Ein Rotbuche
von
Iva Schwarz
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Es ist ein wunderschöner Herbstabend. Die Sonne scheint links, ihre warmen Strahlen betasten meine dunkelroten, fast violetten Blätter. Ich bin von allen Seiten von ihrem hellen Licht eingekreist, und will diese Wärme für eine kalte, lange Nacht in meinen Zweigen behalten. Vor mir in der Ferne stehen hohe Berge, und ich bin auf der anderen Seite der Welt, weit entfernt davon. Ich stehe neben einer Bank, vor meinen Füssen liegen Weinberge, ein See und vor dem Bergfuß eine kleine, gemütliche Stadt. Ja, ich bin jung, frisch, hoffnungsvoll und warte auf meine müden Gäste, die zu diesem ruhigen Ort abends bergauf kommen, um die Herrlichkeit und Schönheit der Natur zu genießen. Wie würde ich gern von diesem ruhigen Ort fliehen! Dieselbe Aussicht, jeden Tag, jede Jahreszeit, jedes Jahr! Ich will runtergehen, durch diese schlingende Straße, bis zur mittelalterlichen Mauer, wo ein junges Fräulein oben, einsam steht. Sie ist wie eine unbeschreibbare Schönheit, mit ihrer stolzen Haltung, in ihrem dunkelgrünen Kleid, mit ihrer schlanken Figur. Wie herrlich ist ihre Natürlichkeit! Die Sonne geht langsam unter und verschwindet westlich hinter einem hohen Berg. Der Himmel ist mit einem lilafarbenen Schleier bedeckt und nur der helle Polarstern verkündet den Einbruch der Nacht. Ein leichter, warmer Wind bewegt meine müden Blätter, ich höre ihr leises, dem eintönigen Wiegelied der Mutter ähnliches Rauschen und schlafe ruhig ein, wie ein Kleinkind in der Wiege.
Ich gehe meine breite Traumstraße runter. An den eiserne Zäune umschlingenden Weinreben, hängen schwere, dunkelblaue, fast schwarze Weintrauben. Es ist Traubenzeit! Vor jedem Eingangstor stellen die Bauern ihre Pressmaschinen, um sie am Nachmittag in Gang zu setzen und frischen Traubensaft zu gewinnen. Der Traubenduft verbreitet sich über das ganze Dorf, es gibt schon keine Gasse, keine Ecke, wo er seinen süßen Geschmack hinterlassen hat. Ich bin wie betäubt von dem Aroma der duftenden Trauben und von der Schönheit meines Heimatortes, der aus zwei Welten bestehet – aus einer Stadt und einem Dorf. Im Tal vor dem Bergfuß liegt eine kleine Stadt mit ihren modernen zwei- und fünfstöckigen Häusern. Eine große Brücke verbindet zwei Ufer eines Bergflusses, der in den See mündet. Das Wasser im See ist ein Spiegel, in dem die hohen Berge, die kleine Stadt und mein Heimatdorf ihr Spiegelbild finden. Ich nähre mich der Grenze zwischen der Stadt und dem Dorf. Es ist eine Stadtmauer, die mich anzieht und den Endpunkt meines seltsamen Spazierganges werden muss. Ich hebe meinen Kopf und sehe sie, die am Rande der Mauer steht und weiße Segel auf dem See beobachtet. Ihre stolze Haltung, ihr dunkelgrünes Kleid, ihre schlanke Figur scheinen mir so lieb zu sein! Ich laufe meine Traumstraße entlang, biege nach links um, steige eine hohe Treppe rauf und stehe da oben, auf einem großen bepflasterten Platz, der mit hellen Sonnenstrahlen gestreut ist. Hundert Schritte, nein, einige Schritte trennen uns voneinander. Ich laufe auf sie zu, ich will sie umarmen und ihr sagen, wir würden nie mehr getrennt sein, wir würden…
Ich höre das Rauschen meiner Blätter, ein Stieglitz zwitschert sein Frühlingslied, die helle Sonne geht langsam auf, ein gewöhnlicher Sommermorgen beginnt. Mein Blick späht in die Ferne, und ich sage meiner Lieben leise „Guten Morgen!“. Das Brüderchen „Wind“ trägt meine Begrüßung bis zur Stadtmauer, wo sie steht und auf meine Aufmerksamkeit wartet. Ich sehe, wie sich vor Freude und Glück ihre Nadeln bewegen, wie die Haltung meiner edlen Dame noch stolzer wird, und ich diene ihrer Schönheit, ihrer natürlichen Schönheit.
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