Ein Tagtraum
von
Viktor Koll
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Ein Tagtraum
Gestern hab` ich was geträumt, was wohl irgendwie zu mir zu passen scheint. Also ich war ein Sprinter und ich hatte mich akribisch auf einen bevorstehenden Wettlauf vorbereitet. Ich hab echt geackert wie ein Tier, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Morgens, mittags, abends; in meinem Traum hab ich sogar nachts nur von diesem einen großen Rennen geträumt. Als der glorreiche Tag dann endlich gekommen war, konnte ich vor Aufregung keinen einzigen geraden Satz rausbringen und ich bin normalerweise nicht gerade auf den Mund gefallen; nie um eine Antwort verlegen. Jeder Muskelfaser meines Körpers, der nur für diesen einen Wettkampf konstruiert zu sein schien, vibrierte vor lauter Tatendrang. Ich war um es kurz zu machen, motiviert bis in die Haarspitzen, so richtig drauf. Endlich konnte ich den anderen Läufern und allen Zuschauern zeigen, was ich aus mir gemacht hatte und im Stande war, aus mir rauszuholen. Die Rennleitung ruft uns also einzeln auf und stellt uns namentlich der Reihe nach vor. Die Zuschauer applaudieren lauthals. Die Fahnen des Sportfestes flattern im Wind. Es ist keine einzige blöde Wolke am Himmel zu sehen. Weit und breit. Wir nehmen Aufstellung in unseren Startlöchern. Gehen in die Hocke. Ich grabe meine Spikes - bestickten Rennschuhe in die beiden Startblöcke. Mein Oberkörper ist nur auf meine Fingerkuppen gestützt. Ich drücke mein Becken nach oben. Im Augenblick des Startschusses, der rötlich mit weißem Rauch aus einer Pistole abgefeuert wird, bin ich der konzentrierteste Mensch auf der Welt. Mein Geist und mein Körper sind zu einer unzertrennlichen Einheit verschmolzen, so richtig Zen – mäßig. Ich lebe nur für diesen einen großen Knall. Mit dem was danach kommt, sollen sich die anderen rumschlagen; ich hab damit nichts mehr zu tun. In dem Moment, als ich hochschnelle, spüre ich etwas unangenehm Nahes an meinem Rücken. Eine riesige Hand, der ich niemals gewachsen sein werde, hat sich in mein weißes Trikot gekrallt und denkt nicht im Traum dran loszulassen. Mein Oberkörper wird zurückgerissen. Ich taumele nach hinten und stürze zu Boden. Aber ich komme wieder auf die Beine. Der Zeitpunkt erscheint mir ungünstig um aufzugeben. Noch kann ich die Anderen einholen und gewinnen; ihr Vorsprung ist so groß noch nicht. Aber ich trete auf der Stelle. Ich strampele wie verrückt, aber ich komm einfach nicht vorwärts. Mit den Spikes an meinen Füßen scharre ich den Grund unter meinen Füßen auf. Ich renne ein Loch in die Tartanbahn. Immer tiefer. Ich verschwinde förmlich in der Bahn. Irgendwann bin ich so tief unten, dass ich springen muss, um zu sehen, dass die anderen Läufer schon längst im Ziel angekommen sind und sich der feiern lässt, der ich nicht bin, während ich am Start in diesem verdammten Loch stecke. Kein Mensch kann mich mehr sehen, so tief unten bin ich. Ich schreie, um mich bemerkbar zu machen, damit wenigstens ein Scheiß – Funktionär kommt, um mir rauszuhelfen. Aber niemand kommt. Von meinem Loch aus, kann ich hören, wie die Siegerehrung abgehalten wird; das Abspielen der Hymne, den frenetischen Jubel der Zuschauer; ich bilde mir sogar ein zu hören, wie die Flaggen geräuschvoll im Wind flattern. Ich brülle, als gäb` s kein Morgen, aber gegen den Geräuschpegel komme ich nicht an. Ich werde einfach übertönt. Irgendwann bin ich so heiser, dass ich nur noch krächzen kann. Später nicht einmal mehr das. Stumm und unsichtbar sitze ich in der Falle und warte auf irgendwas. Ich höre, wie die Zuschauer von ihren Plätzen aufstehen und das Stadion verlassen. Die Ränge leeren sich und es ist still. Wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege, kann ich den Himmel beobachten. Beim ersten Mal sehe ich, dass es dämmert. Später dann, ist es stockfinster. Nachdem nochmals einige Zeit vergangen ist, höre ich plötzlich Schritte auf meine Grube zukommen. Ich höre, wie sich Männer miteinander unterhalten, aber ich sitze so tief in der Erde, dass ich nicht verstehe was sie sagen. Da ich keinen Ton mehr herausbekomme, klatsche ich in die Hände um irgendwie Krach zu machen, so dass man mich befreien kann. Aber das Loch ist so eng, dass der Schall nur von der einen zur anderen Seite des Lochs hin- und hergeworfen wird und erst gar nicht nach außen dringt. Ich werde beinahe wahnsinnig, aber so sehr ich mich auch winde; ich bin der Enge meines Lochs hilflos ausgeliefert. Die Schritte draußen entfernen sich wieder. Kurze Zeit später höre ich ein lautes Motorengeräusch. Wie wenn schweres Geschütz vorfährt. Es nähert sich unaufhaltsam. Ich vermute ein Fahrzeug, wie sie auf Baustellen verwendet werden. Ich hab dort mal einen Sommer lang gearbeitet. Der Lader wendet also und kommt piepend rückwärts auf mein Loch zugefahren. Das Letzte was ich sehe, sind die Rückschlussleuchten des Fahrzeugs und die Laderampe, die sich direkt über meinem Kopf öffnet, bevor mit einem Schwall, in der Nacht schwarzen Sandes mein Loch einfach zugeschüttet wird. Ich kann meine Schuhe nicht mehr erkennen; es ist als ob ich in einem Nichts stehen würde und ich schaff` s einfach nicht meine Füße da wieder raus zu ziehen. Irgendwie erinnert mich das an eine Hinrichtung, wie sie unter Mafiosi wohl so üblich ist, wegen der Betonklötze an den Beinen, meine ich jetzt. Der Sand prasselt weiter gnadenlos auf mich ein. Ich mache den Hals lang und versuche den Kopf oben zu behalten, um wenigstens atmen zu können, aber der Schutt trifft mich so wuchtig, dass es ziemlich aussichtslos ist. Ungeachtet der Tatsache, dass ich sterbe, rieselt er durch mein Trikot, sogar in meine Unterhose, drückt meine Schultern nach unten, umgibt mich ganz und gar und lässt mich in Sekundenschnelle bewegungsunfähig zur Salzsäule erstarren. Ich kann nur noch raten, dass sie über die Stelle, an der mein Loch war, ein neues Stück Tartanbahn legen und die Bahnmarkierung erneuern. Dann bleibt mir die Luft weg.
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Kommentare
anonym schrieb am 2007-12-18 19:23:14:
ich weiß nit wie die geschichte lautet aber ich finds gut das es diese seite gibt denn ich schreib eine arbeit darüber und deswegen ist das eine gute übung vor allem da ich eine 1 schreiben muss.also thx wer auch imma doese site gemacht hat denn sie ist sehr hilfreich... .
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