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Kategorien > Mysterie > Begegnungen

Ein Feuernachtstraum

von Michel Emmenegger

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Ein Feuernachtstraum
von Michel Emmenegger

Sieben Tage war es her, seit Simon Brand den Land Rover am Krakauer Flughafen in Empfang genommen hatte. Seither wurde er das Gefühl nicht los, der Zivilisation „Au Revoir“ gesagt zu haben. Die Landstrasse schlängelte sich seit Tagen Kilometer für Kilometer durch die einsamen, unendlich scheinenden Karpaten. Mit Schnee bedeckte Berge, dunkle Schluchten, weite Täler und verwunschene Wälder in einer Grösse, die alles was er bis jetzt gesehen hatte, in den Schatten stellten. Noch 200 Kilometer bis Brasov, wo er seinen alten Studienkollegen Alexei treffen würde. Simon blickte sorgenvoll aus dem Seitenfenster in Richtung Westen. Ein gewaltiges Unwetter näherte sich rasend schnell! Von Minute zu Minute frischte der Wind stärker auf, und Simon musste den Land Rover immer wieder mit aller Kraft in der Spur halten, wenn dieser von Windböen zur Seite gedrückt wurde. „Nur noch 200 Kilometer“, dachte Simon, „mit etwas Glück schaffe ich es nach Brasov, denn wenn hier erst die Wetterhölle losbricht, dann ist an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken.“ Der unheilvolle Gedanke hing noch im Wagen, da zerplatzten schon erste grosse Regentropfen auf der Windschutzscheibe. Innerhalb weniger Minuten brach ein Orkan los, und der Tag wurde zur dunklen Nacht. Simon kämpfte sich im Schritttempo mit Fern- und Nebellicht Meter für Meter durch diese tosende Hölle aus Dunkelheit, Wasser und Wind. Da plötzlich sah er wenige Meter vor sich in der Dunkelheit die Umrisse eines Gebäudes. „Hoffentlich eine Herberge! Im Haus flackert auf jeden Fall ein Licht, und aus dem Schornstein steigt Rauch auf!“ Simon parkte den Wagen vor der Türe, nahm seine Reisetasche vom Rücksitz und hechtete mit wenigen Schritten zum Eingang. Sekunden später umgab ihn behagliche Wärme, ein wohliges Feuerchen knisterte im Kamin. Simon zog den Rauch des Feuers ein, hörte den Regen aufs Dach prasseln und war einfach nur froh, hatte er für heute Nacht ein Dach über dem Kopf. Auf einmal huschte schemenhaft eine Gestalt hinter dem Tresen hervor. „Guten Abend der Herr“, hörte er eine weibliche Stimme, „herzlich willkommen in der Herberge Sveniaska. Ich
habe nicht mehr mit Gästen gerechnet, aber mir solls Recht sein, so sterbe ich heute Nacht wenigstens nicht vor Langeweile.“ „Hallo“, sagte Simon mit einem Seufzer, „haben Sie ein Zimmer für eine Nacht?“ „Ich habe 13 Zimmer, jedes für die Ewigkeit!“, erwiderte die Wirtin. „Dann geben Sie mir doch bitte das komfortabelste, wenn möglich mit Bad.“ „Ich gebe Ihnen Zimmer Nummer sieben, Toilette und Bad sind auf der Etage. Betrachten Sie das Bad als Ihr Privatbad, schliesslich sind Sie der einzige Gast. Übrigens, in Zimmer Nummer sieben hatte schon Graf Stanislav von Brasov geschlafen, tags darauf wurde er in Bukarest verbrannt. Ein bedauerliches Versehen, wie sich später herausstellte, war es doch sein Zwillingsbruder Stenislav, der mit dem Teufel einen Packt geschlossen hatte. Gott beschütze seine arme Seele!“ „Wunderbar!“, meint Simon, „dann gehe ich kurz hoch in mein geschichtsträchtiges Zimmer. Es wäre zu schön, wenn ich nachher was zu essen bekommen könnte?“ „Ich habe mir bereits ein feuriges Gulasch gekocht, das reicht für uns zwei. Hier ist Ihr Zimmerschlüssel.“

Kurze Zeit später sass Simon in der warmen Gaststube. An den getäferten Wänden hingen schaurige Jagdtrophäen. Abstossende Schädel von Hirschen, Wildschweinen und anderen Geschöpfen des Waldes. Damit nicht genug, zu Simons kolossalem Entsetzen prangte über dem Tisch, an dem er sass, der fürchterlich stinkende Schädel eines veritablen karpatischen Braunbären am Täfer. In Gedanken versunken schreckte Simon hoch, als die Wirtin unerwartet neben ihm auftauchte. Sie stellte einen eisernen, dampfenden Topf voll mit Gulasch vor ihn hin, brachte noch zwei Gläser und eine Flasche Wein. Sie setzte sich Simon gegenüber an den Tisch. „Richtiges Gulasch isst man gemeinsam aus einem Topf, guten Appetit!“ „Ihnen auch“, murmelt Simon schon mit vollem Mund. „Übrigens, der Bär, der über Ihnen hängt“, begann die Wirtin, “war ein bestialischer Menschenfresser!“ Simon blickte die Wirtin gespannt an. „Er hatte in Ploijesti, 60 Kilometer von hier, Nacht für Nacht fast alle Einwohner bei lebendigem Leib aufgefressen. Nur die Köpfe hatte er nicht angerührt. Die fand mein Mann später in einer nahen Höhle fein säuberlich aufgereiht, einzig sämtliche Augen fehlten. Gott nur weiss, was in dem Bären vorging!“ „Möglicherweise waren es für ihn Jagdtrophäen“, dachte Simon, mit einem Blick hinüber zu den hässlichen Schädeln. „Und wie kam der Kopf dieser Bestie an diese Wand?“„Mein Mann hetzte diesen Teufel eine Woche durch die Kiefernwälder. Schliesslich kam es auf dem Felsen des barmherzigen Engels zu einem Stelldichein. Er stiess dem Bären dreissig Mal den Dolch tief in sein Herz. Dann trennte er den Kopf ab, schleuderte den Kadaver in den Abgrund und nagelte den Kopf dieses Monsters hier an diese Wand!“ Simon blieb der Bissen im Hals stecken. Die Wirtin hob das Weinglas „Wie heissen Sie eigentlich?“ „Simon und Sie?“ „Svenia“ „Dann zum Wohl Svenia und herzlichen Dank für Ihre Gastfreundschaft.“ „Übrigens, Sie haben Ihren Mann erwähnt Svenia, wo ist er geblieben? Schon wieder auf Bärenjagd?“ „Auf und davon mit einem Luder aus Plojesti. Er lebt heute in Bukarest. Die Pest wünsche ich ihm an den Hals! Mir bleibt nichts als dieses schäbige, verrauchte Gasthaus und ein gebrochenes Herz, das wohl nie mehr eins werden wird.“ „Tut mir leid, ich wollte nicht taktlos erscheinen! „Tun Sie aber, macht aber nichts! Trinken wir auf alle Menschen mit gebrochenem Herzen!“

Stundenlang erzählte Svenia Simon bei zwei weiteren Flaschen Wein schaurige Geschichten über das Leben in den Karpaten. Nach der dritten Flasche verabschiedete sich Simon und fiel Minuten später berauscht in sein weiches Bett.

„Feuer, Feuer, das ganze Haus steht in Flammen!“, schrie Simon. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in seine Hose und rannte durch das brennende Treppenhaus hinunter in die schwelende Gaststube. „Svenia, Svenia, wo sind Sie?“ Die Flammen schlugen empor, Simon spürte die Gluthitze auf seiner Haut. „Svenia!, Svenia!“, rief er nochmals. Jäh sah er in mitten des roten Flammenmeers Svenia. Die Flammen schlugen an ihr empor, wie vermutlich einst an Jeanne d'Arc. „Rette Dich Simon, ich stehe in Flammen und bin verloren“, kreischte sie aus der Feuerhölle. Simon war gelähmt vor Angst, aber es blieb ihm keine andere Möglichkeit als ins Freie zu fliehen.

Simon wachte schweissgebadet in seinem Bett auf. „Was für ein grauenhafter Traum!“Mit viel Mühe sprang er auf die Beine und zog sich rasch an. „Jetzt brauche ich ganz dringend eine Zigarette!“ Doch auch nach längerem Suchen fand Simon sein silbernes Feuerzeug nicht. „Vielleicht habe ich es gestern in der Gaststube vergessen?“ Er steckte seine Siebensachen in die Reisetasche und ging runter in die Gaststube. Keine Spur von seinem Feuerzeug, und auch Svenia war verschwunden. Er

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