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Kategorien > Kurzgeschichte > Makabre Berufe

Ein Name

von Apus

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Oktober, der 24. 1986, 15.06 Uhr, schrieb er in sein kleines Notizbuch, das er mit einem Namen unter dem Datum vervollständigte. Eric Avery Hurlington.
Wer auch immer das sein sollte… aber das war ihm gänzlich egal.
In zehn bis zwölf Minuten würde ihn dies erst recht nicht mehr interessieren.
Eine Belanglosigkeit.
Wie andere Namen in seinem Notizbuch. Edwin Ferry, James Kinley, Bradley McPherson, Jefferson Brokowski, Giovanni DiVinetta, Alexander Robson.
Eine Liste mit Namen. Eine lange Liste unbedeutender Namen.
Eine Liste der Bedeutungslosigkeit.
Keine Regung entrann ihm, wenn er beim seltenen Durchblättern seines Notizbuches einen kurzen flüchtigen Blick auf einen dieser Namen warf. Sie alle waren wie Geister.
Gefangene Geister in diesem zellulosen Gefängnis, umgeben von den harten Mauern gegerbter Haut.
Aber alle pedantisch, im Zuge seiner charakterseitig gegebenen, stark ausgeprägten Akribie, mit Datum und Uhrzeit genauestens auf diesen kleinen Seiten Papier gebannt.
Fest eingeschlossen in diesem Notizbuch, umhüllt von silbergrauem Leder, das sein Dasein als eine scheinbar unbedeutende Existenz in der Innentasche seines graphitschwarzen Anzugs fristete. Allein er kannte dessen Bedeutung. Sein wohl gehütetes Geheimnis, einem Augapfel gleich, den es zu beschützen galt.
Kein Mensch auf dieser Welt, außer er selbst, wusste um dessen Bedeutung Um jene lange Liste belangloser Namen, die seinem Leben einen gewissen Sinn gaben, nur nichts in seinem Leben veränderten.
Es veränderte nur das Leben derer, deren Namen in diesem kleinen unscheinbaren Notizbuch einen Platz fanden.
Das war das Interessante daran.
Das einzig Interessante.
Allerdings war ein solcher Name meist nur eine viertel Stunde von einer gewissen Bedeutung für ihn.
Wie ein berühmter Star, dem man nah sein möchte, den man verehrte. Bis man feststellt, dass auch er nur ein Mensch ist, ein Alkoholiker oder Drogenabhängiger dazu, der schnupft oder spritzt. Wenn man hinter die Fassade aus Glanz und Glamour blickt, und erkennt, dass all die Schönheit, all der Charme durch die Wahrheit brüchig wird, versteckt unter Make-Up und hinter den Linsenfiltern der Kameras
Dann war es wieder einer von jenen Namen in dieser langen Liste.
Ein Name ohne Bedeutung.
Er kümmerte sich nicht mehr um vergangene Namen. Namen, die durch seine Hand auf diesen Seiten mit Tinte festgehalten wurden.
Namen ohne Bedeutung.
Und der nächste Name war Eric Avery Hurlington.
Noch war es nicht soweit.

15:08 Uhr

In neun Minuten konnte und würde das mit Sicherheit ganz anders aussehen.
Er verstaute das kleine Notizbuch in der Innentasche seines Sakkos und legte den Füllfederhalter in der Mittelkonsole seines Wagens ab.
Der 76er Ford Mustang glänzte in tiefstem Schwarz und war in einem Zustand, der ihn aussehen ließ als wäre der Wagen erst vor wenigen Tagen frisch vom Band aus dem Werk gerollt. Das Leder der Sitze roch frisch, stach in einem äußerst abstrakten Kontrast zur Außenfarbe in schneeweiß hervor und wies nicht die geringste Spur von Abnutzung oder Alter vor. Kein Fleck, kein Riss war zu sehn und die Nähte saßen straff und bestärkten den Eindruck eines Neuwagens noch mehr.
Die Armaturen und die Lufteinlässe, Verzierungen und Knöpfe aus glänzendem Chrom sprangen dem Betrachter sofort ins Auge sobald man einen Blick ins Innere des Autos warf. Die hinteren Seitenscheiben sowie die Heckscheibe des Mustangs waren bereits ab Werk verdunkelt, so dass man trotz des blendend weißen Leders von außen keinen Einblick auf die Rücksitzbank des Sportwagens hatte.
Der stärkste Blickfang, den dieses Coupé zu bieten hatte blieb vor neugierigen Augen aber geschützt. Der Motor. Das Herz dieses Wagens, eine scheinbar unkontrollierbare fast grenzenlose Kraft, die jedem Autonarr das Herz höher schlagen lassen würde in Anbetracht der kalten und nackten, aber umso imposanteren Zahlen. Acht Zylinder, die mit siebenkommafünf Litern Hubraum eine unbarmherzige Herde von fast siebenhundert wilden Pferden gleichzeitig in Galopp versetzten, warteten nach jedem Anlassen des Motors tiefböse grummelnd gierig auf Treibstoff, den sie beim Beschleunigen in ein gewaltiges Brüllen wandelten, einem höllischen Dämon gleich, und die Karosserie beben ließen.
Ein Schmuckstück in vieler Augen, ein zartes Juwel, das in einer dunklen Garage auf schöne Sommertage wartend sein Dasein fristen sollte, bevor die Pferde zum Ausritt frei gelassen würden, einer unbändigen Stampede gleich an wolkenlosen Tagen durch die öde Steppe des harten Asphaltdschungels einer scheinbar zivilisierten Welt, deren Wertschätzungen sich nach materiellen Dingen wie diesem Wagen ausrichteten.
Es war sein Schatz, sein Stolz. Mit dem Unterschied, dass er die Pferde, diese freiheitsliebenden Tiere, nicht das ganze Jahr über in eine dunkle Garage pferchte, sondern ihnen auch bei schlechtestem Wetter den Freilauf gab, den diese Wesen so sehr liebten.
Eben wie an diesem tristen, wolkenverhangenen und nassen Oktobertag.
Und im Augenblick gönnte er ihnen eine kleine Pause.

15:11 Uhr

Zumindest noch sieben Minuten.
Bis sich der Name Eric Avery Hurlington zu den anderen in seinem Notizbuch gesellte.
Er warf einen kurzen Blick auf seinen Chronographen. 15:12 Uhr.
Noch sechs Minuten.
Dann war auch dieser Name nur mehr einer von vielen anderen Namen auf seinen Seiten.
Er öffnete das Handschuhfach und entnahm diesem ein Paar Echtlederhandschuhe in tiefstem Schwarz, wie es der Lack seines 76er Mustangs war.
Mit einer kurzen gezielten Bewegung griff er nach hinten zur Rücksitzbank ohne seinen Blick mitschweifen zu lassen.
Diese Bewegung, geschmeidig und elegant, über Jahre hinweg einstudiert und perfektioniert. Durch schier endlose Griffe, die er wie diesen schon so oft getätigt hatte.
Eine Anzahl wie die Liste unbedeutender Namen in seinem kleinen Notizbuch, das er stets an dem Fleck trug, wo Menschen im Allgemeinen das hatten, was geläufig als Herz bezeichnet wurde. Er trug es statt dessen. Denn das war eben genau das, was er sich nicht leisten konnte und wohl niemals würde leisten können. Er bedauerte dies manchmal sehr. Manchmal.
Er seufzte.
Es änderte aber nichts.
Und deswegen bedauerte er es immer nur sehr kurz.
Noch fünf Minuten.
15:13 Uhr

Er warf einen Blick aus dem Wagen, musterte noch einmal kurz die Umgebung, ließ seine Augen die Straße vor ihm begutachten, dann die Straße hinter ihm.
Der Regen hatte die Rinnsteine geflutet, um manchen Abfluss war bereits ein kleiner See entstanden, ohnmächtig die Massen zu schlucken, die den Himmelspforten entrannen. Eine vom Regen teils flimmernde Welt, wie die gestörten Bilder eines kaputten Fernsehgerätes, der bald seinen Geist aufgab.
Je weiter sein Blick bei seiner routinierten Musterung glitt desto mehr wurde die Welt um ihn herum von einem dichten, wallenden Vorhang aus Wasser verdeckt, der sich immer weiter zuzog.
Die Dämme schienen gebrochen zu sein und eine neue Sintflut bevor zu stehen. Das

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