Ein Exot in Amerika
von
Wonderland Phantasy
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Warum schauen mich alle so an? Was wollen sie von mir? Was denken sie von mir? Und was erwarten sie? Ich bin aufgeregt, weiß nicht, wohin es geht und ob die Reise überhaupt schon zu Ende ist. Nervös trete ich auf der Stelle und suche Blickkontakt mit Mia. Seit meiner Geburt kenne und lebe ich bei ihr. Sie wird mich doch jetzt nicht verlassen? Das wäre schlimmer als all die Augenpaare, die auf mir ruhen. Sind sie beeindruckt? Schockiert? Erschreckt? Erfreut? Staunen sie oder sind sie empört? Ich weiß es nicht. Ich stoße ein kehliges Wiehern aus und mache damit leider nur mehr Menschen auf mich aufmerksam. Die Augenpaare bekommen nun auch Münder, die anfangen, etwas in einer fremden Sprache zu reden. Was sagen sie? Warum verstehe ich sie nicht? Und warum hilft mir niemand? Warum schauen mich alle nur an? Haben sie noch nie einen Araber gesehen? Es scheint mir ganz so.
Mia steht wieder neben mir. Sie spricht ruhig auf mich ein und ich merke, wie sich meine Aufregung ein wenig legt.
Mia führt mich aus der Menschenmenge. Die Blicke folgen uns. Können sie nicht woandershin starren? Ich werfe übermütig den Kopf zur Seite.
„Ruhig, Kareem.“ Höre ich eine vertraute Stimme. Mia tätschelt mir den Hals. Ich schnaube verächtlich. Wie soll ich ruhig sein wenn ich von den Blicken der Fremden regelrecht verfolgt werde? Was soll das? Oh, wir bleiben stehen. Vor einer Box. Mia öffnet sie und zieht mich mit aller Kraft hinein. Nach mir verschließt sie die Box. Jetzt bin ich gefangen. Wie in einem Käfig. Jetzt können mich die Menschen noch besser anstarren. Jetzt, wo mir alle Möglichkeiten der Flucht geraubt wurden. Ich stampfe kräftig mit dem Huf auf.
Mia streift mir ein anderes Halfter über, mein Showhalfter. Endlich merkt sie, dass mich die Menschen nervös machen. Sie spricht einige von ihnen an. Wieder in dieser fremden Sprache. Ich verstehe sie nicht. Die Menschen antworten ihr und endlich gehen sie. Dankbar reibe ich den Kopf an Mias Schulter. Sie streicht mir über die Stirn und beginnt, mein Fell mit einem Tuch auf Hochglanz zu bringen. Als ich das Gefühl habe, vor Sauberkeit zu strahlen, flechtet sie mir die Mähne zu einem Netz und führt mich aus der Box…
Alles ist laut. Und ungewohnt. Und schon wieder die Menschen, die mich anstarren. Es kommt mir so vor, als seien es jetzt viel mehr als eben. Mia führt mich in eine Art Arena, in der sie mich im Kreis führt. Da sitzen 5 Menschen an einem Tisch, die mich anstarren und die Köpfe zusammenstecken. Reden sie über mich? Was passiert hier? Was wissen sie über mich und was haben sie vor? Ängstlich wiehere ich. Mia versucht wieder, mich zu beruhigen. Ich weiß, dass ich ihr vertrauen kann, also gehe ich ziellos weiter an der Führleine. Immer schön im Takt bleiben. Links. Rechts. Hier und da muss ich wieder einen Blick zu den 5 Menschen werfen. Die eingeflochtene Mähne zwickt mich und ich würde die Mähnengummis am liebsten direkt abknabbern. Aber dann wäre Mia sicher traurig, wo sie sich doch so eine Mühe gegeben hat. Ich schnaube und merke, wie Mia mir das Zeichen gibt, stehen zu bleiben.
Über Lautsprecher wird etwas bekannt gegeben. Ich spitze die Ohren, weil ich denke, dass es sicher etwas mit mir zu tun hat. Doch ich verstehe nichts. Ich verstehe nichts, weil es wieder diese Fremde Sprache ist. Ich verstehe die Menschen nicht, und sie verstehen mich ebenfalls nicht…
Ich höre meinen Namen und dann geschieht etwas, was ich so nicht erwartet hätte: die Menschen applaudieren. Sie applaudieren, kannst du dir das vorstellen? Sie springen von ihrem Plätzen und klatschen. Ich habe nicht verstanden, was da über Lautsprecher gesagt wurde, aber es muss anscheinend etwas mit mir zu tun haben. Triumphierend wiehere ich und versuche, mich anmutig zu bewegen. Die Menschen jubeln. Sie jubeln wahrhaftig. Ich wiehere noch einmal stolz, dann führt mich Mia wieder aus der Arena. „Ich bin stolz auf dich“ flüstert sie mir zu. Bestätigend schnaube ich, dankbar. Was kommt jetzt auf uns zu? Was passiert jetzt? Auf einmal finde ich die Menschen, die uns zu meinem Stall folgen, nicht mehr allzu schlimm. Ihre Blicke bringen mich ebenfalls nicht mehr aus dem Konzept, weil ich weiß, dass sie nicht schlecht von mir denken. Aber was genau denken sie von mir? Für was halten sie mich? Für einen Helden? Für einen Vererber, der ihren Höfen wieder das nötige Bisschen Klasse und Glanz bringen soll? Jedenfalls scheinen sie zu denken, ich sei etwas ganz Seltenes und vor allem: Besonders…
Allein bei diesem Gedanken beginnen meine Augen zu glänzen…
Ich stehe nun wieder in meiner Box. Mia steigen Tränen in die Augen. Warum weint sie jetzt? Hat es etwas mit unserem Auftritt zu tun? Ist sie traurig? Wenn ja: warum? Habe ich sie enttäuscht? Irgendetwas falsch gemacht? Tröstend stupse ich sie leicht an. Sie schaut mir in die Augen und lächelt zaghaft, einen Moment später legt sie die Arme um meinen Hals und küsst meine Mähne. Jetzt verstehe ich: sie weint vor Glück…
Die Menschen drängen sich jetzt wieder um die Box, jeder will mich sehen und vielleicht ein Foto von mir machen. Ich versuche nicht, mich zu verstellen, sondern verhalte mich wie sonst auch. Natürlich.
Eine Zeit später führt Mia mich wieder in die Arena. Zwei andere Pferde sind auch da. Musik ertönt. Eigentlich ist sie mir viel zu laut und ich will gerade zur Seite springen, denke dann aber, dass ein Held so etwas nicht machen würde. Also bleibe ich stehen und versuche, die Musik auszublenden.
Da, ein Mann kommt in die Arena. Er trägt zwei Schleifen. Er steckt sie den anderen beiden Pferden an die Halfter. Und was ist mit mir? Haben sie mich vergessen?
Nein, da kommt er wieder. Und jetzt trägt er einen Blumenkranz. Er kommt auf uns zu, reicht Mia die Hand und legt mir den Kranz um…
Die Menschen klatschen wieder, die Musik wird wieder lauter. Ich wiehere stolz und blicke zu Mia, die über das ganze Gesicht strahlt…
~ Personenwechsel : Mia ~
Kareem schien sich genauso über den Sieg zu freuen wie ich. Ich hatte von Anfang an an ihn geglaubt. Er ist ein wundervolles Pferd, ein stolzer Araberhengst mit dem nötigen Quäntchen an Klasse. Er ist edel. Stilvoll. Anmutig. Und doch kraftvoll.
Er ist etwas ganz besonderes. Für die Leute hier in Amerika ist er ein Exot. Für sie ist ein Appaloosa, ein Mustang, ein Pinto oder ein Paint etwas ganz normales. Ein Araber ist dazu der totale Gegensatz. Kein Nutzpferd, eher ein Schmuckstück. Wie ein Schmuckstück, an dem man hängt, an dem besondere Erinnerungen hängen, das man niemals und unter keinen Umständen hergeben oder verlieren will. Ein Schmuckstück, das man hütet wie seinen eigenen Augapfel. Zugegeben, bei uns wäre ein Mustang etwas außergewöhnliches, etwas, was man ganz genau ansieht, damit man den Anblick dieser Seltenheit auch nur ja nicht so schnell vergisst. Aber der Blick, mit dem sie Kareem ansahen, war ein anderer. In ihm lag Ehrfurcht, ein Staunen. Ein Blick eines Dieners auf seinen Herren…
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