aber so verletzlichen Augen an und wollte es von ihm hören. Heute wusste er, warum es ihr so wichtig war, warum es ihr soviel bedeutete.
Er wandte seinen Blick zur Fensterscheibe der Fahrerseite und konnte sie trotz der nassen Scheibe sofort durch den Regen kommen sehen. Sie ging leicht gebückt, den Kopf gegen den immer stärker werdenden Wind gestemmt, ihre hellbeige Strickmütze tief über die Stirn gezogen, versuchte so schnell es ging vorwärts zu kommen. Der Anblick versetzte ihm einen Stich ins Herz, ließ alle Emotionen noch einmal hochkommen, er spürte wie sich seine Augen mit bitteren, salzigen Tränen füllten, fühlte wie sich seine Hände an das Lenkrad klammerten, sich daran festkeilten, als würde er es nie mehr loslassen wollen.
Loslassen.
Er wusste nicht mehr was er jetzt genau eigentlich wollte, warum er schlussendlich doch hierher gefahren war, ob es ihm darum ging, ihr etwas zu erklären, noch einmal mit ihr zu reden, ob er sie einfach nur noch ein letztes Mal sehen wollte. Vielleicht wollte er auch nur wissen, was und wie er dabei fühlen würde, abwarten was sein Herz ihm sagen würde.
Was hätte er ihr denn auch sagen können, was sie nicht noch mehr verwirren, noch mehr verängstigen würde? Wie hätte er ihr erklären sollen, das es nicht an ihr lag, das sie sich nicht mehr sehen konnten? Wie hätte er ihrem Blick standhalten können, diesem unschuldigen, fragenden und wissbegierigem Blick, ohne in Tränen auszubrechen wie jetzt. Wie sehr hätte er sie damit verwirrt? Vielleicht hatte sie auch schon längst eine Erklärung bekommen, vielleicht hatte sie sich selbst schon in ihrem kleinen, aber klugen Kopf etwas zusammengestrickt, mit dem sie leben konnte ohne sich die Schuld zu geben, ohne den Fehler bei sich zu suchen.
„Hab Dich lieb.“
Er hörte ihre Stimme, als würde sie direkt neben ihm sitzen, den fragenden Ton darin, den
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Kommentare
Melanie schrieb am 2008-05-07 22:54:20:
Bitte schreib endlich mehr!
Jessi schrieb am 2007-12-20 20:16:52:
Ich weiß nicht wem das gilt, an was Du dabei gedacht hast, aber ich weiß, das Du diesen Menschen mehr liebst als Dich selbst. Und das Du dieses Gefühl NUR durch das Lesen übermitteln kannst, beruft Dich zu Höherem, ich habe noch nie bei einer Geschichte geweint, aber das ist das Größste. Bitte mach weiter...
sina franke schrieb am 2007-06-16 14:45:08:
das ist einach der wahnsinn. gänsehaut alarm. boa ich kann es nicht fassen. soetwas unglaubliches. aus deinem verwirrten stil spricht sehr große intelligenz. das ist der hammer. hut ab!
ich hoffe ich habe sie auch richtig verstanden, die geschichte. einfach wunderbar berührend uns so erschreckend verwirrend zugleich
ganz liebe grüße sina
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