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Kategorien > Beziehungen > Depressives

Ein Fehler

von Kathrin Schulz

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Es war erst eine halbe Stunde her und schon zerbrach er sich den Kopf darüber, ob es richtig gewesen war. Das Wort „richtig“ passte sowieso nicht, „vernünftig“ beschrieb es vielleicht besser. Und doch war es nicht vernünftig genug, dass er sich wohl damit fühlen konnte. Er hatte alles damit besser machen wollen. Er hatte es getan, um nicht weiter lügen zu müssen, um sich aus dem ewigen Gefängnis zu befreien. Er wusste natürlich, im Endeffekt war es besser für alle. Dem war er sich ganz sicher. Aber der jetzigen Situation hatte es nur geschadet. Er hatte sich Schmerzen zugefügt. Und vor allem ihr Schmerzen zugefügt. Dafür hasste er sich. Er fragte sich, wie er so herzlos sein konnte, selbst, wenn sich sein Handeln als gut erwies. Sie vertrug diesen Schmerz nicht. Sie konnte damit nicht umgehen. Vielleicht hatte sie noch immer nicht begriffen, dass sie ihn nicht als Mittelpunkt ihres ganzen Lebens sehen durfte. Vielleicht sah sie keinen Sinn mehr weiter zu leben. Ja vielleicht. Und diese Unwissenheit macht ihn nur noch nervöser, noch unglücklicher mit dem, was er getan hatte. Er schlug sich fest mit der Faust auf den Kopf, als würde das alles besser machen. Tat es aber nicht. Er konnte nicht zurückspulen. Und er konnte auch nicht zu ihr gehen und sagen, dass es ihm leid tat. Das wäre keine Lüge, nein, aber er wollte sie nicht zurück. Er merkte, wie hart, gemein und ungerecht das klang. Aber er hatte eben nicht genug Liebe und Zärtlichkeit für sie. Er hatte nicht alles, was sie brauchte, auch wenn er ihr Alles war. Er war es immer noch. Das wusste er. Möglicherweise würde sie ihn für ewig lieben. Er war ihr Retter, ihr Held. Und sie war seine Prinzessin. Immer noch. Denn auch er würde sie weiter lieben. Aber im Gegensatz zu ihr wusste er, dass sie eigentlich etwas viel besseres verdient hatte. Sie brauchte jemanden, der ihr immer zuhörte, ich immer half, bei allem, was sie auf dem Herzen hatte und das war viel. Zu viel für ihn. Er konnte es nicht. Er wurde nicht damit fertig all ihre Lasten auf sich zunehmen. Das mit ihr und ihm war viel zu lang gut gegangen. Irgendjemand hatte es beenden müssen. Und weil er genau wusste, dass sie nicht auch nur auf die Idee kommen würde, hatte er es getan. Ja, er hatte sich von ihr getrennt. Von dem Mädchen, das er so unendlich liebte und doch zu wenig. Er konnte selbst kaum glauben, dass er seinen Engel einfach so hinwerfen und auch noch drauf rumtrampeln konnte. Was sollte ohne ihn aus ihr werden. Er war ihr Leben. Es hatte sich alles gebessert seitdem sie zusammen waren. Ihre Depressionen waren zurückgewichen, kaum mehr merkbar gewesen. Er war ihre beste Therapie gewesen. Und jetzt hatte er sie höchst persönlich abgebrochen. Sie würde zurückfallen. Alles würde schlimmer werden, als je zuvor. Er hatte sie zerstört. Das wurde ihm soeben klar. Und unfreiwillig erinnerte er sich daran, wie er versucht hatte ihr beizubringen, dass er am Ende war. Dass es aus war. Es war so schwer gewesen überhaupt damit anzufangen. Es war später Nachmittag und sie lagen eng umschlungen auf der Couch. Er wusste, dass ihr das gut tat. Einfach zu spüren, dass er für sie da war. Ein Teil von ihm wollte, dass es so bleib, wie es jetzt war. Genau so. Doch sein anderer Teil hatte eben mehr Argumente gefunden. Also hatte er dann doch den Mund aufgemacht und geflüstert:
„Sally?“
Ja, das war ihr Name. Sally. Er klang so zart, als zerbreche er, wenn man ihn aussprach. Und genauso zart und zerbrechlich war sie auch. Er fand es hätte keinen zutreffenderen Namen für sie gegeben. Sie war dünn, nicht mager, aber sehr dünn. Und klein. Seine Hände waren ihm auf ihr manchmal komisch groß vorgekommen. Außerdem war sie sehr blass, was sie nur noch zerbrechlicher aussehen ließ. Er hatte sie nie grob angefasst, selbst, wenn sie sich geküsst hatten. Küssen. Ja, ihre Küsse. Er hatte ihre ganze Liebe gespürt. Es war viel zu viel für ihn gewesen, sodass er sie immer so zart geküsst hatte, wie er nur konnte. Bloß damit nicht zu viel ihrer Liebe auf ihn überging. Und ihre Haare, sie waren so weich, wie Seide. Schillernd und golden umrahmten sie ihr Gesicht und endeten kurz über ihren Brüsten. Auch jetzt fuhr er wieder hindurch, vielleicht ein letztes Mal.
„Hm-hm“, murmelte sie nur. Er merkte, wie wohl sie sich gerade fühlte. Er wollte das nicht zerstören, aber wusste auch nicht, was er sonst machen sollte. Er fuhr sich mit der Lippe über die plötzlich so trockenen Lippen. Sie hatte ihr Gesicht von ihm weggedreht und guckte geduldig aus dem Fenster. Er lockerte seinen Griff um ihre Hüften und sagte:
„Sally, dreh dich bitte um. Ich möchte dir in die Augen sehen.“
Er wusste selbst, dass das die Sache schwerer machen würde, viel zu schwer. Aber er wollte es sich auch nicht zu einfach machen. Er wollte es ihr vernünftig beibringen.
„Was ist denn los?“, fragte diese leise, zarte Stimme, die er überall wiedererkennen würde. Sie war so schön, dass sie beinahe nicht hierher passte. Nicht in diese Welt. Doch jetzt war da auch Angst, die er sofort raushören konnte. Sie hatte den Ernst in seinen Worten wahrgenommen. Dann drehte sie sich zu ihm um und schaute zu ihm hoch. Diese Augen. So flehend, so angsterfüllt. Ihr Blick machte es für ihn fast unmöglich das zu sagen, was er vorhatte zu sagen. Er schloss kurz die Augen, atmete noch mal tief durch und öffnete sie dann wieder.
„Sally…“ Er wusste selbst nicht, wieso er jeden Satz mit ihrem Namen begann. Vielleicht war es die Tatsache, dass er ihn bald nicht mehr aussprechen konnte.
„Ich weiß wie sehr du mich liebst und du weißt wie sehr ich dich liebe.“
„Unendlich“, antwortete sie. Er konnte nur nicken. Er wusste in diesem Moment nicht, ob es eine Lüge war, wenn er es bejahte. Und jetzt musste er das große Aber erwähnen, der Anfang vom Ende:
„Aber ich habe ständig das Gefühl, dass ich dir nicht geben kann was du brauchst, dass ich dir nicht genug helfen kann. Ich bin nicht gut genug, Sally.“
Und ihre Augen weiteten sich vor Ungläubigkeit.
„Robin“, setzte sie an und es war das erste Mal seit Monaten, dass sie ihn nicht „Robbi“ nannte. „Das stimmt nicht. Natürlich bist du gut genug. Du bist das Beste, was mir je passiert ist.“
Er konnte nicht anders und strich ihr sanft über die Wange. So sanft, dass er sie kaum berührte, so dass sie nicht zerbrach.
„Ich kann dir nicht genügend Liebe geben.“
Und wie er diesen Gedanken das erste Mal laut aussprach erkannte er, dass er auf jeden Fall Recht hatte. Sie starrte ihn an. Sie öffnete den Mund, sagte aber nichts.
Es war das schrecklichste, unangenehmste Schweigen, was er mit ihr je geschwiegen hatte.
Er wusste nicht, was sie sagen würde, wusste noch nicht mal, ob sie begriff, was er damit sagen wollte. Wie sollte er es ihr sonst beibringen? Und was war, wenn sie jetzt zu weinen anfing? Das könnte er nicht verkraften. Er würde sie in die Arme nehmen, in seine viel zu großen Arme. Und er würde sie trösten, auch wenn er wusste, dass er es nicht gut genug konnte. Es reichte nicht,

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