Ein Tag der Schande in Hütteldorf
von
Jürgen Haidvogl
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Es war ein besonderer Tag. Einer, den jeder Fußballfan in Wien mit Sehnsucht erwartet und den sportlichen Höhepunkt der österreichischen Meisterschaft darstellt. Das Duell der beiden Top-Teams aus Wien. Der SK Rapid Wien gegen seinen Erzrivalen der FK Austria Wien. Das 297. Wiener Derby in der Geschichte des österreichischen Fußballs. Ein Spiel, dass für beide Vereine beinahe wichtiger ist als die Meisterschaft. In einer solchen Partie zu siegen, ist für Rapid und Austria, mehr Wert als der Titel der heimischen Fußballbundesliga.
Eine gute Leistung, bringt den Spielern Ruhm und Ehre. Die Torschützen werden zu Helden. Und die zwei Torleute werden entweder zu den tragischen Figuren des Spiels oder zu den Matchwinnern, die Maßgeblich an einem Sieg der eigenen Mannschaft beitrugen.
Dieses viermal pro Saison stattfindende und prestigeträchtige Duell, ist ein Match, welches Helden und Legenden schafft. Es ist kein europäisches Topspiel. Keines, mit großen Namen. Es ist nicht zu vergleichen mit Duellen wie Real Madird gegen den FC Barcelona, Dortmund gegen Schalke 04, Arsenal gegen Chelsea, Manchester United gegen den Stadtrivalen Manchester City oder anderen Spielen mit Teams wie dem FC Bayern, Inter Mailand, AC Milan, Liverpool, Juventus Turin oder wie auch immer die großen Top Mannschaften des europäischen Fußballs auch heißen mögen.
Genauso wenig ist es auch keine Partie, der Könige des Weltfußballs. Keine Namen wie Messi, Robben, Ribery und Co werden auf den Trikots von Rapid oder Austria stehen. Aber es ist ein Derby mit Tradition. Mit einer langen Geschichte. Es ist ein Match auf das sich dennoch über eine Million Menschen freuen und jedes Mal für ein ausverkauftes Stadion sorgt.
In der Woche vor dem 297. Wiener Derby dachte ich viel darüber nach, ob ich mir ein Ticket besorgen sollte um direkt im Stadion dabei zu sein. Ich konnte mich nicht entscheiden. Immerhin handelte es sich um das wichtigste Spiel der Saison, für das sich Unmengen von Menschen interessieren. Ich wusste nicht, ob ich noch eine Karte bekommen könnte.
Als begeisterter Rapidfan wollte ich durchaus ein Mal beim Wiener Derby im Stadion sein. Vom finanziellen her, sah es ebenfalls gut aus. Jedoch fehlte es an der Lust, nach Hütteldorf zu fahren. Und somit kaufte ich mir keine Karte. Ich entschied mich, das Match zu Hause im Fernsehen zu verfolgen.
Am Sonntag des Spieltages war ich sehr aufgeregt und nervös. Ich konnte die Partie kaum erwarten. Immerhin ging es um viel. Zum einen um die Ehre und zum anderen hatte Rapid eine schlechte Saison, die sich langsam dem Ende zuneigte, und war vor Spielbeginn nur auf Platz fünf. Titelchancen waren kaum noch vorhanden. Im ÖFB Cup war man erst vor wenigen Tagen im Halbfinale gegen Ried ausgeschieden, die nun im Finale auf ein Team der zweiten Liga trafen. Und für einen Europa Pokal Startplatz benötigte man zumindest Rang drei in der Bundesliga.
Um nach dieser versauten Meisterschaft zumindest noch in der neuen Saison in der Europa League zu starten, brauchte man im Derby einen Sieg. Ansonsten wären die letzten Partien nur noch ein paar Pflichtspiele, die man aus Formalitätsgründen zu absolvieren hätte.
Da ich nächsten Herbst, wie auch in dieser Saison vor der Winterpause, bei den Gruppenspielen des Europa Cups Rapid im Stadion sehen und anfeuern wollte, steig die Nervosität in den Stunden und Minuten vor Anpfiff. Dies war mir absolut wichtig, denn bei einem europäischen Bewerb live dabei zu sein, ist eine Erfahrung, die man niemals vergisst. Es handelt sich dabei um etwas, ein großes Gefühl, dass man als Österreicher leider nur selten auskosten kann. Und ich wollte es wieder!
Anpfiff war pünktlich um sechzehn Uhr. Mein Vater war bei mir im Zimmer und sah sich mit mir zusammen das Derby an. Er selbst war kein Fan eines der beiden Teams. Es gab im Grunde nie wirklich eine Mannschaft, als dessen Fan sich man Vater bezeichnen würde. Stattdessen war er nur ein Fan des Fußballs im Allgemeinen und sah sich gerne ein Match im Fernsehen an. Am liebsten war ihm die Champions League, wo man ihm die besten Teams und Spieler der Welt präsentierte.
Rapid hatte durch Nuhiu früh eine Chance auf die Führung. Doch sein Kopfball ging knapp am Tor vorbei. Trotz dieser Möglichkeit, die es bereits ein, zwei Minuten nach Spielbeginn gab, kamen die Grün-Weißen nicht recht ins Spiel. Es lag vor allem an Steffen Hofmann, der von den Fans als Fußballgott bezeichnet wird. Hofmann war an diesem Tag verletzt und musste sich das Spiel von der Tribüne aus ansehen.
Die Mannschaft des Rekordmeisters aus Hütteldorf wirkte Ideenlos, leistete sich eine Menge Fehlpässe und schaffte es nicht wirklich den Ball nach vorne zu spielen. Einfach gesagt: Nichts klappte!
Im Gegenzug war die Austria stark. Sie hatten viel Ballbesitz, einen hervorragenden Spielaufbau und präzise Pässe. Die Violeten, von den Rapidlern als Schande von Wien bezeichnet, fanden gut ins Spiel und bekamen in Minute fünf eine Topchance. Diese nutzte ihr Stürmer Roland Linz eiskalt aus und erzielte das 0:1 für die Gäste aus Favoriten.
Die Fans, allen voran die Ultras auf der Westtribüne, blieben ihrem Team trotz des frühen Rückstandes treu und feuerten die Spieler an. Durchs Stadion hallten die Schlachtgesänge der Rapidfans, auf den Rängen wehten die grün-weißen Fahnen und die Fans streckten ihre Schals mit der Aufschrift SK RAPID WIEN in die Höhe.
Die Stimmung war weiterhin gut. Trotzdem gelang Rapid nichts. Dennoch waren die Hütteldorfer Ideenlos und schafften es nicht Torchancen heraus zu spielen. Die Fehlpassquote war erbärmlich hoch. Es war kein rühmliches Match des österreichischen Rekordmeisters, welcher als einzige Mannschaft der Alpenrepublik zwei Mal in einem Europa Cup Finale am Feld stehen durfte.
Es war an und für sich kein Wunder, dass zwanzig Minuten nach dem Führungstreffer, das Tor zum 0:2 fiel. Dieses Mal traf Junuzovic, in dessen Richtung daraufhin mehrere Becher flogen. Allesamt von der Westtribüne. Und nicht ein Mal eine Minute später erhoben sich hunderte Rapidfans. Sie kletterten über den etwa ein Meter hohen Zaun, der den Westsektor vom Spielfeld trennte, und rannten auf den Platz. Einige, die wohl die Rädelsführer waren, hatten sich zu diesem Zwecke, maskiert. Aber der Großteil der Platzstürmer trugen keine Masken oder andere Gesichtsverschleiernde Kleidungsstücke. Dies waren die Mitläufer.
Ich war schockiert und fassungslos. Wie auch mein Vater, konnte ich nicht glauben, was ich am Bildschirm sah. Ich wollte es auch gar nicht für die Realität halten. Es war zu furchtbar. Ein Erlebnis, welches mich erschütterte. Als Rapidfan fühlte ich mich von diesen Idioten, diesen dummen Vollidioten, gedemütigt. Ich schämte mich ein Anhänger dieses Vereins zu sein, in dessen Namen dreihundert bis vierhundert Spinner das Spielfeld stürmten.
Diese Individuen der Schande versuchten einige Spieler zu attackieren. Nicht die, der Austria, sondern die der eigenen Elf. Die von Rapid. Aber zum Glück
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