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Kategorien > Aus dem Leben > Erlebnisse

Ein Geselle Namens Judas

von Jürgen Haidvogl

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„Ist das denn wirklich dein Traum? Kann es das sein?“, durchbohrte mich Anton mit seinen Fragen und zog an seinem fingerlangen Kinnbart, „Willst du das wirklich machen?“
Ich sagte nichts. Und ich wollte auch nichts sagen. Nur schweigen. Ich wollte doch nur Arbeiten.
„Du kannst es mir sagen“, fuhr er fort, „Du brauchst keine Angst haben. Ich sag’s auch keinem weiter. Wirklich!“
Weiterhin hielt ich meinen Mund und starrte ihn an.
„Weist du, ich war auch Mal in deiner Lage. Ich selbst war ja ebenfalls Mal Lehrling. So wie du. Deshalb kannst du mir vertrauen und brauchst nicht irgendwelche Lügen zu erfinden. Du kannst es einfach raus lassen und mir mitteilen, dass dir der Job nicht gefällt und du ihn gar nicht machen möchtest. Also“, sagte Anton und ich konnt’s noch immer nicht fassen, dass er mich damit nicht in Ruhe ließ, „Willst du denn wirklich Maler und Anstreicher werden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Lehre unbedingt machen willst. Keine Sorge, für so etwas habe ich Verständnis. Vertrau mir, ich sag niemanden was. Ich behalte es für mich. Es ist dann unser Geheimnis.“
„Du lässt bestimmt nicht locker, oder?“
„Na hör Mal, ich will dir doch nichts Böses. Nur ein bisschen mit dir Reden. Das ist alles.“
„So, so“, meinte ich und zündete mir eine Zigarette an.
„Jetzt Mal ganz im Vertrauen. Willst du denn ernsthaft diese Lehre als Maler tatsächlich machen?“, fragte Anton ein weiteres Mal und ich fühlte mich langsam genervt. Aber ich hielt mich zurück und ließ mir nichts anmerken. Ich versuchte ruhig zu bleiben.
„Na komm“, sagte er in einem Ton, als wären wir gute Kumpel, „Du kannst dich mir anvertrauen. Ich bin ehrlich Jemand, der ein Geheimnis mit ins Grab nimmt. Selbst wenn es um Leben und Tod ginge, würde ich nichts verraten, was mir ein Freund anvertraut hatte.“
„Das freut mich für dich!“
„Geh komm, sei doch net so. Sag schon. Du willst doch gar nicht Maler werden. Hab ich Recht?“
Ich begann wieder zu schweigen, hörte auf ihn an zu schauen und widmete mich stattdessen voll und ganz meiner Kippe, die ich langsam und genüsslich zu Ende paffte. Anstatt mir weiter Fragen zu stellen, ließ Anton es bleiben. Allerdings nur vorerst.
Wir machten weiter unseren Job und strichen eine Wand nach der anderen an. Glücklicherweise war der Geselle dabei zu beschäftigt um weiter nach zu bohren. Er hatte mit den Wänden und dem Erklären schon genug zu tun. Und das freute mich.
Jedoch hielt diese Ruhe nicht Ewig. Hin und wieder stoppte Anton um mich zu Fragen. Oder er erzählte mir etwas aus seiner Lehrzeit. Etwas um sich bei mir ein zu schmeicheln. Dinge wie: „Es war auch nie mein Traumjob.“
„So ist das Leben“, murmelte ich.
„Was?“
„Ich sagte nur, dass so das Leben sei. Man bekommt selten das, was man will.“
„Das stimmt, mein Freund“, erwiderte der Geselle, „Davon kann ich ein Liedchen singen!“
Ich nickte und versuchte mit einem Schweigen das Gespräch zu beenden. Doch das hielt ihn keines Wegs davon ab, mich weiter mit Fragen zu durchlöchern. Es kümmerte Anton kein Bisschen, ob ich reden wollte oder nicht. Er wollte. Und damit hatte ich de facto auch zu wollen.
„Also ich wollte Mal Lehrer werden. So in einer Volks- oder Hauptschule. Aber keines Falls in einer weiterführenden Schule. Eher mit jüngeren Schülern“, erzählte er mir und zündete sich eine Zigarette an, „Es hat mir schon immer Spaß gemacht, wenn ich anderen etwas beibringen konnte oder zeigte, wie dies oder das geht. Ich hatte daran meine Freude. Und so wollte ich eben Lehrer werden, um dies Professionell zu machen.“
Er stoppte kurz und zog an seinem Glimmstängel. Dann fuhr er fort: „Allerdings war ich ein mieser Schüler und hatte andauernd nur schlechte Noten. Es war ein echtes Wunder, dass ich nie durchgefallen war. Und das auch noch bei all den versauten Schularbeiten und Tests, den vielen nicht gemachten Hausaufgaben sowie der miserablen Mitarbeit im Unterricht. Eigentlich hätte ich jedes Jahr einen Fetzen haben müssen. Wenn nicht sogar zwei oder drei gleich.“
Wieder pausierte Anton kurz. Er machte zwei Züge, starrte kurz die bis zum Filter gerauchte Zigarette an und dämpfte diese daraufhin aus.
„Damit war es mir unmöglich Lehrer zu werden. Ich war zu schlecht und hätte nie die Matura geschafft. Ganz zu schweigen von der Uni“, erzählte der Geselle weiter aus seiner Vergangenheit, „Aber jetzt, als Maler und Anstreicher, habe ich zumindest die Chance den Lehrlingen etwas bei zu bringen. Ich kann ihnen erklären, wie der Job gemacht wird. Es ist zwar nicht wirklich ein Ersatz, aber dennoch kann ich auf eine gewisse Art und Weise unterrichten.“
„Nette Geschichte.“
„Das ist keine Geschichte. Ich habe dir gerade mein halbes Leben anvertraut.“
„Warum machst du keine Abendschule und holst die Matura nach.“
„Ich habe drei Kinder und meine Frau muss selbst arbeiten. Mir bleibt dafür keine Zeit.“
„Berufsreifeprüfung“, erwiderte ich, „Dauert ein Jahr und du kannst studieren.“
„Neben meinem Job studieren? Das geht sich von der Zeit, wie auch von der Kraft, nicht aus.“
„Bildungskarenz?“
„Als Maler und Anstreicher kann man keine Bildungskarenz machen um zu studieren. Das bringt dem Unternehmen nichts“, teilte mir Anton mir, „Deswegen würden die ein derartiges Ansuchen ablehnen.“
„Ja, stimmt.“
„Also, was ist mir dir? Du willst doch sicher nicht Maler und Anstreicher werden, oder?“, wollte er erneut wissen.
„Wann lässt du endlich locker?“
„Erst wenn du mir die Wahrheit gesagt hast, mein Freund.“
„Ach, komm schon, lass mich damit in Ruhe. Ich will darüber wirklich nicht reden. Kannst du das denn nicht einsehen?“
„Das ist doch Blödsinn!“
„Oh Mann“, stieß ich genervt aus.
„Ich weis doch, dass du nicht Maler werden willst. Du würdest lieber was anderes machen. Es ist nicht dein Traumjob. Vertrau mir, ich sag’s nicht weiter!“
„Ja, ich will eigentlich nicht Maler werden. Aber in der Schule lief es halt beschissen. Und so musste ich mich halt nach einer Lehrstelle umsehen. Nur die sind Rah. Es ist verdammt schwierig eine zu finden. Verdammt, ich habe locker dreihundert Bewerbungen verschickt. Für alle möglichen Lehrberufe. Rauchfangkehrer, Maler, Tapezierer, Tischler, Mauerer, Bürokaufmann, Sekretär und vieles mehr. Ich habe mich beinahe in jedem Betrieb Wiens beworben und habe rein gar nichts ausgeschlossen, auch wenn mich das meiste nicht interessierte. Aber was soll man machen, wenn es mehr Leute gibt, die nach einer Lehre suchen, als offene Ausbildungsplätze. Da kann man dann nicht wählerisch sein. Man muss nehmen, was man bekommt und die drei Jahre durchziehen.“
„Wir haben nun einmal üble Zeiten, in der es für die Jugend nicht einfach ist. Ich kann das verstehen. Und ich mach mir schon Sorgen, wegen meinen Kindern“, meinte Anton und zündete sich eine Zigarette an, „Es ist hart heute. Das ist wirklich nicht lustig. Und es wird von Jahr zu Jahr immer schlimmer, sodass ich mich frage, wie es eines Tages meinen Kindern gehen wir.“
Er paffte zwei, drei Mal,

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