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Kategorien > Essay > Der andere Blickwinkel

Ein Königreich für einen Titel

von Rudi Würtz

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Rudi Würtz



Ein Königreich für einen Titel


Eine der heikelsten Aufgaben für den Literaten – der Titel. Vollendet liegt das Werk vor ihm, ein kleiner Schritt noch fehlt, der Krönung letzter Akt: wie soll es heißen?

Jeder braucht, keiner hat, der Dichter sucht ihn, den Titel. Beziehungslos dem Inhalt aus dem Wege gehen, feindlich gesinnt den Worten der Erleuchtung, die ihm folgen. Das ist modern, beinahe Pflicht. Verraten wird nichts, nicht schon im Titel. Das wär´ vulgär.

Was hat ein guter Titel? Intellektuelle Reife, sinnlicher Ausdruck - schön und recht, doch nicht wirklich. Nein, jenes Maß an abstrakter Verklärtheit ist es, mit welchem der Buchtitel sein Unverhältnis zum Inhalt findet. Zwanghafte Distanz zum Nachvollziehbaren, surreale Verständnislosigkeit im Ausdruck und dabei immer schön dem krankhaften Anspruch einer gewissen Buchtitel-Intellektualität gehorchend.

Begehrte Titel sind knapp, gar kostbar. Ein guter Titel wiegt schwerer als ein gutes Buch. Eine schöne Geschichte weniger als ihre griffige Überschrift. Die Folge: ein neuer Markt. Der Markt der brauchbaren Titel. Dem Zeitgeist näher als dem Geist ist es gerade jene abstrakte Distanz der hinterhältigen Nichtaussage, die den modernen Titel so unwiderstehlich macht für den Autor.

Von daher scheint es logisch, die Titelsuche diametral aufzulösen. Zum einen heißt das, den Titel vorauszuschicken als Angebot und Sendung, die das literarische Produkt fordert. Dies setzt den Autor inhaltlich ein wenig unter Druck, was der hin und wieder aber braucht.
Dem gegenüber steht der traditionelle Weg: der Stoff ist fertig, wie nennen wir ihn? Hier ist es der Titel, der gefordert wird – der Autor darf entscheiden.

Beispiele dazu:

Titel 1:

Die Farbe Null

Ein Klassiker im Titelangebot. Von absurder Dynamik gesteuert bringt er selbst die hartgesottenen Verschleierungsfanatiker unter den Autoren ins Schwitzen. Anspruchsvoll wird die im ersten Teil des Titels aufgebaute Erwartungshaltung sprachtechnisch ausgekontert und anstelle des Farben-Adjektivs die Numerale gesetzt. Ein Zungenschnalzer von metaphorischer Distanz und allegorischer Größe. Inhaltlich angedacht ist das ganze für den logistisch konturierten Stoff mit zweidimensionaler Stoßrichtung, selbstverständlich ohne Bezug zu Farben und Zahlen, das wäre ja noch schöner. Ansonsten scheint der Raum groß genug für die Entwicklung sensibler Problemfelder unterschiedlichster Tragweiten.




Titel 2

Aufstand der Schwertlilien

Hier darf es lachen, das Herz des Dichters. Künstlerischer Freiraum ohne Ende. Die kleine Einschränkung: um Schwertlilien geht es freilich nicht, geschweige denn um einen Aufstand. Ansonsten aber Feder frei. Beziehungskrisen, Ökodrama und Vereinsamung, gestörte Sexualität und ungestörte Natur, Lustspiel, Krimi und Tragödie - schreib, wonach Dir ist - der Titel schreit danach. Erlaubt ist, was Du im Kopf hast.







Titel 3:

Der Schweiß des Zitronenfalters

An und für sich ein Titel wie gemalt für den Spionage-Thriller früherer Tage. Moskau, Washington, Naher Osten oder Hongkong, irgendwo dazwischen würde er schwitzen, unser kleiner Falter. Winziger Nachteil: in der Welt von heute ist Spionage aus der Mode gekommen. Wer es dennoch wagt, warum denn nicht.
Auch eine Komplottgeschichte wäre denkbar. Politisch motiviert oder nicht, mit krimineller Energie in jedem Fall. Mafia, Bandenkrieg, Wirtschaftskrimi, irgendetwas in der Richtung.
Weniger geeignet: Psychosoziales, mit und ohne Auseinandersetzung, Ehekrieg, Alltagsscheiß etc., hier bitte aufpassen.
Ansonsten aber eine hübsche Palette, ein gediegenes Arsenal von Themenfeldern, die er gut bedient, unser kleiner Falter. Und seien wir ehrlich: wer von uns hat denn gewusst, dass auch Zitronenfalter schwitzen?




Titel 4:

Springer schlägt Dame

Und wie, könnte man sagen. Dieser Titel macht Schluss mit der Distanz zum Inhalt. Keine Verklärung, keine Verschleierung. Schonungslos sagt er dem Dichter, was er will. Springer schlägt Dame und das wirklich. Gedacht ist in der Tat an einen Springer, genauer gesagt einen Springreiter. Ein Enkel zum Beispiel von Alwin Schockemöhle, jener Reiterlegende, einst für Deutschland olympisch und im Großen Preis unterwegs. Unterwegs nun auch der Enkel beim täglichen Ausritt, irgendwo im Park zwischen Wanne-Eickel und Käserloh. In voller Montur mit typisch schwarzer Reiterkappe trägt ihn sein Fuchs-Wallach durchs Gelände. Und plötzlich sieht er sie - die Dame, nichtsahnend schreitend über kiesigen Grund. Jetzt geht alles ganz schnell. Er reitet sie an, reißt den Gaul herum und mit den Worten: "Hab´ ich Dich endlich erwischt," lässt er die Peitsche knallen. Die Dame, erstaunt zwar, doch die Gefahr nicht recht erkennend, hebt den Arm und will was sagen. Zu spät. Die Peitsche des Enkels trifft sie hart.
Ab hier nun greift der Autor selbst ins Geschehen. Zielsicher führt er die Geschichte weiter und bringt sie an ihr gerechtes Ende. Der Titelgeber will da nicht streng sein, so nur die Grundstruktur der Vorgabe eingehalten wird.
Ansonsten: Die kleine Assoziation zum Schachspiel ist gewollt und harmlos. So fängt man Bauern, und das sind gute Kunden.

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