Ein Leben ohne Aussicht
von
die Hilda
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Wenn ihr mich doch verstehen könntet! Wenn ihr es doch begreifen könntet! Wenn ihr es doch wenigstens versuchen würdet... aber das tut ihr nicht! Ihr hört mir nicht zu. Niemand hört mir zu. Hier und da mal ein Kopfnicken, doch meine Worte bedeuten euch nichts! Nichts. Ich begreife es nicht, wie kann ich euch so unwichtig sein? Ich bin eure Tochter. Ich versuche mit euch zu reden, doch ihr hört nicht zu. Das einzige was für euch zählt sind gute Noten. Hauptsache ich bin gut in der Schule. Klassenbeste, was anderes ist für euch doch undenkbar. Wie es mir dabei geht ist euch doch vollkommen egal. Was ich denke interessiert euch nicht, Hauptsache ihr habt eure Vorzeige- Tochter. Das ist es doch was ihr wollt. Eure Tochter, die die alles kann.... Wisst ihr eigentlich wie es mir dabei geht? Nein, weil ihr nie fragt. Es interessiert euch nämlich nicht.
Ich habe euch versucht klar zu machen, das es so nicht mehr geht, aber warum solltet ihr mir auch zuhören?
Ich bin eingebrochen, plötzlich war ich nicht mehr Klassenbeste und alle haben sich gefragt was mit mir los ist. Meine Lehrer, Mitschüler, ja sogar ihr... doch da war es schon längst zu spät. Habt nicht verstanden wie ich mit solchen Leuten zusammen sein konnte. Diese Leute waren meine Freunde, und zwar die einzigen, die ich je hatte. Sie haben sich für mich und mein Leben interessiert. Aber als ihr dann die Zigaretten in meinem Rucksack gefunden habt war es endgültig aus. Eingesperrt habt ihr mich. Das bloß niemand davon etwas mitbekommt. Ob ich Drogen nehme habt ihr mich gefragt. Verdammt. Ich wollte nur noch raus. Weg von hier, weg von euch! Zum Schluss durfte ich doch gar nichts mehr. Niemanden sehen, nicht mehr aus dem Haus, kein Fernsehen, denn ich könnte ja die falschen Sendungen gucken und keine von diesen wirklich sehr interessanten Dokumentationen. Denkt ihr wirklich ihr hättet es geschafft mich einzusperren? Niemand kann einen andern Menschen wegsperren. Niemand, auch ihr nicht. Ihr seit keine höre Macht und ihr habt schon lange nicht mehr über mein Leben zu bestimmen! Ihr braucht gar nicht erst nach mir zu suchen, denn selbst wenn ihr mich finden solltet, werde ich niemals zu euch zurückkehren. Niemals! Dafür habt ihr mich viel zu sehr verletzt. Ich habe jetzt eine neue Familie, eine die mich ernst nimmt. Hier sind Menschen, die mir zuhören und meine Probleme ernst nehmen. Da staunt ihr, was? Aber ja, diese Menschen sind meine Freunde, meine Familie, denn diese Menschen haben ein Herz. Diese Menschen sind mir wichtig, weil für mich sind es nicht nur irgendwelche Menschen sondern richtige Freunde!
Hallo Carola, Hallo Manfred,
Krischa meinte ich solle euch schreiben. Glaubt mir, ich mache das nicht gerne, aber er meint ihr würdet euch bestimmt Sorgen machen (das ich nicht lache). Jetzt sitzt er mir gegenüber und passt auf, das ich etwas schreibe, später wird er den Brief dann wahrscheinlich irgendwo einwerfen....
Ja mir geht es gut. So gut wie schon lange nicht mehr. Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich frei. Frei von allen Pflichten und Sorgen. Klar erledige ich hier auch Aufgaben, aber die mache ich gerne. Ich kann so lange wach bleiben wie ich will und aufstehen wann ich will. Keiner zwingt mich morgens zu frühstücken und niemand sagt mir was ich zu machen habe. Kurz es ist einfach nur schön...
Eure Tochter
Gestern waren wir in eurer Nähe. Ich habe mich gefragt, ob ihr wohl hinter der Fensterscheibe steht und euch fragt wo ich gerade bin und was ich gerade mache. Ich habe mich gefragt, ob mein Zimmer immer noch genauso aussieht, wie an dem Tag , als ich es zum letzten Mal sah. Doch ich wollte nicht klingeln, wollte nicht rein, denn ich bin schon lange kein Teil mehr von euch, wenn ich es überhaupt je war.
Seit Tagen sitze ich nur noch da und starre ins Leere. Ich weiß nicht was passiert ist. Es ist alles anders. Die anderen gehen alle. Ich weiß nicht wohin, sie reden nicht mit mir. Krischa ist seit Wochen nicht mehr hier aufgetaucht. Dafür.....
„Carola es hat geklingelt, machst du auf?“ „Ja, ich geh schon.“ ----
„Tut mir Leid, aber....“ „Mama.“, mein Gott, wie lange hatte ich dieses Wort nicht mehr benutzt, es kam nur holprig über meine Lippen.
Carola schaute dem Mädchen tiefer in die Augen: „Paula.“, flüsterte sie erstaunt und verwundert. „Manfred.“, rief sie ihren Mann. Manfred blieb in der Tür zum Flur stehen. Er erkannte Paula und wollte nicht näher treten: „Die verlorene Tochter.“, sagte er kaum hörbar. „Habt ihr meine Briefe bekommen.“, fragte ich. „Ja.“, nickte Carola. „Nicht mal die hast du freiwillig geschrieben.“, brachte mein Vater hervor. Da war es. Sie hatten es also nicht über die Jahre verloren. Das Misstrauen und ihre Skepsis in der Stimme. „Komm doch erst mal rein.“, sagt Carola. Ich ging in das Haus. Mir kam alles so vertraut vor, doch gleichzeitig war es mir so fremd. „Was treibt dich nach all den Jahren zu uns?“, fragte Manfred, der sich schon wieder umgedreht hatte um sich wahrscheinlich auf die Couch zu setzten. Ich wusste nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte. Ich wusste es selber nicht genau. Was hatte mich hierher zurück getrieben? Das Verlangen nach einem zu Hause? Neugier? Vertrautheit?
„Wie geht es dir?“, fragte Carola. Ich zog meine Jacke aus und streifte meine Pulloverärmel hoch. Der Blick meiner Mutter viel auf meine Unterarme. „Kind!“, entfuhr es ihr. Schnell zog ich die Ärmel wieder runter. Doch meine Mutter fasste meinen Arm: „Was..? Woher ist das?“, fragte sie. Der Unterkiefer klappte nach unten. Hatte meine Mutter gerade Interesse an mir gezeigt? „Nichts.“, sagte ich schnell. „Deine ganzen Arme sind blau und du sagst es sei nichts?“ Meine Mutter verblüffte mich. Hatte ich ihnen Unrecht getan?
„Die wird sie von irgendeinem Kerl haben. Du weißt doch wie die da draußen sind. Die nehmen alles was sie kriegen können. Guck dir deine Tochter doch an. Die paar Fetzen, die sie an hat würde ihr doch jeder Kerl vom Leib reißen.“ Ich schluckte. Mein Vater war immer noch der gleiche. Er dachte natürlich, das die Menschen draußen auf der Straße grob waren und jede Frau für sich beanspruchten, sofern sie niemanden hatte, der sie beschützte. Aber hatte er nicht recht? „Stimmt das?“, fragte meine Mutter. Ich schüttelte den Kopf, doch meine Augen sagten etwas anderes. Meine Mutter nickte. Ich wusste nicht, ob sie verstand. Sie hatte all die Jahre nie auf meine Mimik geachtet und wenn sie es hatte, hatte sie es gut verborgen. „Jetzt isst du erst mal was. Es ist noch etwas übrig.“, meinte sie. Ich sah drei benutzte Teller auf dem Tisch stehen. „Hattet ihr Besuch?“, fragte ich automatisch. Meine Mutter sah mich an: „Nein.“ Mein Vater stieß Luft aus der Nase und lachte. „Der dritte Teller, meine Liebe, gehört deinem Bruder.“ „Meinem- - Bruder?“, brachte ich hervor. „Ja.“, sagte mein Vater. Ich hatte das Verlangen ihn zu sehen, doch er war nicht im Raum. „Wo ist er?“, fragte ich. „Du glaubst doch wohl nicht, dass wir dich zu ihm lassen,
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